1) Gibt es irgendwo in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "Mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein! Die Existenz eines "Ich" , also irgendwas, das eigenständig handlungsfähig wäre, ist nur eine Einbildung, die auf geglaubten Gedanken basiert. Es ist und war immer nur eine Annahme ohne etwas Reales dahinter.
2) Erkläre detailliert, was die Ich-Illusion ist. Wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie du es jetzt gerade erlebst.
Also, aus der unmittelbaren Erfahrung: 08:45, Geschirr spülen, Ruhe, Wahrnehmung. - Jemand sagt: "Pia bekommt morgens im Kindergarten Gummibären in Schokolade getränkt!". Gedanke erscheint: "Das kann doch nicht sein, wie können die das zulassen! Ich muss was unternehmen." Gleichzeitig erscheinen Empfindungen von Anspannung.
Normalerweise wird jetzt dieser erschienene Gedanke für "meine Reaktion" auf diesen Reiz gehalten; und damit die mühsam erarbeitete Gesundheit und die Essgewohnheiten des Kindes nicht aus dem Ruder laufen, damit letztlich das Leben nicht außer Kontrolle gerät, bekommt dieser Gedanke große Wichtigkeit und wird von anderen Gedanken ganz automatisch und zwanghaft bestätigt, ergänzt und notwendige Handlungen gedanklich durchexerziert, mit den entsprechenden Körperempfindungen ("Ich denke... Ich muss.... Ich bin gestresst!"). Kurz: Ein Gedanke, der einfach von selber erscheint, wird für etwas Persönliches, das Produkt eines eigenständigen Ich, für dessen (also meine) vernünftige/angemessene Reaktion gehalten. Weil ein Leben lang vermittelt wurde, dass jeder der eigenständige Macher, der Lenker seines Lebens wäre. Es wurde immer daran geglaubt, denn alle sprechen ja von "sich" und "ihren" Ideen und Taten; "Du bist soundso" und "Was ist deine Meinung?"
Beim Geschirrspülen eben wurde der Gedanke als solcher gesehen - ohne "ich", einfach als Erscheinung- sein Inhalt als nicht real, und es kam die Frage, was denn wirklich da ist: Nur Wahrnehmung; auch "erhöhter Puls" - nach 2-3 Minuten war wieder Ruhe.
3) Wie fühlt es sich an, die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Bitte berichte aus den letzten Tagen.
Es scheint, dass "ich" vor dem Dialog schon in der Nähe des "torlosen Tores" war, zumindest gab es öfter schon ein Loslassen von stressigen Gedanken.
Was ist jetzt anders? Einerseits nichts, andererseits alles: Das Leben läuft weiter (fast) wie vorher - nur ist es jetzt nicht mehr "mein Leben".
Wo vorher Identifikation mit Gedanken und Gefühlen, Anspannungen und Sorgen waren, ist jetzt meist ruhiges, wachsames, Verfolgen des Geschehens. Was früher eine unangenehme, stressige Situation war, kann jetzt auch noch Anspannungen erzeugen, wird aber mehr wie eine Naturerscheinung wahr- und hingenommen und Ueberzeugungen als nicht real erkannt. Eine gewisse Unbeschwertheit; und das Denken und Sprechen ist manchmal etwas direkter und mehr aus dem Moment.
In jedem Fall sind das alles subtile Veränderungen, wie ein zarter Anfang von etwas, dessen Ausmaß nicht abzusehen ist.
4) Was hat den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Das ist schwer zu sagen - vielleicht war es die übung am 29.6. bzw. die Fragen nach einem Beobachter, nach Unvollständigkeit und ob es jemals anders sein könnte als es gerade ist.
Ein ziemlicher Schubs war auch deine Antwort vom 20.6., und darin vor allem der Hinweis, dass ES niemals nicht erfahren werden kann.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wofür bist du verantwortlich? Bitte gib auch ein paar Beispiele aus direkter Erfahrung. Hätte je irgendetwas irgendwie anders entschieden worden oder geschehen können?
Ich stehe im Supermarkt vor einem "Markenprodukt" und einer billigeren Alternative. Früher glaubte ich, dass meist eine Mischung aus Erfahrung, Gefühl und Abwägung zu "meiner Kaufentscheidung" führen würde. Obwohl oft nicht genau gesagt werden konnte, wie die Entscheidung nun tatsächlich zustande kam, war es doch immer MEINE Entscheidung, die häufig mit gedanklichem und körperlichem Stress einherging und im Nachhinein mit weiteren Gedankenkonstrukten rechtfertigt werden musste.
Inzwischen ist klar, dass da überhaupt keine Instanz ist, die für irgendetwas verantwortlich sein könnte. Es scheint nur so, weil zu jeder Handlung, zu jedem Gedanken oder Gefühl sich sofort und ganz automatisch ein Ich-Gedanke gesellt, obwohl nichts dergleichen existiert. Wie auch bei Tieren ist das Leben des Menschen eine fortwährende Bewegung und Veränderung die einfach abläuft, und auch die Gedanken - wie z.B. die "Abwägung" oder "meine Entscheidung" - erscheinen einfach ohne jemandes Dazutun.
"Ich bin mit Absicht früher losgefahren".
-- "Absicht" ist ein Ich-Gedanke über etwas Wahrgenommenes oder übere andere Gedanken ("Losfahren").
"Es ist mein freier Wille, Blut zu spenden".
-- "Mein freier Wille"- wieder ein Ich-Gedanke über etwas Wahrgenommenes oder über andere Gedanken ("Blut spenden").
"Ich hatte die Wahl, die Ausfahrt zu nehmen oder nicht".
-- Was war wirklich da? Vor der Ausfahrt immer schneller aufeinanderfolgende Gedanken, dann wurde nicht abgefahren.
"Wahl"- nur ein Gedanke unter anderen, der ohne jemandes Dazutun aus dem Nichts erscheint.
"Wie hatten das Boot unter Kontrolle". Etwas wird wahrgenommen, automatisch benannt und eingeordnet und ein Ich-Gedanke darüber erscheint: "Wir hatten es unter Kontrolle".
Alle diese Begriffe implizieren die Annahme, dass der Mensch als einziges Lebewesen selbständig, frei und unabhängig vom restlichen Leben agieren könne. Es sind aber nur geglaubte Gedanken, die ein "eigenständiges Ich" entstehen lassen - eine Illusion.
Diese Illusion der Abgetrenntheit, der Verantwortlichkeit, der Kontrolle über "mein" Leben existiert nur und ausschließlich als Gedanken-Film und Gedanken/Denken ist einfach eine Erscheinung des Lebens.
Alles "ist", alles fließt - das Leben, der Moment, findet einfach statt, wie Geburt und Tod - und dass irgendetwas hätte anders geschehen können, ist auch nur ein Gedanke wie eine kleine Wolke.
6) Gibt es noch etwas zu ergänzen?
Nein...