Fliessende Übergänge

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flowings
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Fliessende Übergänge

Postby flowings » Thu Oct 06, 2016 10:43 am

Was führt dich zu Liberation Unleashed?
Direct Pointing spricht mich sehr an. Einfache klare Sprache, das Deuten auf die direkte Erfahrung und deren Untersuchung/Beobachtung: Es erscheint mir wie eine Fortsetzung von Vipassana mit anderen Mitteln. Eine wunderbare Ergänzung! Das Projekt an sich, Menschen auf diese Weise beim Durchschreiten des Torlosen Tores zu unterstützen, finde ich großartig. Ich verspüre den Impuls, DP zu erlernen, um meinen Anteil dazu beizutragen, Andere beim Erwachen zu supporten.

Welchen Hintergrund hast du in Bezug auf deine Suche?
Die Suche begann – Rückblickend betrachtet – in sehr jungen Jahren, ohne das ich das konret an bestimmte Ereignisse koppeln könnte. Auf diffuse Weise fühlte es sich schon immer richtig an, dass Alles verbunden ist.
Mitte der 90er habe ich an einem kontextuellen Training teilgenommen ( https://www.coachingacademie.de/) - Hier wurde durch kognitive Prozesse erstmals die Ich-Illusion durchschaut oder zumindest angekratzt (Ausschluss all der Dinge, die Ich nicht bin: meine Geschichte, Gefühle, Erfahrungen, Vorlieben, Körper etc). Auch wurde der Verstand mit all seinen Prägungen und daraus automatisch ablaufenden Reaktionsschemata entlarvt. Dieser erste „Glimpse“ hat mich Jahrzehntelang begleitet und geprägt, wenngleich ich zwischenzeitlich durchaus wieder in alte Muster fiel.
Hedonismus war für ein Jahrzehnt das, was mir am wichtigsten war.
Erfahrungen mit Psychedelika lösten Zustände der Ichlosigkeit aus, mein Bild der materiellen Realität wurde erschüttert; ich erkannte die Unbeständigkeit der Dinge. Diese Erfahrungen waren wichtig, wenngleich sie auch nicht so „endgültig“ integriert werden konnten wie das, was später im Prozess passierte.
2008 fielen mir dann Eckhardt Tolles Bücher in die Hände und ich erfuhr einen enormen Bewusstseinsschub. Das absichtslose Verweilen im Augenblick und ein kontinuierliches Beobachten der eigenen Egostrukturen wurden seitdem zum Selbstläufer. Nach und nach löste ich mich nebenbei von vielen Anhaftungen auch dadurch, dass ich meinen Besitz aufgab (wobei das nie ein grosses Thema bei mir war – ich fühlte mich schon immer wohler mit wenig „Zeugs“).
Im Frühling 2014 lernte ich Anapanasati-Meditation in mehreren Retreats in Südthailand (nach Buddhadasa Bikkhu); auch 2015 und 2016 verbrachte ich im Schnitt einen Monat in Retreats/Klöstern.
2015 erlernte ich auch die Satipathana-Methode nach Mahasi Sayadaw.
Im Winter 2014/15, den ich – wie die Jahre zuvor – in Thailand verbrachte, las ich die Enlightenment-Trilogy von Jed McKenna , die meinen Prozess radikal ankurbelten.

Verena ( http://egobuster.jimdo.com/ ) unterstützte mich seitdem durch Emailaustausch.
Im vergangenen Winter/Frühling begann ich, die Vipassana-Meditation mit Kontemplation der Quotes aus der Liberation-Unleashed-App zu kombinieren. Auch immer wieder während des Tages in kurzen Perioden. Adyashanti inspirierte mich zudem durch sein Konzept von „True Meditation“ sodass ich oft einfach in offener Aufmerksamkeit verweile.
Seit April diesen Jahres ist die Suche beendet; der Prozess aber natürlich nicht.

Was erwartest du von dem Gespräch in diesem Forum?
Ich hatte dich, Ghata ja über Facebook kontaktiert. Seitdem wird mir immer klarer, dass der Dialog hier mir auch in meinem weiteren Prozess helfen wird – wodurch meine Fähigkeiten, mit anderen auf dieser Ebene zu kommunizieren, verbessert werden. Alleine schon jetzt, hier schriftlich zu reflektieren und klare Worte zu formulieren, bringt mir Klarheit. Durch den Dialog sehe ich die Möglichkeit eines weiteren Fortschreiten im Prozess.
Ich falle immer wieder mal in alte Zustände, wo es sich anfühlt, als hätte „ich“ „Es“ wieder verloren, mache mir da aber nicht allzu viele Gedanken. Klarheit/Ichlosigkeit wechselt ab mit Situationen, in denen das „alte Ich“ plötzlich wieder auftaucht. Vertiefung ist vielleicht ein guter Ausdruck, für das, was ich von dem Gespräch erwarte.
Der Impuls, für Andere im Prozess da zu sein, erscheint mir völlig natürlich und selbstverständlich – es ist aber durchaus zu klären, ob hier auch noch versteckte Egostrukturen im Spiel sind, die sich wichtig machen wollen bzw sich aufwerten wollen.

Ich würde gerne dich als Begleiterin haben, Ghata. Du kombinierst den Buddhismus mit Liberation Unleashed – hier sind Gemeinsamkeiten. Abgesehen davon bist du halt auch zuerst „vor meinem Schirm“ aufgetaucht und vorsichtiges Abwägen halte ich für überflüssig: Alles ist so, wie es erscheint, perfekt. :)

Wie bereit bist du, deine Glaubensvorstellungen über dich in Frage zu stellen und um jeden Preis die Wahrheit zu finden?
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Thu Oct 06, 2016 2:22 pm

Hallo flowings,

herzlich willkommen im Forum von Liberation Unleashed :-). Ich bin Ghata. Möchtest du "flowings" genannt werden oder anders?

Ich danke dir für deine ausführliche Vorstellung.
Seit April diesen Jahres ist die Suche beendet;
Bitte beschreibe ausführlich, was geschehen ist und deine Suche beendet hat.

Liebe Grüße,
Ghata
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Fri Oct 07, 2016 11:26 am

Hallo, Ghata!
Du kannst mich hier flowings nennen.
Danke dafür, dass du mich begleiten möchtest.
Bitte beschreibe ausführlich, was geschehen ist und deine Suche beendet hat.
Ich befand mich zu dieser Zeit seit mehreren Tagen im Retreat. In der Meditation eines Morgens beobachtete ich ohne feste Intention, was immer ins Bewusstsein kam, also auftauchende Sinneseindrücke, Körperempfindungen, Gedanken, Gefühle. Ich ging dann einen Schritt weiter und machte mir das Beobachten/Gewahrsein der Prozesse bewusst und stellte nonverbal die Frage, ob dort ein Beobachter sei oder nur Beobachten passiere. (So konkret habe ich die Frage nicht in einem bestimmten Moment gestellt; du musst das eher als eine Grundstimmung oder Attitüde verstehen, mit der ich in Meditation sass.) Dann ... tja. Nun wird's schwer, Worte zu benutzen, um zu Beschreiben, was "ich" erlebte. Da war halt kein Ich mehr, sondern reines Gewahrsein, ohne Konzept, ohne Begrenzung auf Körper oder Person, ohne Gedanken. Raum- und Zeitlos. Das heisst nicht, dass sich das alles auflöste oder ich das nicht mehr wahrnahm, aber die Identifikation mit Allem, was mal Teil von "mir" gewesen war, war weg; ebenso wie die Abtrennung zwischen "mir hier drinnen" und "der Welt da draussen". Es war aber keine Erfahrung im Sinne, dass ich "Eins mit Allem" gewesen wäre, so wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Es war eher Leerheit oder die Abwesenheit von jeglicher Art von Konzept, einfach nur passierende Prozesse.
("Ich" müsste das Wort "Ich" jetzt eigentlich in "Anführungszeichen" setzen, lasse das der Einfachheit halber aber weg)
Ich öffnete die Augen, sah mich um, trank einen Schluck Wasser - der "Zustand" blieb. Konzentrierte ich mich wieder auf den Atem, erschien mir diese Übung als völlig profan, da ich mich sozusagen vom Absoluten zurück in den Getrennten Zustand bewegen würde, zurück zur Fokussierung auf Körperwahrnemung mit Raum (Strecke des Atems von der Nasenspitze hinunter zur Lunge und zur sich bewegenden Bauchdecke und zurück) und Zeit (Länge des Atemzyklus). Auch als ich aufstand und Gehmeditation begann, war das so.
Ich hatte vorher auch schon ähnliches erlebt, allerdings nie in dieser Intensität und auch nicht so lange anhaltend.
Der Zustand (oder "Nichtzustand") ebbte nach einigen Wochen langsam wieder etwas ab, je mehr normaler Alltag in mein Leben kam. Meditation ist seitdem einfach nur ein "Einschalten" oder besser: "Wieder-Einhängen". Dafür muss ich mich auch nicht in Stille hinsetzen, das funktioniert auch an der Kasse im Supermarkt.
Wenn ich Jemandem zuhöre (vorausgesetzt, es geht nicht um Smalltalk) bin ich auch sofort "drin"; ebenso, wenn ich zB schreibe wie jetzt hier. Als ich im April handschriftlich schrieb, war da nichtmals denken - ich sah nur zu, wie die Worte aufs Papier flossen. Das ist jetzt gerade nicht mehr ganz so - ich habe beim Tippen hier schon öfters mal pausiert und nachgedacht.
Verlieren tue ich "Es" tendenziell, wenn ich in Situationen gerate, die alte Verhaltensmuster in mir triggern; mitunter hatte ich auch kurze Phasen, in denen ich dachte, ich hätte "Es" wieder verloren oder mir alles nur eingebildet; mache mir dann aber bewusst, dass das Anhaften am Absoluten wieder nur kontraproduktiv wäre und erlaube mir sozusagen, alles geschehen zu lassen, wie es ist.
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Fri Oct 07, 2016 6:33 pm

Lieber flowings,

danke, dass du das eigentlich Unbeschreibliche in Worte gefasst hast.:-)

Vorher kann man sich wirklich nicht vorstellen, wie die Erfahrung aussieht und sich anfühlt. Und auch die Meditation verändert sich grundlegend.

Hat sich eigentlich dadurch in deinem Leben etwas verändert?

Wie ist es jetzt? Hast du normalerweise das Gefühl, das im Zentrum den Handelns und Erlebens ein Ich steht?
Ich gehe, ich sehe, ich höre, mir geschieht etwas?

Wie werden Entscheidungen gefällt?

Und beschreibe doch bitte eine Gelegenheit, wo du das Gefühl hattest, "es" verloren zu haben.

Liebe Grüße,
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Sat Oct 08, 2016 2:33 pm

Vorher kann man sich wirklich nicht vorstellen, wie die Erfahrung aussieht und sich anfühlt.
Ja. Alles ist komplett anders und doch irgendwie auch garnicht! Es ist so einfach, so offensichtlich, dass man laut loslachen könnte. Es war schon immer da, so dicht, so offensichtlich! Als hätte man sein Leben lang die Weltmeere durchtaucht auf der Suche nach Wasser.
Hat sich eigentlich dadurch in deinem Leben etwas verändert?
Vorweg möchte ich klarstellen, dass das Erlebnis im April nicht "der eine grosse Wendepunkt" war. Veränderumgen traten auch schon vorher ein und viele sind eher schleichend, allmählich - das ganze wird von mir eher wie ein Prozess erfahren, den man sich wie eine aufsteigende Kurve (Börsenkurs, Fieberkurve o.Ä.) vorstellen kann - mit einem deutlichen Peak im April.
Ich bin ruhiger geworden, auch geduldiger, muss mich nicht mehr soviel reden hören wie früher. Höre Anderen besser und aufrichtiger zu (das war eigentlich nie meine Stärke - Zuhören). Dadurch habe ich in letzter Zeit häufiger intime Gespräche mit Menschen geführt - teilweise mit praktisch Fremden - die mir ihr Herz ausschütteten.
Ich brauche mich nicht mehr interessanter oder wichtiger darzustellen, als Andere, weil da kein "Anderer" mehr ist. Ebenso kann ich Andere eher so sein lassen, wie sie sind, ohne zu werten.
Widerstände haben sich aufgelöst; das Akzeptieren der Soheit der Dinge ist da, wo früher Unzufriedenheit und K(r)ampf war.
Zum Beispiel kann mir jemand mit Wut gegenüberstehen und mich seinen Zorn spüren lassen und es besteht keine Notwendigkeit mehr, sich irgendwie dagegen zu schützen (Abblocken, Gegenkontern, Zumachen etc), sondern ich erlaube der Situation, dass die Gefühle ungefiltert in bzw durch mein System dringen. Da ist Niemand, der verletzt werden kann; also können diese Emotionen - bzw das "Verletztwerden" mit Haut und Haar wahrgenommen werden.
Ich habe mehr Zugang zu meinen eigenen Emotionen - eben weil sie nicht mehr als "meine eigenen" erfahren werden. Das kristallisiert sich gerade in letzter Zeit heraus: Innere "Baustellen" werden deutlich; da ist weniger Impuls, so etwas vor "mir selbst" zu verbergen.
Es fällt mir leicht, zu beobachten, wenn ich in alte Egostrukturen falle und vielleicht auch mal etwas sage oder tue, was eher aus diesem getrennten Zustand kommt. Dadurch, dass da keine Identifikation mit diesem Egoprozess ist, nehme ich das auch nicht so ernst und beobachte nur.
Überhaupt fallen mir Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Authentizität leichter: Wozu Dinge zurückhalten, anders darstellen oder gar lügen, wenn doch das Leben, wie auch immer es sich entfaltet, perfekt ist?
Hast du normalerweise das Gefühl, das im Zentrum den Handelns und Erlebens ein Ich steht?
Ich gehe, ich sehe, ich höre, mir geschieht etwas?
Wie werden Entscheidungen gefällt?
Die Wahrnehmung, dass ein Ich im Zentrum steht, ist (überwiegend, siehe nächste Frage) verschwunden.
Da sind einerseits die Prozesse: Hören, Riechen, Fühlen, Sehen, Fühlen, Denken. Das alles wird wahrgenommen als ein fortlaufender, sich verändernder Strom von Phänomenen, ohne Zentrum. Bewusstsein ist wie die leere Leinwand, auf die dieser "Film" an Ereignissen projeziert wird. Es gibt da auch Niemanden, der bestimmt, was als nächstes gedacht wird, sondern nur die Präsenz, die wahrnimmt.
So werden von mir auch keine Entscheidungen mehr gefällt im herkömmlichen Sinne - dafür wäre ja ein "Entscheider" notwendig. Vielmehr verspüre ich Impulse, denen ich nachgebe. Ideen entstehen im offenen Raum und ich schaue, was daraus wird. (Hier möchte ich allerdings anmerken, dass das zum Teil schon immer so war bei mir - mir scheint ein "Sorgen-machen-Gen" zu fehlen und ich habe immer im Leben wenig über die Zukunft nachgedacht und einfach die Dinge auf mich zukommen lassen) .
Das einglische Wort "Flow" beantwortet diese beiden von dir, liebe Ghata, gestellten Fragen eigentlich am präziesesten. (Deshalb übrigens auch der Name "flowing(s)")
Und beschreibe doch bitte eine Gelegenheit, wo du das Gefühl hattest, "es" verloren zu haben.
Wie schon erwähnt, gibt es Situationen, in denen ich immer wieder mal in alte Muster zurückfalle und zickig oder genervt reagiere (Hallo Mausi, ich grüße dich ;) ) Dies sind nicht unbedingt die Momente, in denen ich wirklich "glaube", Es wieder verloren zu haben; das ist dann meistens eher so, dass in dem Augenblick zwar "Ego at work" ist, dies aber ohne oder mit nur geringer Identifikation beobachtet wird - ähnlich, wie im vorherigen Abschnitt beschrieben. Je länger und "herausfordernder" eine Situation ist, desto eher scheint sich das Ego wieder zu etablieren; aber solche Situationen betrachte ich eher als "Trainingseinheiten" denn als "Rückschläge".
Wenn ich schrieb "Mitunter hatte ich auch kurze Phasen, in denen ich dachte, ich hätte "Es" wieder verloren oder mir alles nur eingebildet", dann kann ich das gar nicht an bestimmten Ereignissen festmachen; es ist eher ein Kommen und Gehen. Das hat sicherlich damit zu tun, das - wie oben in diesem Post erwähnt, "Es" so unspektakulär unauffällig daher kommt und eben keine Engelschöre singen, dass man es fast nicht glauben möchte.
Es ist, als würde plötzlich eine innere Stimme zu mir sagen: "Pff - du kapierst das nicht; du missverstehst das alles, glaubst du wirklich, dieses ganze Erwachenszeugs, wäre SO einfach? Wofür hälst du dich! Back mal kleinere Brötchen!" :D
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Sat Oct 08, 2016 6:11 pm

Es ist so einfach, so offensichtlich, dass man laut loslachen könnte. Es war schon immer da, so dicht, so offensichtlich! Als hätte man sein Leben lang die Weltmeere durchtaucht auf der Suche nach Wasser.
Wundervoll ausgedrückt!

Sehr schön, wie du über dein heutiges Erleben geschrieben hast :-)
Wie schon erwähnt, gibt es Situationen, in denen ich immer wieder mal in alte Muster zurückfalle und zickig oder genervt reagiere (Hallo Mausi, ich grüße dich ;) ) Dies sind nicht unbedingt die Momente, in denen ich wirklich "glaube", Es wieder verloren zu haben; das ist dann meistens eher so, dass in dem Augenblick zwar "Ego at work" ist, dies aber ohne oder mit nur geringer Identifikation beobachtet wird - ähnlich, wie im vorherigen Abschnitt beschrieben. Je länger und "herausfordernder" eine Situation ist, desto eher scheint sich das Ego wieder zu etablieren; aber solche Situationen betrachte ich eher als "Trainingseinheiten" denn als "Rückschläge".
Ja, das ist normal, das auch immer wieder Reaktionen vorkommen. Gäbe es irgendjemanden, der das verhindern könnte?
desto eher scheint sich das Ego wieder zu etablieren;
Was ist dieses Ego? Wo ist es und woraus besteht es?

Liebe Grüße,
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Sun Oct 09, 2016 11:40 am

Gäbe es irgendjemanden, der das verhindern könnte?
Nein.
Höchstens gäbe es die Illusion, dass da Jemand etwas verhindern könnte.
Da ist letztendlich nur die Illusion von einem Ich und damit die Illusion von freiem Willen.
Was ist dieses Ego? Wo ist es und woraus besteht es?


Da ist kein Ego, da war nie eins. Da war nur die Meinung, die Ansicht, der Glaube, dass da sowas wie ein festes Ego, ein Wesenskern ist. Vielleicht kann man es als den Versuch des Gehirns beschreiben, etwas Festes, Starres zu simulieren, wo tatsächlich nur fliessende Übergänge sind, um das Überleben zu sichern.
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Sun Oct 09, 2016 4:55 pm

Hi flowings,
Nein.
Höchstens gäbe es die Illusion, dass da Jemand etwas verhindern könnte.
Da ist letztendlich nur die Illusion von einem Ich und damit die Illusion von freiem Willen.
Genau :-)
Da ist kein Ego, da war nie eins. Da war nur die Meinung, die Ansicht, der Glaube, dass da sowas wie ein festes Ego, ein Wesenskern ist.
So ist es.
Vielleicht kann man es als den Versuch des Gehirns beschreiben, etwas Festes, Starres zu simulieren, wo tatsächlich nur fliessende Übergänge sind, um das Überleben zu sichern.
Das wäre eine Interpretation, von der wir nicht wissen, ob sie stimmt oder nicht. Das einzige, was wir wirklich kennen, ist unsere direkte Erfahrung, also die Erfahrung durch die Sinne und die Tatsache, dass wir Gedanken wahrnehmen können.

Schau einmal wie tief unsere Interpretationen gehen.

Stelle einen Becher vor dich auf den Tisch und schaue ihn an.
Was siehst du, was sind die reinen Sinnesempfindungen, die durch das Sehen vermittelt werden?

Was wird durch gedankliche Interpretationen hinzugefügt?

Ich bin gespannt auf deine Antwort.
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Sun Oct 09, 2016 6:16 pm

Das wäre eine Interpretation, von der wir nicht wissen, ob sie stimmt oder nicht.
Das sehe ich genauso.
Meine "Vielleicht"-Äusserung hat natürlich nichts mit direkter Erfahrung zu tun. Danke für den Hinweis! Interpretationen von direkter Wahrnehmung zu trennen, ist wichtig - und sicherlich gilt das auch für Inhalte, die man gelesen hat und die einem irgendwie sinnvoll erscheinen, die jedoch nicht selbst überprüft werden. Hier baut man sich dann lediglich einen neuen Glauben auf und im schlimmsten Falle entsteht daraus dann "meine Wahrheit"!
Stelle einen Becher vor dich auf den Tisch und schaue ihn an.
Was siehst du, was sind die reinen Sinnesempfindungen, die durch das Sehen vermittelt werden?
Form und Farbe. Alles, was ich mit absoluter Sicherheit sagen kann, ist, dass da die Wahrnehmung von Form und Farbe ist.
Was wird durch gedankliche Interpretationen hinzugefügt?
Alles, was ausserhalb der optischen Sinnensempfindung von Form und Farbe liegt, entsteht als gedankliche Reaktion auf die reine Wahrnehmung und liegt damit im Bereich der Interpretation. Selbst die Behauptung "Diese Tasse existiert" ist nichts anderes als eben eine Behauptung, weil da Gedanken sind, die die reine Wahrnehmung deuten.

Mein Becher hier gefällt mir - braun mit weissen Punkten, mit Gebrauchsspuren. Da gibt es Erinnerungen und Emotionen, die haben aber natürlich gar nichts mit der reinen Wahrnehmung zu tun!

Noch etwas, was mir gerade auffällt:
Man neigt ja manchmal dazu, Emotionen so zu interpretieren, als "strömten" sie von Jemandem oder Etwas zu einem selbst herüber. Schaue ich mir zum Beispiel den Becher an, fällt es leicht, mir vorzustellen, er strahle Würde aus. (Noch leichter geht das sicherlich mit einer Buddhastatue oder auch einer Katze). Aber hier befinde ich mich natürlich schon längst wieder im Bereich der Interpretation: Ein Objekt wird betrachtet, Gedanken und Gefühle entstehen - aufgrund von Assoziationen, die irgendwie mit der "eigenen Geschichte" verknüpft sind und ruckzuck "strahlt da der Kelch eine Aura" aus.
:D
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Mon Oct 10, 2016 9:26 am

Lieber flowings,
und ruckzuck "strahlt da der Kelch eine Aura" aus.
:D
Haha, ich liebe es :-)

Ja, wir interpretieren wirklich viel in das Wahrgenommene.

Ich würde gerne noch einige Bereiche mit dir durchgehen, die du dir vielleicht schon angeschaut hast, vielleicht auch nicht.

Lege die Finger auf die Tastatur. Was ist zu fühlen? Hat die Empfindung an sich einen Namen? (Du wirst natürlich Worte benutzen müssen, um sie zu beschreiben).

Gibt es eine Grenze zwischen den Finger und der Tastatur?

Gibt es jemanden, der fühlt, und das Gefühlte oder einfach nur fühlen?
Gibt es eine Grenze zwischen den Finger und der Tastatur?


Lieben Gruß,
Ghata
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Mon Oct 10, 2016 12:44 pm

Lege die Finger auf die Tastatur. Was ist zu fühlen?
Gibt es eine Grenze zwischen den Finger und der Tastatur?
Gibt es jemanden, der fühlt, und das Gefühlte oder einfach nur fühlen?
Normalerweise würde man sagen, dass die weichen Fingerkuppen die harten Tasten ertasten.
Bei genauerer Betrachtung ist da aber nur die eine Wahrnehmung ohne Trennung zwischen eigenem Körper und Fremdkörper.
Keine Grenze.
Im Grunde genommen ist die Empfindung einfach nur da.
Fühlen ohne Fühler.
Man könnte auch sagen, das Fühlen, das Gefühlte und der Fühlende sind eins.
Hat die Empfindung an sich einen Namen
Naja, die Empfindung nennt sich strenggenommen wohl taktile Sensorik, oder?
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Mon Oct 10, 2016 3:08 pm

Sehr gut!

Was wird genau gefühlt, wenn die Finger auf den Tasten liegen. Benutze die Worte, die dem am nächsten kommen.
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Mon Oct 10, 2016 4:47 pm

Genau gefühlt wird Oberflächenstruktur und Form und im Prinzip auch Temperatur bzw das Nichtvorhandensein eines Temperaturunterschiedes zwischen Haut und Gegenstand. Die Tastatur ist weder besonders heiss noch kalt.
So. Jetzt halte ich eine Flasche Wasser in der Hand und die ist kälter und hat eine andere Form aber einen ähnlichen Härtegrad.
Fürs Vergleichen hat sich dann aber das Gehirn schon wieder mit dem Denken und Interpretieren zugeschaltet.
Eigentlich wird schon bei der Wortwahl "Oberflächenstruktur, Form, Temperatur" interpretiert:
In dem Moment nämlich wird direkte Wahrnehmung durch Worte etikettiert und somit in gedankliche Konzepte gepackt.
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Mon Oct 10, 2016 5:35 pm

Eigentlich wird schon bei der Wortwahl "Oberflächenstruktur, Form, Temperatur" interpretiert:
In dem Moment nämlich wird direkte Wahrnehmung durch Worte etikettiert und somit in gedankliche Konzepte gepackt
So ist es. Ganz können wir nicht auf gedankliche Konzepte verzichten, wenn wir kommunizieren wollen. Erfahrung kommt völlig ohne Konzepte aus.

Was weißt du eigentlich vom Körper in der direkten Erfahrung?
Probiere es aus.

Setze oder lege dich für ungefähr 15 Minuten hin.
Achte nur auf die reinen Empfindungen, ohne dich auf Gedanken oder geistige Bilder zu stützen.

Kannst du erkennen, wie groß der Körper ist?
Hat der Körper ein Gewicht oder Umfang?

Hat dein Körper in der aktuellen Erfahrung eine Gestalt oder Form?
Gibt es eine Grenze zwischen dem Körper und der Kleidung?
Gibt es eine Grenze zwischen dem Körper und dem Stuhl?

Wieviel Zehen hast du?
Bist du männlich oder weiblich?
Hast du einen Namen?

Gibt es ein innen oder außen? Falls es ein innen gibt - innen wovon genau?
Falls es ein außen gibt, das Außen wovon genau?

Worauf bezieht sich das Wort/die Bezeichnung 'Körper' eigentlich?
Fehlt dir irgendetwas, wenn du dich so erfährst?

Viel Spaß dabei!
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Mon Oct 10, 2016 9:09 pm

Setze oder lege dich für ungefähr 15 Minuten hin.
Achte nur auf die reinen Empfindungen, ohne dich auf Gedanken oder geistige Bilder zu stützen.
Liebe Ghata,
Hierzu habe ich schon einige Erfahrungen gemacht und tippe jetzt einfach mal los, ohne mich vorher hinzulegen:

Wenn ich auf die reinen Empfindungen achte, ohne dass ich mich auf Gedanken oder geistige Bilder stütze, ist da:
Kein Raum, Keine Zeit. Keine Gestalt, keine Form. Kein Innen, kein Aussen.
Nur Bewusstsein: Das Einzige, was sich nie ändert, was sich mit 5 Jahren genauso anfühlt wie mit 50.
Name, Anzahl der Zehen, Haarfarbe, Geschlecht: Alles Benennungen innerhalb der Welt der Erscheinungen.

Das Wort 'Körper' kann ich hier - innerhalb des Traumzustandes - benutzen, hat aber auf der Ebene des Absoluten keine Bedeutung.

Ich kann einem Gegenüber in die Augen schauen und Bewusstsein schaut sich selbst an.

Letztlich geschieht alles innerhalb von Bewusstsein. Egal, ob das "mein Körper", "das Auto", "der Mond", "die Blume" oder sonstwie genannt wird.

Haha, je mehr ich schreibe, desto mehr denke ich, jedes weitere Wort entfernt sich wieder vom Kern...

Da ist nur EINS.
So einfach.
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