Hallo Ichbin,
mal schauen, ob "ich" das alles zusammenbekomme, aber ich habe das Gefühl, dass seit dem letzten Post auch noch die letzten Puzzle-Teilchen dazugekommen sind...
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Ganz eindeutig nein, das kann ich jetzt auf allen Ebenen bestätigen.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die ICH-Illusion beruht auf Gedanken, die an ein Ereignis, etc. anhaften -- so dicht, dass der Eindruck passiert, dass es ein aktiv handelndes ICH gibt, welches das Geschehen steuert -- und daraus auch eine Geschichte konstruiert. Es gibt jedoch nur Geschehen.
Ich habe beispielsweise gerade das "Problem", dass ich auf ein Päckchen aus dem Ausland warte, das aber einfach nicht ankommt. "Ich" möchte aber den Inhalt dieses Päckchen haben; d.h. die Gedanken (verdichtet zu der Vorstellung, dass es ein handelndes Selbst gibt) haften so dicht mit dem Päckchen-Inhalt oder den Besitz an, dass eine Identifikation mit den aufkommenden Gefühlen wie Wut passiert (da ist ein "ICH", das wütend ist) -- und eine Geschichte konstruiert wird (ein schlecht organisierter Versandservice). Und die Vorstellung, dass dieses ICH das Geschehen durch Druck, Drohungen etc. beeinflussen kan.
Eigentlich gibt es nur Geschehen (also etwa der Versand und das Steckenbleiben des Päckchens) und dazu kommen auch Gedanken auf, die durchziehen. Aber da ist kein ICH, dass den Versand steuern kann (oder den Inhalt des Päckchens besitzt). Und auch kein "böser" Versandhandel.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Da ist eine größere Weite in der Wahrnehmung der Dinge (gerade etwa bei Sinneswahrnehmungen), Gelassenheit, aber auch Offenheit. Das Wissen darum, dass das ICH nichts lenken kann, gibt sehr viel Ruhe (aber zugleich ist es auch keine Passivität), da sich gerade dann zuvor übersehene Dinge zeigen.
Beispielsweise war ich gerade am Wochenende auf den Weg zu meinen Eltern; eigentlich in Verbindung mit einem öffentlichen Vortrag, vor allem aber auch, weil dies eine Gelegenheit war, meinen Vater nochmals zu sehen. An diesem Abend wurde der Flug wegen technischer Probleme gestrichen -- die nächste Möglichkeit ergab sich erst am nächsten Morgen. Es war deutlich fühlbar, dass die ICH-Gedanken begannen, zunächst Angst-Szenarien zu entwickeln (was, wenn ich zu spät komme, etc.) und dann alle möglichen Alternativ-Szenarien durchzuspielen, wenn der nächste Flug nicht gegangen wäre. Bis die Feststellung kam -- egal, was hier überlegt wird; ICH habe hier keinen Einfluss (es gab auch noch Schneetreiben; also wirklich keine Alternativen wegzukommen) und kann alles nur geschehen lassen. Hier kapitulierte das ICH -- und "ich" konnte mich auf das Geschehen einlassen: Eine Übernachtung in einem kleinen Dorfhotel mit einem netten Abendessen mit anderen Mitreisenden; und der verspätete Zeitpunkt der Ankunft bei meinen Eltern war perfekt (ich hätte am Vorabend eher gestört).
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Rückblickend war es tatsächlich die erwähnte Bemerkung einer Freundin, dass mit dem Sterben meines Vaters gerade etwas sehr Großes passiert. Hier lösten sich die Enge der ICH-Bilder auf und gaben den Weg frei für eine völlig andere Perspektive.
Und diese neue Perspektive hat sich dann auch im Sterbeprozess gezeigt (mein Vater ist dann tatsächlich gestern abend zu Hause gestorben). Hier wurde dann -- neben vielen anderen Dingen -- ganz deutlich, dass alles, woran ein ICH vielleicht einmal angehaftet hatte (Besitz, Hobbies, aber auch familiäre Rollenmuster etc.) überhaupt nichts mehr gezählt haben und sich auch aufgelöst haben. Es gab nur noch den Sterbeprozess -- der auch meinerseits ohne die Anhaftung an die Wünsche eines ICHs (aber mit sehr intensiven Gefühlen) eine unbeschreibliche Erfahrung war.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Einiges davon ist schon in de vorherigen Antworten mit drin. Es gibt Geschehen, aber kein ICH, das entscheidet. D.h. der freie Wille ist nicht der Wille des (illusorischen ICHs), sondern (das ist jetzt schwer in Worte zu fassen) es gibt nur das Geschehen, das hier wirkt und umso stärker erfahren kann, wenn die ICH-Illusion hier nicht blockiert. Das ICH hat keine Wahl oder Kontrolle (weil auch nicht vorhanden) -- über gar nichts. Also ich hatte in dem Beispiel von Antwort 4 keine Kontrolle darüber oder Einfluss darauf, wann (und wie) ich bei meinen Eltern ankommen werde. Auch die Absicht des Handelns ist nicht die eines (illusorischen) ICHs -- es ist Teil der Handlung. Und vielleicht noch ergänzend dazu: Der Zeitpunkt für genau diese Reise wurde vor über einem Jahr festgelegt; "ICH" hatte eine Auswahl an Terminen für den Vortrag erhalten und ein Datum/Reisezeitraum ausgewählt -- der aber eigentlich der Zeitpunkt des Sterbeprozesses war. Und offenbar schon feststand -- unbeeinflussbar von der Entscheidung/Willen/Kontrolle eines ICHs.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Eigentlich nur, dass die Anleitung von Euch beiden, Prembodha und Ichbin, wirklich wunderbar war/ist!
Herzliche Grüsse
Britta