Schön, dass der Austausch für dich hilfreich war. :-)
Ich danke dir/euch für die Begleitung und diese Plattform und die wunderbare Arbeit, die ihr hier leistet. Sie ist von unschätzbarem Wert.
Unsere obligatorischen Abschlussfragen, wenn du möchtest kannst du sie noch beantworten,
sie sind auch gut um nochmal zu sehen, wo man steht.
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Ein eigenständiges "Ich" gibt es nicht. Es ist ein Konstrukt der Wahrnehmung, eine Identifikation mit Formen. Wenn im Schauen erkannt wird, dass dieses "Ich" nie existierte, verbleibt man im Schauen, es verbleibt ein namenloses, formloses Sein.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Diese Frage hat mir bereits jemand geschickt, jetzt weiß ich woher es kommt :-). Ist unter 1) schon kurz beschrieben, ergänzend kann man sagen, es ist eine Täuschung des Seins selbst. Die Illusion entsteht durch den unhinterfragten und durch Konditionierung gestärkten Gedanken, dass es ein eigenständiges "Ich" gäbe, das den Menschen kennzeichnet und das er ist und mit dem er identisch ist. Diese Identität hat es nie gegeben, sie ist eine hingenommene, zumeist nicht hinterfragte, weil sehr stark verinnerlichte Abstraktion. Ihr Akzeptieren wird auch durch die Sprache gefördert und das gesamte kulturelle Umfeld, die Familie, Medien, die gewohnten Lebenskonzepte. Wenn diese Täuschung erkannt wird, löst sich die Bindung zu dieser Idee des "Ich" auf. Es wird nicht mehr wie ein Besitztum verteidigt und die Geschichte dieses "Ichs" wird nicht mehr als Leidensgeschichte erlebt. Vielmehr erkennt man, dass das Festhalten an einem "Ich", wie ein Wahn ist. Man weiß es in dem Augenblick nicht besser. Erwacht man von dieser Illusion und erfährt das Sein in seiner Natürlichkeit, ist dies sehr befreiend, Ängste fallen ab, man versteht plötzlich und versteht nicht gedanklich sondern weil man erfahren hat. Und es bleibt dies schwer in Sprache zu vermitteln, weil die Erfahrung ohne Subjekt auskommt, das Sein schaut sich selbst. Wenn Gläubige glauben müssen, so WEISS man nach dem Erwachen über das, was Gott, letzter Grund etc. genannt wird. Es sind nur verschiedene Namen für das Eine, das existiert. Man hat es geschaut und braucht nicht mehr zu glauben. Das Erleben des Moments gerade ist eine Erfahrung von Freiheit, Tiefe, von Raum. Auch die Zeit wird nicht mehr konstruiert, sondern es wird erkannt, dass der Moment alles ist. Die Illusion der Zeitlichkeit ist der Ich-Illusion verwandt. Im Grunde sind sie eins, die Zeit-Illusion ist nur gedanklich schwerer zu fassen, in der Erfahrung lösen sich Ich-Illusion und Zeit-Illusion gleichzeitig auf. Form und Inhalt werden bei beiden Illusionen verwechselt. Das Leben kann man nicht besitzen, man kann es nur leben. Die Gewohnheit des körperlichen Festhaltens verleitet die Menschen zu der Idee, dass sie selbst auch Vergleichbares wären. Dem ist aber nicht so. Das, was im Schauen erlebt wird, ist ein Bewusstsein des Bewusstseins, der menschliche Körper kann Anteil daran haben, es erleben, es ist aber unsterblich, daher braucht man keine Angst haben zu sterben. Es gibt da nichts, was sterben könnte. Wir sind nicht der menschliche Körper. Das Höchste, zu dem der Mensch fähig ist, ist die Anteilhabe an diesem Bewusstsein. Es ist ein Geschenk.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Befreiend, ein Gefühl von Ruhe, Stille, Natürlichkeit, Angekommensein. Vor dem Dialog hatte ich bereits ein Erwachenserlebnis, aber ich bin in die Ich-Illusion teilweise zurückgefallen. Mir ist heute folgender bildlicher Vergleich dafür gekommen: Mir war vor dem Dialog als wäre ich wieder eingeschlafen. Der Film Matrix eignet sich so schön für Veranschaulichungen, wahrscheinlich haben ihn Erwachte entworfen. Ich war in einem Zustand wie ein Neo, der in der von den Maschinen konstruierten Kapsel aufwacht ohne etwas sehen zu können aber weder abgekabelt, noch von Morpheus und Seinesgleichen abgeholt wird. Und dann langsam wieder einschläft und darüber sinniert, was die Erschaffer der Matrix treiben mögen, dass die Welt so beschaffen ist, wie er sie erfahren hat. Nach meinem Erwachen 2012 erlebte ich eine rasante Entwicklung, habe (es hat :-)) alles mit neuen Augen gelesen, gefühlt, "Ich" war nicht mehr und das, was ich wurde, war ein Raum, der bestand, ein Mysterium, aber die Wahrheit. Ich hatte den Drang zu verkünden, mich mitzuteilen, dachte ein Verschenken eines Buches von Tolle müsste Andere einfach zum Erwachen bewegen. Aber es ist viel schwerer als man denkt. Die Täuschung klebt wie eine Orangenhaut an der Orange, die Wahrheit ist so nah und die Helfer bemüht und man schafft den Schritt dennoch nicht. Ich habe als irgendein Subjekt auch nie einen Schritt ins Erwachen vollzogen, mir ist es passiert, heute, jetzt, kann ich in diesem Sein verweilen, das kein Subjekt benötigt und doch handelt, erlebt, fühlt. Es ist ein wundersames Sein, das Buddhas Lächeln so tief verständlich macht. Es ist nicht einmal ein Gefühl, auch wenn es mit Ekstase oft beschrieben wird, es ist Freiheit und eine Leere. Es gibt hier keine Inhalte in diesem erfahrenen Raum, das Sein ist der Inhalt und Herz und Bauch brodeln fröhlich vor sich hin :-).
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Früher die Beschäftigung mit spiritueller Literatur (über Bretz zu Tolle, Yogananda, Levine, Tart, Mooji, Babaji, Maharshi und einige wunderbare Lehrer mehr). In diesem Dialog die Hinweise, genau auf die Wahrnehmungen zu schauen. Was passiert genau? Wer sieht, was passiert beim Sehen? Dies führte zu mehr Achtsamkeit und dem Schauen. Die wunderbare Geduld des Gegenüber.
5) Gibt es irgendwelche Ereignisse im Leben, über die Du Kontrolle ausübst? Kannst Du über irgendetwas entscheiden, es beeinflussen oder herbeiführen? Gib ein paar konkrete Beispiele aus Deiner Erfahrung.
Nein, das Leben entfaltet sich. Kontrolle würde bedeuten selbst das Sein zu tragen. Es kann nur geschaut werden, das Handeln ergibt sich. Keine Kontrolle, es ist eine wichtige Lektion zu lernen, die Ereignisse anzunehmen. Diese Einsicht ergab sich für mich im Sein. Jeder Versuch einer Kontrolle ist das Etablieren einer inneren Instanz, die sich gegen das Leben sträubt, um abstrakte Konzepte zwanghaft im Äußeren abzubilden. Wir dürfen das Sein erfahren. Kontrolle implizierte einen Wünschenden, der gerade nur eine Abstraktion ist. Kontrolle ist die Illusion besitzen zu können.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Ich danke euch, dass ich in eurer Begleitung Illusionen lösen konnte und das Schauen mich wieder in seine Hände empfing. Ich sage "ihr", weil hinter der LU ein Team oder eine Gemeinschaft steht. Ich habe gelernt im Gespräch achtsamer zu sein (gerade mit den vielen ichs: ich, Ich, ICH), um Missverständnisse zu vermeiden. Ihr habt mich erneut ins Schauen gesetzt, das Sein in mir angeregt, dass sich dieses der Illusionen stellt um aufzuwachen. Ihr habt einen Spiegel an den Stellen vorgehalten, wo die Täuschung sich verbirgt. Ich danke aber auch ganz persönlich dir, lieber Joram, ich werde mich gerne an deine Hinweise erinnern und trage dich in meinem Herzen.
Da ich persönlich nie einem Erwachten begegnet bin, würde ich mich freuen, dich Joram oder Freunde aus dem LU-Team irgendwann zu treffen, ich werde mich ferner bei Matthias bedanken, der mich zu LU gelotst hat, damit es noch "einen kleinen Schubs" erhält. _()_ Sei Friede in euch und Güte und Herzlichkeit. In Stille, Ernesto.