Liebe Renate!
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Bei allem Nachdenken und Erforschen ergibt sich für „mich“ folgende Schlussfolgerung, wobei „mich“ nichts Autarkes ist. „Mich“ besteht aus Gedanken, Informationen, Verstandesaktivitäten.
Das, was allgemein als Ich bezeichnet wird, ist der Körper. Ohne Körper kein Ich, mich oder Selbst. In 1. Linie wird ein Ich über den Körper identifiziert – Aussehen, Alter, Hautfarbe, Größe, Mann oder Frau etc. Dann kommen noch der Name, gesellschaftlicher Stand, die ganze Lebensgeschichte, Beruf usw. hinzu. Das Ich besteht meist aus vielen Körpern – denn es identifiziert sich auch mit Familie, Freunde, Arbeitskollegen etc.
Das Ich setzt sich also aus vielen Komponenten zusammen. Hier fällt mir euer Vergleich mit der Schule ein.
Wenn ein Ich nun lokalisiert werden soll, ist es dort, wo der Körper ist. Aber stets ist das Ich eine Summe von Gedanken, bei denen in der Vorstellung oder als Bild ein Körper auftaucht.
Versuche ich nun mein Ich zu finden, kann es nicht gefunden werden. Weder im Körper, noch im Spiegel, in der Luft oder im Geist. Somit lässt sich ein Ich nicht lokalisieren.
(Wie könnte auch ein Ich, welches nicht existiert, sich selbst finden?)
Das Ich setzt sich quasi gedanklich immer wieder zusammen mit dem Körper als Basis, dessen Heimat es zu sein scheint.
Es existiert auch kein Ich in irgendeiner anderen Art und Weise z.b. geistig, energetisch, in einem anderen festen Zustand. Somit gab es überhaupt nie ein Ich oder Selbst.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die Ich-Illusion basiert auf den Glauben, dass die Summe aus Körper, Name, Eltern, Geschlecht, Eigenschaften, Gefühle etc. ein eigenständiges Wesen ergibt, welches sowohl Körper (fest) als auch Geist (Gedanke) ist. Das Ich macht sich kaum Gedanken über seine Herkunft, seinen Platz, seine Beschaffenheit. Selbst die Frage “ Wer bin ich?“ stellt oberflächlich betrachtet das Ich selbst nicht in Frage. Das Ich glaubt, getrennt von allen anderen Ichs zu sein und ein eigen- und selbstständiges Leben zu führen, Entscheidungen zu treffen und einen freien Willen zu haben. Es zweifelt nicht an seiner Existenz, denn etwas anderes ist nicht vorstellbar.
Die Ich-Illusion entsteht sehr früh durch Nachahmung und durch Anerziehung. Sie wird ständig erneuert, aufrechterhalten und gefestigt durch Identifikation mit dem Körper, dem Namen, den Eltern, Glaubenssätzen, der Interaktion mit anderen Ichs und vieles mehr. Es funktioniert solange, solange die Identifikation mit „mein“ Körper, „meine“ Gefühle, „meine“ Gedanken, „mein“ Wille, „mein“ Leben stattfindet.
Das Ich findet auch den Prozess hier interessant. Doch scheinbar will es den Prozess am Laufen halten.
Jetzt gerade habe ich Urlaub. Ich oder Martin macht nur im Sommer Urlaub und auch dann nur bei Wärme und schönem Wetter. Denn er wohnt im Gebirge und da kommt es nicht so oft vor, dass die Temperaturen und der Sonnenschein so intensiv sind wie in den letzten Wochen. Das nützt er aus, muss es ausnützen. Daraus schöpft er Freude. Er hasst Kälte. Also hat er Urlaub, trifft sich mit seiner Familie, mit Freunden und unternimmt vieles in der Natur.
Hier findet ein wesentliches Merkmal der Ich-Illusion statt. Er will sich nur ungern von dieser Illusion lösen. Er ist zufriedener als sonst, doch es ist ein fragiler Frieden. Das weiß er. Immer wieder schleichen sich Gedanken ein, welche zeigen, dass er auch mit den perfekten äußeren Bedingungen nicht restlos glücklich ist. Etwas fehlt immer. Aber dieser Urlaub ist schon mal sehr gut. Wenn nun auch noch die anderen Wünsche in Erfüllung gehen würden.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Die 6 Fragen lösten Druck aus. Sie wollten nicht beantwortet werden. Es kamen auch keine Worte, die aufgeschrieben werden konnten. Geistiges Blackout.
Außerdem sind da Erwartungen, wie das Durchschauen der Illusion erlebt wird. Zum Teil aus den Schilderungen anderer hier, welche „ich“ vor Beginn des Prozesses gelesen habe.
Doch diese Erwartungen sind nicht annähernd eingetroffen. Die Ich-Illusion ist voll aktiv, auch wenn immer wieder bewusst wird, dass sie gerade abläuft. Martin fühlt sich getrennt von allen anderen Ichs. Er zweifelt manchmal an sich selbst und daran, das „Ziel“ erreichen zu können.
Er glaubt nicht, die Illusion durchschaut zu haben. Wenn, dann nur auf der Verstandesebene, welche gleichermaßen illusionär ist. Etwas fehlt.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Nachdem ich nicht glaube, die Illusion durchschaut zu haben, ist es schwer, diese Frage zu beantworten.
Erst mit Liberation unleashed, dem Lesen der Enlightening Quotes, anderer Dialoge hier und des eigenen Prozesses mit den Fragen von Renate und durch eigenes Erforschen und Beantworten der Fragen konnte die Ich-Illusion als Tatsache akzeptiert werden bzw. durchschaut werden. Doch alles ist nach wie vor wie immer. Es findet keine andere Wahrnehmung von mir, des Körpers, der Umwelt statt.
5) Gibt es irgendwelche Ereignisse im Leben, über die Du Kontrolle ausübst? Kannst Du über irgendetwas entscheiden, es beeinflussen oder herbeiführen? Gib ein paar konkrete Beispiele aus Deiner Erfahrung.
Da es weder ein Ich, mich oder mein gibt, sind auch Kontrolle, Entscheidung oder freier Wille eine Illusion. Diese allerdings ist sehr real und wird nicht angezweifelt, solange die Ich-Illusion besteht. Dann glaubt das Ich auch Kontrolle auszuüben, Entscheidungen zu treffen und Dinge zu beeinflussen.
Jeden Tag scheint es erforderlich, Entscheidungen zu treffen. Manchen fällt es sehr schwer, sich zu entscheiden. Andere brüsten sich wieder damit, entscheidungsfreudig zu sein. In Firmen werden täglich Entscheidungen verlangt und getroffen.
Es erscheint sehr real, dass es von „mir“ abhängt, zu entscheiden. Es erscheint sehr real, dass ich „meine“ Gedanken lenke und für sie verantwortlich bin. Was sonst als Ichs soll zu Entscheidungen kommen?
Auch "ich" brauche lange, um die gewohnten Gedankengänge und das bisher selbstverständliche Terrain zu verlassen. Aber Kontrolle und Entscheidungen passieren auf Grund von Gedanken. Gedanken kommen und gehen ohne Beeinflussung oder Steuerung eines Ichs. Das wurde beobachtet. Die logische Konsequenz daraus ist, dass ein Ich weder Kontrolle ausüben noch Entscheidungen herbeiführen oder beeinflussen kann.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Vielen herzlichen Dank für die Begleitung.
Liebe Grüße
Martin