Liebe Elena,
es fühlt sich fast etwas lapidar an, das so zu schreiben, aber zunächst einmal danke ich dir von Herzen für diesen Austausch, für all die Anregungen und Rückführungen zum Schauen und auch für die Ressourcen, die du aufgelistet hast. Gerne teile ich meine Erfahrungen hier weiter mit und freue mich auf weiteren Austausch.
das Durchschauen der Ich-Illusion [ist] erst der Anfang des Erforschens. Es kann auch der Beginn eines Aufräumens alter Glaubenssätze und gewohnheitsmäßiger Denkmuster sein.
Diese Beobachtung stelle ich gerade alltäglich am laufenden Band fest. Wie auf Englisch beschrieben ist es momentan vor allem ein immer wiederkehrendes Hinterfragen und "Enttarnen" von allerhand Gedankenkonstrukten.
Wenn ich in dem Zusammenhang nochmal auf die Eingangsfragen schaue, dann lese ich vor allem Gedanken über Gedanken - Der Eindruck "Nur wissen, nicht fühlen" ist definitiv verschwunden - durch den simplen Akt des tatsächlich einfach mal Nachschauens. Eines der konkretesten Erkenntnisse, die ich in diesem Zusammenhang in den letzten Wochen gemacht habe, ist genau das: Was ist ein Gedanke, wann denke ich, wann schaue ich - und die damit verbundene Feststellung: ziemlich vieles, was bisher als gegeben angenommen wurde, sind einfach nur Gedanken - ein Prozess, der sich gerade laufend weiter entfaltet.
In dem Zusammenhang würde ich auf die Frage
3. Wie wirst du dich verändern?
heute auch anders antworten. Die Metapher des Kleidungsstücks, so erfolgreich oder erfolglos sie auch sein mag, ist nichts weiter als ein Gedanke. Wenn ich in meine direkte Erfahrung schaue, finde ich allerhand "Verhalten" und "Gewohnheiten", aber niemanden, der eine Persönlichkeit haben könnte - nur Entscheidungen, die einfach passieren, Gedanken, die häufiger auftauchen als andere etc. Da dort kein "Ich" ist, das sich verändern kann, habe "ich" "mich" nicht verändert und auch in Zukunft gibt es kein "anderes Ich", das "sich verändert hat" - und doch lässt sich Veränderung natürlich laufend direkt erfahren. Diese Tendenz, ein "Ding" aus so etwas wie "Persönlichkeit" zu machen und solche Dinge dort stillschweigend anzunehmen, wo keine sind, ist etwas, das sich seit dem Beginn des Dialogs an immer neuen und unvorhergesehenen Stellen entfaltet.
Du sagst „nicht viel“, nicht „gar nichts“... Könntest du etwas mehr darüber erzählen was sich denn im Umgang mit anderen geändert hat – vielleicht subtil und unspektakulär? Fallen dir Situationen ein, in denen Interaktionen oder emotionale Reaktionen anders abliefen, als du es von dir gewohnt warst?
Ein spannendes "Forschungsfeld" in diesem Zusammenhang ist sicherlich die Erkenntnis gewesen: "Da ist kein 'Ich' in der direkten Erfahrung auffindbar und auch keine 'anderen'". Diese Feststellung, da sind auch keine anderen, nur weitere Ereignisse und Erfahrungen, die passieren, ist besonders gestern und heute etwas gewesen, das neue Erkenntnisse und auch neue Fragen aufgeworfen hat. "In der direkten Erfahrung sind keine anderen" und trotzdem gebe ich dieser Person die Schuld für "ihr Verhalten". "Ich gebe einer anderen Person die Schuld" - Moment mal, kann ich das in meiner direkten Erfahrung bestätigen? etc. Die Baseline an Situationen und Begegnungen, in denen es sich so anfühlt, als passierte dieses Ereignis einfach so, ist sicherlich gestiegen. Und gleichzeitig kann ich in gewissen Situationen praktisch dabei zuschauen, wie sich eine emotionale Reaktion entfaltet, die auf Illusionen beruht - und damit neue unhinterfragte Annahmen zutage fördert: "Du solltest es ja jetzt eigentlich besser wissen..." und dann wird wiederum diese Idee geprüft - sicher hast du ähnliches erlebt? Das Thema emotionale Arbeit, das du ja erwähntest, scheint jedenfalls etwas zu sein, das sich gerade auch in meiner Erkundung ergibt. Gerne schaue ich mir mal deine Empfehlungen dazu an.
Dir also erneut von Herzen Danke dafür, mich auf diese Erkundung mitgenommen zu haben,
bis bald,
Thorben
p.s.: Die Nutzung von Anführungszeichen ist sicher neuerdings auf einem all-time high. :D