1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"?
Gab es das jemals?
Der Verstand sagt zuerst „nein“, dann „ja, aber“. Es schaut so aus, als wäre das alles echt: Ich, die anderen Ichs, das scheinbare Ich-Erleben. Gerade jetzt denkt, zweifelt, schreibt ein Ich. Aber was oder wer ist dieses Ich?
Es hat Namen, Beruf, Kinder, Körper mit bestimmten Aussehen, Alter, Gewohnheiten, Hobbies und vieles mehr.
Und trotzdem gibt es dieses Ich nicht. Es lässt sich nirgendwo finden außer gedanklich als Gesamtpaket – also Namen, Körper, Beruf …
Es existiert lediglich gedanklich. Ich sage oder denke „meine Gedanken“ und es schaut so aus, als würden sie „in meinem Kopf“ entstehen. Das verleitet dazu, zu sagen, der Ursprung oder auch Sitz des „Ichs“ wäre das Gehirn oder der Verstand. Doch da sind immer nur Gedanken. Kein eigenständiges „Ich“ und kein „mein Kopf“. „Ich“ ist ein Gedankengebilde ebenso wie „mein“ oder „Selbst“.
Ob es jemals ein eigenständiges Ich gab? Jetzt ist keines zu finden. Ich kann von einem konkreten Ich-Erlebnis in der Vergangenheit erzählen. Aber das sind lediglich Gedanken, Erinnerungen. Wenn also jetzt keines gefunden werden kann, hat es auch damals in diesem konkreten Moment keines gegeben. Da sind und waren nur Gedanken an ein Ich, welches etwas erlebt und erlebt hat.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die Ich-Illusion ist der Glaube, dass es ein eigenständiges „Ich“ gibt, welches einen Körper besitzt, ein Leben hat und dieses „sein“ Leben gestaltet, welches Gedanken hat und „seine“ Gedanken lenkt.
Es ist die Überzeugung, dass der Körper, welcher jetzt beim Computer sitzt und mit den Fingern in die Tasten tippt, der Verstand, welcher über diese Fragen nachdenkt und nach Formulierungen sucht, die Augen, welche die Sätze nachlesen und die Ohren, welche die Geräusche der vorbeifahrenden Autos und der Tasten hören, einem Ich gehören, welches eigenständig existiert.
Ich habe gerade einen grippalen Infekt. Der Infekt ist nicht nur ein Infekt, sondern er gehört zu mir.
Zudem mache ich mir Sorgen, zu Beginn des Infektes, als ich noch nicht genau wusste, ob ich überhaupt krank bin, meinen Vater angesteckt zu haben. Mein Vater ist lungenkrank und ein solcher Infekt kann bei ihm zu schweren Komplikationen führen. Das führt bei mir zur Angst, er könne auch erkranken und in weiterer Folge zu Schuldgefühlen.
Das ist die perfekte Ich-Illusion. Ich bin ein Körper, der leidet, frage mich, wie das passiert ist, ob ich es
verhindern hätte können, wünsche mir den Infekt weg, bin unzufrieden. Zudem mache ich mir Vorwürfe,
mich nicht von meinem Vater ferngehalten zu haben, obschon noch nichts passiert ist.
Ich glaube, dass ich anders entscheiden hätte können und wünsche mir mehr Kontrolle über meinen
Körper.
Seit Tagen schon versuche ich die Abschlussfragen zu beantworten, drücke mich aber davor. Ich rede mir ein,
dass ich es nicht schaffe, diese Fragen zu beantworten. Ich ringe nach den richtigen Worten.
Wieder ein ich, das glaubt, etwas herbeiführen zu können.
Gestern musste ich trotz Erkrankung bei einer Sitzung anwesend sein. Meiner Meinung nach wurde den Sitzungsteilnehmern durch Präsentation falscher Zahlen die Wirtschaftlichkeit eines Projektes schmackhaft gemacht. Dieser Vorgangsweise trat ich mit einigen anderen entschieden entgegen, doch ohne Wirkung.
Die Sitzung beschäftigte mich noch Stunden und ich plante Maßnahmen, den „Schwindel“ aufzudecken.
Obwohl mir immer wieder bewusst wurde, dass da ein Ich Recht haben und Kontrolle ausüben will, drehten sich
die Gedanken stundenlang um dieses Thema. Ich versuchte, die Gedanken abzustellen, obschon mir klar war,
dass dies keinen Sinn macht.
Erst dann wurde es etwas ruhiger in meinem Kopf. Dennoch werde ich Maßnahmen ergreifen und die Entscheidung gemeinsam mit anderen Teilnehmern beeinspruchen.
Die Ich-Illusion entsteht immer nur gedanklich. Dem, was gerade ist, wird gedanklich ein Ich beigefügt bzw.
es wird von einem Ich interpretiert. Das geht immer so weiter. Selbst wenn intensives Erleben stattfindet,
wird es anschließend interpretiert, erinnert.
Das Ich glaubt, Kontrolle zu haben, Entscheidungen herbei zu führen, das Leben beeinflussen zu können.
Die stärkste Nahrung erhält das Ich aus der Suche nach etwas anderem, als das, was gerade ist.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Die Frage irritiert mich heute. Wer hat die Illusion durchschaut? Ein Ich kann die Illusion nicht durchschauen. Ich drehe mich im Kreis.
Ich beobachte, dass ich seit dem Dialog gelassener, offener und fröhlicher bin, vieles nicht mehr so ernst nehme und so genau abwäge, was ich tue und sage. Wenn ich in ein Fettnäpfchen trete (einen Fehler begehe), dann trete ich eben hinein.
Wegen der oben erwähnten Sitzung hätte ich vor dem Dialog große Zweifel an mir selbst gehabt
und hätte wahrscheinlich klein beigegeben. Nun vertrete ich meine Meinung, auch wenn dies nicht zu meiner Beliebtheit beiträgt.
Ansonsten ist nichts anders als vor dem Dialog und doch ist es anders. Die Grundlage hat sich geändert.
Früher was die Basis dieses Ich. Obschon es nach wie vor sehr präsent ist, verliert es an
Macht. Da ist ein Ich, dem bisheriger Lebensinhalt verloren geht. Das ruft Müdigkeit, Unruhe und Unzufriedenheit hervor. Es weiß manchmal nichts mit sich anzufangen und vergeudet seine Zeit mit Computerspielen – morgen ist immerhin auch noch ein Tag, um etwas Sinnvolles zu tun. Es hat keine Ziele und es fehlt ihm auch oft der Antrieb. Es hat dieselben Wünsche und Sehnsüchte wie vorher, aber es nimmt sie nicht mehr so wichtig. Irgendwie ist es desillusioniert. Sein größter Wunsch besteht paradoxerweise darin, sich selbst zu entfernen.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Ich kann mich an keinen letzten Schubs erinnern. Dass das Ich eine Illusion ist, wurde mir nach den ersten Fragen klar und zwar durch Beobachtung und Erleben.
Das direkte Erleben setzt sich aber kaum gegen das Ich durch. Nur wenn ich mich hinsetze und innehalte, die Fragen beantworte, findet für kurze Zeit direktes Erleben statt. Ständig tauchen Gedanken zum Dialog auf, wird bewusst, dass das Ich eine Illusion ist. Manchmal habe ich auch beobachtet, dass ich mantraartig vor mich hinsagte: „Es gibt kein Ich, da ist nur hören oder denken
oder fahren.“ Es gab Samstagnacht im Halbschlaf beim Nachdenken über die Abschlussfragen einige Male hintereinander für Augenblicke so etwas wie Einssein, wenn ich mich richtig erinnere, mit einem gelbroten Baumblatt. Ansonsten ist alles beim „Alten.“
5) Gibt es irgendwelche Ereignisse im Leben, über die Du Kontrolle ausübst? Kannst Du über irgendetwas entscheiden, es beeinflussen oder herbeiführen? Gib ein paar konkrete Beispiele aus Deiner Erfahrung.
Gerade bin ich aufgestanden und habe aus der Speisekammer eine zweite Tasse Pudding geholt. Zuerst fiel mein Blick auf die leere Puddingtasse, dann kam der Gedanke an die 2. Tasse und gleichzeitig der Impuls aufzustehen, die 2. Tasse zu holen und zu essen. Während des Holens konnte ich bemerken, dass die Beine selbstständig ohne Einfluss und Kontrolle des Verstandes gingen.
Es schaut nur so aus, als würde ein Ich sie kontrollieren.
Wenn ich die gestrige Sitzung Revue passieren lasse und auch meine heutigen Gedankengänge und
vermeintlichen Entscheidungen, stelle ich fest, dass den ausgesprochenen Worten, den Tätigkeiten und Entscheidungen immer Gedanken vorangehen. Sie kommen und gehen, wie sie wollen. Es schaut so aus,
als würden sie mir gehören und als würde ich sie denken. Aber ich kann sie nicht beeinflussen, kann auch
nicht willentlich nicht denken oder denken oder anders denken.
Das ist schwer zu akzeptieren, aber es ist so. Da kommen immer wieder Gedanken, hätte ich doch
anders agiert, besser argumentiert, mich besser vorbereitet, wäre ich nicht so naiv gewesen usw. aber
das sind wiederum alles Gedanken. In Wirklichkeit muss ich mir eingestehen, dass ich keinen Einfluss habe.
Gestern habe ich auch noch einen Film gesehen, der mich stark an meine eigene Geschichte erinnert hat. Ich konnte nicht mehr verstehen, wie man seine eigenen Kinder wegen einer leidenschaftlichen Affäre im Stich lassen kann und hatte es doch selbst auch getan. Da gibt es kein zurück mehr und auch Schuldgefühle helfen nicht weiter. Schöne Ich-Identifizierung in vielerlei Hinsicht. Gab es jemals ein eigenständiges Ich, gibt es meine Geschichte, meine Schuld, meine Entscheidung? Unterlag das meiner Kontrolle? Mein Verstand sagt nein, dann wieder ja. „Ich“ hätte es so gerne anders.
Dann ist da beim Zusehen Null Verständnis mit den Fremdgehenden, Mitleid mit den Kindern,
Kopfschütteln und Unverständnis über mich selbst, Bewusstwerden der Illusionen, die da dahinterstecken und Entspannung der eigenen Schuldgefühle. Trotzdem bleibt das Interesse am
Film aufrecht mit all den Emotionen, die die Handlung hier bei mir auslöst.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Nachdem ich nun hier bei Frage 6 angelangt bin, kehrt innerlich Ruhe und Fröhlichkeit ein
(da ist schon wieder ein Ich, das diese Ruhe und Fröhlichkeit hinterfragt).
Ich danke euch ganz, ganz herzlich, dass ihr mich, liebe Renate und lieber Ingen, bis hierhin
begleitet habt und hoffentlich noch weitere Ideen habt, wie es weitergehen soll.
Danke von Herzen eurem ganzen Team!