Postby OmLoveOm » Thu Feb 28, 2019 8:19 pm
Liebe Verananda,
dann will ich mich mal an die Beantwortung der Fragen machen:
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Ein Ich, mich oder Selbst ist nirgends wahrnehmbar. Es existiert nur in Gedanken, die darauf verweisen. Auch in der Erinnerung ist es nicht anders. Ich, mich oder Selbst existieren nur als Inhalt von Gedanken.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die Ich-Illusion besteht aus einer Kombination aus Gedanken und Gefühlen und wird bestärkt durch die Sichtweise anderer Menschen, die diese Illusion ernst nehmen und ihr glauben.
Gedanken haben eine Geschichte von einem Ich als Inhalt. Sie erzählen von Geburt und Kindheit, von Eltern und Geschwistern, von einer möglichen Zukunft, von Eigenschaften, die dieses Ich hat, von Ängsten und Sorgen. All das wird begleitet von Gefühlen und Emotionen, die von Gedanken wiederum dieser scheinbaren Person zugeordnet werden.
Das gesamte Konstrukt aus Gedanken, die scheinbar eine Erinnerung erzählen,
vernetzt mit anderen Gedanken, die das scheinbar bestätigen
und Gefühlen, die laut Gedanken mit den Erinnerungen und der scheinbaren Person in Verbindung stehen,
erschafft recht glaubhaft eine Person, ein Ich, dem scheinbar Dinge gehören und das scheinbar Dinge erlebt hat.
Die Geschichte vom Ich, die in Gedanken erscheint bzw. von Gedanken erschaffen wird, ist in sich schlüssig. Jeweils in dem Moment, in dem sie auftaucht.
Ein Gedanke sagt: "Ich sitze hier vor dem Computer. Das fühlt sich überzeugend an."
Also: Gefühl und Gedanke, der sagt, dass das doch stimmt.
Der nächste Gedanke sagt: "Aber das stimmt doch nicht. Es gibt doch gar kein ich. Wieso fühlt es sich dann so überzeugend an?"
Zwischendurch ganz andere Gedanken, von denen wieder ein anderer Gedanke sagt, dass es eine Erinnerung an eine Situation beim Abendessen ist.
Unterhaltsames Gedankenschauspiel. (Wieder ein Gedanke)
Letztlich werden ganz viele Gedanken wahrgenommen, die sich zum Teil aufeinander beziehen und die eine Geschichte beinhalten von einer Person, die verschiedene Dinge erlebt hat.
In der momentanen Wahrnehmung sind außer diesen Gedanken noch Farben, Formen, Geräusche, Geruch, Bewegung, Atmen, Körperempfindungen wahrnehmbar. Dazu ein Gedanke, der sagt: "Das ist mein Körper, der sich hier bewegt, der hier schreibt." Solange diesem Gedanken kein anderer Gedanke "widerspricht", wird er geglaubt. Andere Gedanken können diesen Gedanken scheinbar bestätigen: "Ja, klar, das ist ja mein Körper." So hält sich das Spiel, die Illusion aufrecht.
Bei genauem Hinschauen passiert hier schreiben, Bewegung, Gedanken.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Tja, was ist anders? Dinge werden nicht mehr so ernst genommen. Sie passieren, werden wahrgenommen und haben nicht mehr so eine große Bedeutung oder Wichtigkeit. Sie passieren einfach.
Sie berühren "mich" nicht mehr so sehr.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Immer wieder in der direkten Wahrnehmung zu schauen und dem Gedankeninhalt nicht zu glauben. Solange in Gedanken geschaut wird, ist die Illusion aktiv. Wenn das Schauen auf die direkte Wahrnehmung reduziert wird, wird das gesehen, was wirklich da ist, was wirklich wahrnehmbar ist.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Entscheidung, Absicht und Wahl passieren einfach. Sie werden wahrgenommen. Freier Wille und Kontrolle sind Illusionen. Es scheint so, als könne ich eine Entscheidung treffen, eine bestimmte Absicht wählen oder eine Wahl treffen. Aber letztlich passieren Dinge, gibt es Impulse, die einfach da sind und wahrgenommen werden. Kein Ich, das irgendetwas davon wählt oder beschließt.
Somit gibt es keinen freien Willen und keine Kontrolle. Wünsche tauchen auf. Vorher weiß ich nicht, was ich mir wünschen werde bzw., dass da gleich ein Wunsch auftauchen wird. Darüber gibt es keine Kontrolle.
Ich weiß nicht, ob ich gleich einen Schluck Wasser nehmen werde oder aufstehen werde, um das Fenster zu öffnen. Wenn die Entscheidung passiert, passiert sie, wird sie wahrgenommen.
Letztlich ist es auch wieder nur ein Gedanke, der sagt: "Ich habe mich entschieden." Wirklich wahrgenommen wird die Handlung und manchmal ein Gefühl und ein Gedanke, der dieses Gefühl als Impuls bezeichnet, aufzustehen und das Fenster aufzumachen.
Verantwortlich bin ich für nichts dieser Dinge. Wahrgenommen werden Handlungen und Gedanken, die von Entscheidung, Absicht, freiem Willen, Wahl und Kontrolle sprechen.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
All diese Dinge können so gesehen werden. Häufig in der alltäglichen Wahrnehmung gewinnt die Gedankenillusion die Oberhand mit all den dazugehörigen "Ich-Gefühlen".
Die erwartete und erhoffte, fühlbare Erfahrung von Ich-Losigkeit ist bisher leider ausgeblieben. Das Ich-Gefühl hält sich auch hartnäckig in den Situationen, in denen einfach geschaut wird, was momentan wahrnehmbar ist.
Natürlich gibt es oft genug Situationen, in denen kein Ich-Gefühl wahrnehmbar ist und erst später von Gedanken wieder dazu gedichtet wird.
Das Ich-Gefühl ist von verschiedener Qualität. Wobei auch immer wieder Gefühle auftreten, die gedanklich als altbekannt und immer wiederkehrend bezeichnet werden. Und schon wieder ist die Illusion eines Ichs mit einem bestimmten Ich-Gefühl geschaffen. ;-)
Da letztlich ja alles immer in diesem Moment auftaucht, auch die "Erinnerungen", können die ja einfach in sich schlüssig in diesem Moment auftauchen. Dazu noch ein Gedanke, der sagt, dass diese Erinnerung jedesmal so erinnert wird, und schon ist die Illusion von einem Ich perfekt, das diese Dinge in seiner Kindheit erlebt hat und jedesmal die gleiche Erinnerung daran hat. - "Dann muss es ja so gewesen sein." :-)
Danke.
Alles Liebe
Om