Lucrezia - Ingen

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Lucrezia - Ingen

Postby Ingen » Fri Jan 25, 2013 10:39 am

Liebe Lucrezia,

willkommen im Forum!

wir haben ja schon ein bißchen gesprochen, und ich gehe davon aus, dass du die Einführungstexte gelesen hast. Ich möchte dich bitten, aufzulisten, was du von diesem Prozess hier erwartest.

Wie wird dein Leben sein, wenn du "befreit" bist?

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Lucrezia
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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Lucrezia » Sun Jan 27, 2013 12:40 pm

Liebe Ingen

Du fragst mich nach meinen Erwartungen, wie mein Leben sein wird, wenn ich „befreit“ sein werde. Ich kann mir nicht genau vorstellen, wie das sein wird. Das ist das Schöne aber auch das Beängstigende an der Sache. Es gibt da ein paar Punkte, die ich mir wünschen würde, aber ich bin nicht sicher, ob das nicht einfach nur (behindernde?) Vorstellungen von mir sind.

Da hier Ehrlichkeit gefragt ist, möchte ich mit der Motivation beginnen, die mir eher peinlich ist: Mein Partner wird auch von euch begleitet und ich muss gestehen, dass ein Grund, weshalb ich mich vor einer Woche bei dir gemeldet habe ist, dass ich wie er auch mitmachen möchte und zwar aus Angst, ihm nicht gleichwertig gegenüberstehen zu können. Es hat mich jetzt grad etwas Überwindung gekostet, das zu schreiben, denn wenn ich das nenne, finde ich es ziemlich schrecklich. Die eine Woche „Wartepause“ war gerade gut, diesem Punkt etwas auf die Spur zu kommen. Auch im Gespräch mit ihm und im Nachspüren in mir selber ist mir wieder bewusster geworden, dass wir beide unterschiedlich sind in unserer Art, die Wahrheit zu suchen. Und weder seine noch meine Art ist „besser“ oder „schlechter“. Ich glaube, was ich mir von einem „Erwachen“ wünsche ist, dass ich diese ständigen Wertereien und Vergleichereien in allen Bereichen des Lebens wenn nicht stoppen dann doch schneller durchschauen und loslassen kann.

Weiter wünsche ich mir, dass ich mich voll und ganz dem Leben hingeben kann. Ich versuche immer wieder, den Lauf der Dinge zu kontrollieren (auch hier stecken wieder Ängste dahinter). Wäre es nicht so viel freier und lebendiger und überraschender, wenn das Leben „mich“ leben würde und ich nicht versuchen würde, das Leben immer wieder in meine kleine Vorstellungswelt reinzuquetschen? Wenn ich nicht mehr versuchen würde, „jemand“ nach meiner Vorstellung sein zu wollen? Ich glaube nicht, dass mit dem Erwachen alles Unangenehme aus meinem Erleben weg wäre, das ist auch nicht wichtig. Es geht mir mehr darum, wie ich mit all dem, was auftaucht, umgehen werde. Und dass ich nicht ständig irgendwelchen Bildern von mir nachrenne oder dran rumbasteln muss. Das ist so anstrengend und vor allem auch sehr beschränkt in den Möglichkeiten.

Manchmal überfällt mich ein abgründig tiefes Gefühl der Sinnlosigkeit. Bis vor etwa einem Jahr war ich der Überzeugung, dass alles einen Sinn hat oder haben sollte: Dass all unser Tun und Handeln und Sein einem übergeordneten Sinn folgt. Inzwischen falle ich ab und zu richtig in ein Loch, weil ich „den“ Sinn einfach nicht mehr finde im Tun und Handeln. Die Vorstellung, dass vielleicht alles auf der Welt einfach passiert ganz ohne Sinn beängstigt und deprimiert mich. Und gleichzeitig, wenn ich genau hinschaue, weiss ich beim besten Willen nicht mehr, was der Sinn (m)eines Lebens sein soll? Für was rackere ich mich ab, strebe nach diesem und jenem – nur um am Schluss doch einfach wieder aus dieser Form zu verschwinden? Wird es so etwas wie „Sinn“ geben, wenn ich „befreit“ sein werde, oder wird sich die Frage nach dem Sinn erübrigen?

Zum Abschluss möchte ich dir gerne noch von zwei Träumen erzählen, die meinen momentanen Zustand ziemlich treffend beschreiben. (Nein, ich erwarte keine Traumdeutung ;-)...) Da ich ein sehr visueller Mensch bin, sind mir Bilder oft näher als Worte und Träume erzählen meist sehr viel. Ich träume seit Jahren immer wieder von Gewässern, hauptsächlich von Flüssen, und diese Träume sind meist sehr angstbesetzt, weil es darum geht, mitgerissen und/oder überschwemmt zu werden, die Kontrolle zu verlieren und schliesslich zu sterben. Kürzlich haben sich diese Träume zu ändern begonnen: Im einen fiel ich beim Versuch, jemanden aus dem Strom retten zu wollen, selber in den Fluss. Ich konnte uns beide nicht an Land bringen und habe mich dann im Traum nach kurzer Panikattacke bewusst dazu entschieden, nicht mehr zu kämpfen, sondern zu sterben. Ich bin also in die Wasserkraftwerkturbine aufgesogen worden und gestorben. Da war dann einfach nichts in weisser Leere – nicht ein „Ich“ in meiner Form, sondern einfach irgendwas, das wahrnahm. Letzte Nacht war ich im Traum auf einem Boot mit einem alten Mann, der in einer Performance mit Kanonen all seine (Lebens-)Vorstellungen oder so abschoss. Schliesslich drehte sich das Boot um und fuhr auf die weite See hinaus. Ich drehte mich nochmals um, sah andere Boote mit jungen Leuten, Lichtern, Fröhlichkeit und fragte mich, ob ich wohl das falsche Boot gewählt hätte? Ich wandte mich wieder ab und fuhr in meinem Boot in das Schwarze, ins Nichts, Himmel und Meer waren nicht mehr unterscheidbar. Ich war sehr gespannt, was da sein würde, in diesem schwarzen Nichts. (Leider wachte ich dann auf...) Diese Bereitschaft, mich bildlich dem Tod und dem Nichts zu stellen bzw. zu überlassen, überrascht mich sehr. Gerne würde ich dem weiter folgen.

Das war jetzt ein langer Roman, den du da zu lesen bekommen hast. Ich verspreche dir, ich werde nicht jedes Mal soviel schreiben ;-). Ich danke dir für das Lesen und freue mich auf Post von dir!

Herzlich
Lu

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Ingen » Sun Jan 27, 2013 10:11 pm

Vielen Dank für deinen ausführlichen und ehrlichen Bericht, liebe Lucrezia! Ich werde später noch mal darauf eingehen. Jetzt möchte ich dir erst mal bitten, deine Erwartungen zur Seite zu legen. Das Ergebnis dieses Prozesses wird womöglich ganz anders aussehen, als du dir das ausmalst! Auch alle spirituellen und psychologischen und philosophischen Lehren solltest du weglegen, und sozusagen ganz naiv und unbedarft deine eigene Erfahrung angucken.

Wenn es irgendwie geht, sollten wir doch jeden Tag hier im Forum posten, oder Bescheid sagen, wenn es mal nicht möglich ist.

Und es geht los :)

Was ist das für ein "ich", das sich abrackert und "nach diesem und jenem strebt"?
Gibt es das überhaupt? Schau nach, und beschreibe, wie dieses ich sich jetzt in diesem Moment bemerkbar macht.

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Lucrezia » Mon Jan 28, 2013 10:20 pm

Hier jetzt in diesem Moment sitzt und schreibt da ein Lucrezia-Körper, der sich den ganzen Tag "abgerackert" hat und sich grad sehr müde anfühlt. Normalerweise sage ich dazu "mein Körper" - also ist "er" nicht Ich, sondern "mein" (oder eben auch nicht mein, wie um Himmels Willen besitze ich ihn denn? Ich habe ja nicht mal Kontrolle über seine Funktionen!) Wenn ich weiter schaue, dann sind da ausser dem Körper Stimmungen und Gefühle, die kommen und gehen. Auch diese sind nicht ich, "ich" spüre sie bloss - falls ich mich darauf einlasse. Und schliesslich sind da Gedanken. Da wird die Sache komplizierter. Sie als "meine Gedanken" zu bezeichnen ist vermessen, denn sie kommen und gehen und wirbeln und tun und lassen, was sie wollen. Aber: Es scheint mir, dass sie ganz viel damit zu tun haben, ein Ich zu kreieren, denn sie beziehen ständig alles auf ein Ich: "Ich habe dies getan, ich werde das sagen, ich bin doch so und so..." Eigentlich sind das ständig Dinge, die gar nicht jetzt wirklich sind, wenn ich da sitze, sondern die gehen in die Vergangenheit oder in die Zukunft, sind Pläne, Vorstellungen etc. Wenn ich so an mich denke, dann sehe ich mich eigentlich wie eine Art Lucrezia-Puppe, als würde ich mich von aussen betrachten. DAS bin ich auf jeden Fall auch nicht.

Ich verrenne mich da glaub grad in irgendwas.

Also es gibt da dieses Ich, das hauptsächlich gedacht wird, das alles auf sich bezieht. Nur wo ist dieses Ich? Ich finde es nicht ausser in Bildern, Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken. Können Gedanken ein Eigenleben haben und ein Ich kreieren?

Und dann gibt es da etwas, ein Ich (?) das einfach da ist, das die Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen etc. wahrnimmt. Aber das kann ich nicht lokalisieren. Das ist einfach ohne Form und Ort. So ein Lucrezia-Gefühl, das seit Kindheit immer gleich ist. Nicht das wechselhafte oben beschriebene Ich.

Mehr kommt da nicht, ich habe das Gefühl, es sei jetzt schon total verworren. Zwei Ichs kann's ja nicht geben, ein Ich scheint erdacht, das andere nicht fassbar... Hilfe! Kannst du da den richtigen Zipfel ziehen, damit sich das Durcheinander lösen kann?

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Ingen » Mon Jan 28, 2013 10:52 pm

Ich finde nicht, dass du dich in etwas verrennst!

Du siehst ganz richtig, dass du der Körper nicht bist, sonst hieße es ja nicht "mein Körper".
Gefühle und Gedanken kommen und gehen, ohne Kontrolle eines "deinerseits"

Diese Frage würde ich gerne an dich zurückgeben:
Können Gedanken ein Eigenleben haben und ein Ich kreieren
"Und dann gibt es da etwas, ein Ich (?) das einfach da ist, das die Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen etc. wahrnimmt."

Meinst du, dass die Gedanken und Empfindungen einen "Wahrnehmer" brauchen? Gibt es einen Gedanken plus einen Wahrnehmer? Gibt es Sinneseindrücke und etwas, das diese Sinneseindrücke wahrnimmt und verarbeitet?

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Lucrezia » Tue Jan 29, 2013 8:16 pm

Die Frage nach dem Eigenleben der Gedanken beantwortet sich fast selber: Gedanken als solche sind nicht Ich, falls sie was kreieren, dann kann auch das nicht Ich sein. Aber was ist es denn, das mir immer wieder einzureden versucht, all das, was die Gedanken kreieren, habe mit mir zu tun, sei "ich"? Was denn? Das ist meine Frage nach dem Eigenleben, irgendwoher kommt ja der Impuls, alles ständig irgendwie zu konstruieren?

Der Frage, ob es einen Wahrnehmer UND das Wahrgenommene gibt/braucht, bin ich den ganzen Tag immer wieder nachgegangen und komme einfach nicht zu einer klaren Antwort. Mein erster Impuls wäre zu sagen: Ja, es gibt beides! Irgendetwas registriert ja ständig alles, was da ist?! Wenn du so fragst gehe ich davon aus, dass dies nicht der Fall sein kann. Aber wie wäre denn Wahrnehmung möglich ohne einen Wahrnehmer? Riechen und teilweise spüren kann ich eher als eine Einheit (Wahrnehmer-Wahrgenommenes) empfinden, es gab schon kurze Momente, wo einfach alles grad so war ohne ein hier und dort. Aber sehen klappt gar nicht, hören teilweise. Ich bin ziemlich verwirrt und bekomme das einfach nicht zu fassen. Wenn ich was sehe, dann ist es doch ausserhalb von meinem Körper (also nicht ich), es wird durch meinen Körper überhaupt sichtbar und existiert dann solange in meiner Wahrnehmung, wie ich hinschaue oder die Augen offen habe.

Kannst du das bitte irgendwie nochmals anders fragen oder einen Tipp geben, wie ich dem noch anders auf die Spur kommen kann?

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Ingen » Tue Jan 29, 2013 8:49 pm

Aber was ist es denn, das mir immer wieder einzureden versucht, all das, was die Gedanken kreieren, habe mit mir zu tun, sei "ich"? Was denn? Das ist meine Frage nach dem Eigenleben, irgendwoher kommt ja der Impuls, alles ständig irgendwie zu konstruieren?
Ist da "etwas" das dir versucht, ein Ich einzureden? Oder sind das auch nur auftauchende Gedanken?

Woher kommen denn andere Impulse, wie z.B. gerne Schokolade zu essen, oder die Körperform im Spiegel mit einer Idealkörperform aus der Zeitschrift zu vergleichen?

Zu den Sinneswahrnehmungen:
Beim Riechen kriegst du es ja anscheinend schon ganz gut hin. Aber hier nochmal:
Wenn du mit geschlossenen Augen an einer Blume riechst, kannst du dann "Blume", "riechen", und "Riecher" unterscheiden? Oder gibt es da nur "Duft"?

Hören: Wenn du die Augen schließt und ganz unbedarft zuhörst... Ohne jeglichen Gedanken! Tu' so, als ob du zum ersten Mal in deinem Leben hörst.
Hörst du eine Geräuschquelle (vergiß nicht, du weißt NIX!)?
Gibt es eine Tätigkeit, die du als "hören" bezeichnen könntest?
Gibt es Hörer- hören - Gehörtes?
Oder gibt es nur Geräusche, mehr oder weniger laut, mal links, mal rechts...?

Wo ist die Grenze zwischen dir und dem Klang?

Es geht hier darum, herauszufinden, was durch Sinnesempfindungen tatsächlich in direkter Erfahrung vermittelt wird, und wieviel sich in Gedanken abspielt, d.h. lediglich eine Vorstellung ist

(Sehen und Fühlen will ich gerne für morgen aufheben)

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Lucrezia » Tue Jan 29, 2013 9:27 pm

Gut, vielen Dank, damit kann ich was anfangen! Ich werde also bis morgen zu erforschen versuchen, was einfach nur "hören" und "riechen" etc. ist, ohne dass da noch Gedanken kommentieren ("Blume", "schön", "laut", "mag ich nicht" etc.) Die reine (Sinnes-)Wahrnehmung ohne "Geschichten" dazu, die direkte Erfahrung.

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Lucrezia » Wed Jan 30, 2013 9:08 pm

Ist da "etwas" das dir versucht, ein Ich einzureden? Oder sind das auch nur auftauchende Gedanken?

Woher kommen denn andere Impulse, wie z.B. gerne Schokolade zu essen, oder die Körperform im Spiegel mit einer Idealkörperform aus der Zeitschrift zu vergleichen?
Es sind einfach Gedanken, die auftauchen. Woher der Schokolade-Impuls kommt? Von meinem Körper weil der jetzt grad Stoff xy benötigt? Manchmal von einem Gedanken ("Jetzt brauch ich ein Stück Schokolade!"). Aber woher kommt dieser Gedanke? Der Vergleich-Impuls kommt von Vorstellungen, Ängsten, Bildern - also letztlich auch von Gedanken.

Das mit dem Riechen ist zur Zeit schwierig, da ich verschnupft bin. Aber ich habe mich heute den Tag lang mit dem Hören beschäftigt und finde es sehr spannend: Da ist wirklich einfach nur das Geräusch oder was auch immer da ist. "Da" ist auch wieder so unbefriedigend, denn es gibt keinen definierten Raum, einfach nur Raum, in dem alles stattfindet. Schon so auf diese Art "ich bin hören". (Worte sind einfach unzureichend!)
Es passiert aber so ziemlich automatisch, dass mir zu einem Geräusch auch immer gleich die Geräuschquelle einfällt (Auto, Stimmen, Strassenbahn...). Es ist nicht so, dass ich das unbedingt denke, es kommt mir als Bild. Ich kann auch einfach nur im Hören sein und dennoch die Geräuschquelle erkennen. Muss das Erkennen der Geräuschquelle ganz weg sein? Ist das wichtig, dass ich die Quelle nicht erkenne? Denn das Einordnen geht einfach automatisch ab (und rettet mich auf der Strasse vor dem Überfahren werden ;-)!). Ich kann mich öffnen und dann kommt und geht was will und ich ordne ein und lass los und es geht weiter. Ich bleib dann nicht dabei und spinne keine Gedanken dazu weiter. Aber ganz abstellen? Da müsste ich Geräusche hören, die ich nicht kenne.
Zwei Mal passierte es mir, dass alles auf einmal so still wurde. Ich meine, es lief weiterhin die Musik, Autos fuhren etc. Aber es war einfach still und alles war da ohne Gedanken oder so. Es ist wie ein Modus umschalten. Früher lief ständig der "Schwafel-Modus" innen wie aussen, zur Zeit wird es ruhiger.

Bin gespannt aufs Sehen - DAS kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Ingen » Wed Jan 30, 2013 9:53 pm

Gute Arbeit, Lucrezia!
Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Es geht hier nicht darum, irgendeinen Zustand der Einheit, oder der Stille zu erreichen. Diese Zustände können zustande kommen, und es ist schön, wenn sie da sind, aber sie werden auf jeden Fall auch wieder verschwinden. Nichts hält auf Dauer an. Wenn du so was erwartest, weil irgendein Erleuchteter Lehrer das so beschrieben hat, dann ist dies genau das: eine Erwartung, ein Gedanke. Und damit bestenfalls unnötig, und schlimmstenfalls verhindert es, dass du deine eigene Erfahrung machst.

Also, du sollst nichts verändern. Nur beobachten. Wenn Bilder aufkommen beim Hören - wie z.B. dass die Musik natürlich aus einem Radio kommt - dann nimm dies einfach zur Kenntnis. Und bemerke, dass das Radio NICHT in deiner Wahrnehmung ist, sondern nur ein Gedankenkonstrukt.
Früher lief ständig der "Schwafel-Modus" innen wie aussen, zur Zeit wird es ruhiger.
Lass den Schwafelmodus ruhig laufen, aber beobachte, wie der Kommentator die stattfindenden Wahrnehmungen "in Beschlag nimmt". Und achte vor allem darauf, wann dieses Inbeschlagnehmen passiert: Vor oder nach der Handlung/Wahrnehmung/dem Gefühl.

Jetzt ein paar Anleitungen zum Sehen. Vielleicht am besten draußen, beim Spazierengehen?!
Schaust DU aus zwei Augenlöchern in die Landschaft? Oder ist die Landschaft "einfach da" in deinem ungeteilten Gesichtsfeld, ganz mühelos.
Findet eine Tätigkeit "Sehen" statt?
Wie sieht das Gesichtsfeld aus, wenn du Gedanken wegläßt: Ist da ein Seher-Sehen-Gesehenes, oder ist da ein Mosaik von Farben, Formen und Licht, ohne Begrenzung?

Wo verläuft in deiner Wahrnehmung die Grenze zwischen dir und dem Gesehenen?

Viel Spaß, und zieh' dich warm an, wenn du erkältet bist) :)

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Lucrezia » Thu Jan 31, 2013 9:16 pm

Es geht hier nicht darum, irgendeinen Zustand der Einheit, oder der Stille zu erreichen. Diese Zustände können zustande kommen, und es ist schön, wenn sie da sind, aber sie werden auf jeden Fall auch wieder verschwinden. Nichts hält auf Dauer an. Wenn du so was erwartest, weil irgendein Erleuchteter Lehrer das so beschrieben hat, dann ist dies genau das: eine Erwartung, ein Gedanke. Und damit bestenfalls unnötig, und schlimmstenfalls verhindert es, dass du deine eigene Erfahrung machst.
Ich habe schon gedacht, dass du auf diese und die Schwafel-Modus-Bemerkung reagieren wirst, musste es aber dennoch loswerden ;-) Es ist schon so, dass man sich sehr schnell was Superausserordentliches vorstellt unter dem Erwachen. Ich bin (noch) nicht ganz los von dieser Vorstellung, wie du merkst. Ich kann nicht glauben, dass dies "einfach" sein soll, da spukt immer noch der Glaubenssatz rum, dass alles schwer erarbeitet werden muss und zum Erwachen braucht es besonders viel Anstrengung und das muss man sich verdienen und bla und bla... Ja, so viele Gedanken und Vorstellungen, ich weiss. Mein Lehrer spricht oft von einer Stille und Leere, in die man fällt. Aber ich habe gemerkt, dass es besser ist, ich lasse mich einfach auf das ein, was ich selber erfahre. Also gerne nochmals: Eine Stille und Leere ist nicht der Dauerzustand, was heissen würde, es gibt da noch eine reelle Chance für mich... ;-)?!
Lass den Schwafelmodus ruhig laufen, aber beobachte, wie der Kommentator die stattfindenden Wahrnehmungen "in Beschlag nimmt". Und achte vor allem darauf, wann dieses Inbeschlagnehmen passiert: Vor oder nach der Handlung/Wahrnehmung/dem Gefühl.
Der Kommentator ist sehr aktiv und nimmt jede Gelegenheit wahr: VOR einer Handlung, um eine Handlung zu initiieren, sich selber zu vergewissern oder zu verängstigen, NACHHER um die Handlung/Wahrnehmung zu kommentieren und weiter zu spinnen. Er hat viel zu tun, dieser Kommentator. Aber es gelingt immer besser, ihn einfach schwafeln zu lassen ohne jedes Mal aufzuspringen. Oder aber wieder abzuspringen.

Das Sehen war doch nicht so schwer wie gedacht. (Schon wieder diese Vorstellungen, die sich der direkten Erfahrung in den Weg stellten). Es ist schon so, wie du gefragt hast: Eigentlich ist die Grenze zwischen mir und dem Gesehenen nicht auszumachen wie auch nicht beim Riechen, Hören, streng genommen auch beim Berühren nicht. Ich sehe ja auch nicht durch zwei Löcher, da ist EIN Gesichtsfeld. Und manchmal kommt mir vor, als wäre da anstelle meines Kopfs ein Nichts oder ein Raum oder so, in dem das alles einfach ist. Und nein, es findet keine Tätigkeit "Sehen" statt, "es" sieht einfach. Das finde ich eine sehr entspannende Erfahrung, dass "es" einfach sieht - und hört und riecht. Da fällt viel an Anstrengung weg.

Kann man das im Alltag immer so erfahren oder ist es auch nach dem Erwachen normal, dass man in den "Tuer"-Modus verfällt? Irgendwie kann ich mir immer weniger eine Vorstellung vom Erwachen machen, was mich irritiert (ich weiss ja gar nicht, was ich eigentlich anstrebe!) aber wahrscheinlich ist das ganz gut so.

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Ingen » Thu Jan 31, 2013 9:53 pm

Vielleicht gibt es gar kein Erwachen? Vielleicht bist du schon wach? Woher weißt du, dass du nicht wach bist?
ist es auch nach dem Erwachen normal, dass man in den "Tuer"-Modus verfällt?
Wie sieht es aus, wenn du in den Tuer-Modus verfällst? Nehmen wir zum Beispiel "Gedanken". Wie denkst du "als Tuer" Gedanken? Wie fabrizierst und kontrollierst du sie? Wie wählst du aus, welche Gedanken du ausführen möchtest? Wie zum Beispiel die Gedanken, von denen du sagst, dass sie eine Handlung initiieren.

Weißt du, welchen Gedanken du als nächstes haben wirst?

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Lucrezia » Fri Feb 01, 2013 5:50 pm

Vielleicht gibt es gar kein Erwachen? Vielleicht bist du schon wach? Woher weißt du, dass du nicht wach bist?
Die Verwirrung ist bald komplett! Du fragst: Vielleicht gibt es gar kein Erwachen?! Warum ist das Erwachen denn ein Thema, wenn es keines geben soll? Und ja genau: Woher weiss ich, dass ich nicht wach bin? Gar nichts weiss ich mehr, Ingen, nichts, was irgendeinen Sinn machen könnte. Ich weiss ja auch nicht, wie das Erwachen sein wird/ist. Alles, was ich mir darunter vorstelle, ist eben nur genau das: Vorstellungen, also Gedanken! Deshalb weiss ich nicht, ob ich nicht schon wach bin. Vielleicht ja? Vielleicht gehe "ich" einfach nur immer noch meinen Ideen, Vorstellungen und Geanken auf den Leim, die mich behindern? Aber welches "ich" würde den Gedanken auf den Leim gehen? Wo sitzt denn dieses Ich? Es sitzt ja nirgends ein Ich, das ich finde und als solches bezeichnen könnte.

Irgendwie drehe ich mich im Kreis. Was behindert mich denn? Was steht vor dem Wachsein?
Wie sieht es aus, wenn du in den Tuer-Modus verfällst? Nehmen wir zum Beispiel "Gedanken". Wie denkst du "als Tuer" Gedanken? Wie fabrizierst und kontrollierst du sie? Wie wählst du aus, welche Gedanken du ausführen möchtest? Wie zum Beispiel die Gedanken, von denen du sagst, dass sie eine Handlung initiieren.

Weißt du, welchen Gedanken du als nächstes haben wirst?
Es denkt einfach, ich habe null Kontrolle, null Einfluss auf was da kommen wird, obwohl die Gedanken selber so tun, als wäre "ich" völlig die Kontrollierende: Sie verwenden ständig das Wort "ich", beziehen alles auf Handlungen von mir, auf Gefühle, reagieren auf das, was ich wahrnehme und springen von einem Ding zum anderen. Aber was der nächste Gedanke sein wird, kann ich nicht voraussagen und auch nicht kontrollieren. Das mit dem Handlung-initiierenden Gedanken stimmt vielleicht doch nicht: Ich kann nicht behaupten, bewusst einen Gedanken zu produzieren, der dann eine Handlung auslösen wird. Die Gedanken kommen einfach von irgendwoher, vielleicht durch Impulse oder so ausgelöst, keine Ahnung.

Was ich mit Tuer-Modus meine, kann ich dir an einem Beispiel verdeutlichen: Heute ist da eine gedrückte, leicht traurig-gereizte Stimmung wahrnehmbar. In solchen Fällen, bei eher unangenehmen Wahrnehmungen, tendiert etwas dazu, sehr stark mit Ich zu operieren: "ICH bin gereizt, ICH fühle mich bedrückt, was soll ICH tun deswegen, warum bin ICH so oder so gestimmt, es missfällt MIR ganz gewaltig etc. etc." In solchen Momenten, wenn ich etwas als unangenehm empfinde und nicht will, scheint das Ich-Gefühl stärker vorhanden zu sein als in gelösten Momenten und der Drang, etwas "zu tun" ist stark. Irgendwas hat immer noch das Gefühl, etwas zu wollen oder nicht zu wollen und bezieht das auf ein Ich, dem es am besten einfach wunderbar gehen sollte. Und ja: Auch das sind Vorstellungen, nichts weiter als das. Wahrscheinlich beziehe ich die mit den Vorstellungen verbundenen oder durch diese ausgelösten Gefühle doch immer noch auf ein "ich". Ist das nicht einfach ein Trick, der einem davon abhält, das zu fühlen, zu sehen, zu hören, was gerade da ist? Wenn da Gereiztheit ist, ist sie eben da und eigentlich nur schlimm, wenn ich die Vorstellung habe, es müsste jetzt Heiterkeit da sein. Aber warum entstehen solche Vorstellungen überhaupt? Muss ich die abstellen (das wird nicht möglich sein, oder?) oder sind die egal, wenn sie auftauchen? Und wie gehe ich damit um?

Ich komme nicht weiter, fühle mich wie ein Hamster im Rad. Hast du einen Tipp?

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Ingen » Fri Feb 01, 2013 6:03 pm

Du bist nicht der Hamster im Rad, du bist der Hamster und das Rad.

Das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.:)

Du bist schon auf dem richtigen Weg. Verwirrung ist ein gutes Zeichen. Wenn man genau "weiß" wie alles ist, läßt sich die Perspektive nicht ändern. Schau einfach weiter: Was ist das für ein Ich, das sich bedrückt fühlt? Gibt es das, oder ziehen nur düstere Gedanken vorbei wie Gewitterwolken?

Ich antworte später oder morgen ausführlicher.

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Re: Lucrezia - Ingen

Postby Lucrezia » Fri Feb 01, 2013 6:12 pm

PS: Eigentlich ist das Ganze ziemlich radikal: Wenn da keine Vorstellungen mehr sind, dann ist alles einfach wie es ist. So simpel. Und so radikal weil kompromisslos! Ich kann es noch nicht richtig in Worte fassen, merke nur, dass da Angst ist, etwas zu verlieren, wenn ich alle meine geliebten und quälenden Vorstellungen aufgebe (Was würde ich denn verlieren: Eine vermeintliche Sicherheit oder einen Sinn und falls ja welchen?) Auch ist da Widerstand, das Leben so zu sehen und zu leben, wie es ist, so unspektakulär, normal, wohl auch sinnlos... Wo ist das Tolle, Heroische, Sinnstiftende meiner jahrelangen Vorstellungen und Anstrengungen? Irgendwas sitzt hier hartnäckig und will einfach nicht glauben, dass jetzt damit fertig sein soll. Du siehst, ich bin wieder am Anfang angelangt, das scheint eine Spiralbewegung zu sein.

Gruss vom schwindligen Hamster ;-)

PPS: Aha, da ist schon Post von dir! Hamster und Rad, ja klar, der Schwindel ist perfekt bis zur Auflösung ;-)
Und neineinein: Es gibt dieses Ich nicht, ich finde es nirgends! Es taucht ja einfach alles auf und geht wieder. Aber wenn es da ist, redet mir ständig etwas ein, da sei ein Ich das jetzt leidet. Puh. Ich füttere jetzt den Hamster - oder so!


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