Lieber Mauritius,
habe Deine PN erhalten. Bin gespannt. hier die Antworten. Falls noch was fehlt, sag bitte Bescheid.
1) Gibt es irgendwo in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "Mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Es gibt und gab niemals ein eigenständiges Ich. Egal wie und wohin oder worauf geschaut wird ist kein Ich zu finden. Auch rückblickend war nie eines existent. War es lediglich ein Schattenspiel durch die Ich-Illusion.
2) Erkläre detailliert, was die Ich-Illusion ist. Wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie du es jetzt gerade erlebst.
Die Ich-Illusion entsteht dadurch, dass Empfindungen und Gedanken (in welcher Reihenfolge auch immer sie auftauchen) an ein imaginäres "Ich" geheftet werden; auf ein angenommenes Ich bezogen werden. Es werden alle Geschehnisse und Erfahrungen dem Ich zugeschrieben und in ein Verhältnis zum "Selbstbild" gebracht. Außerdem werden Gedanken und Empfindungen, solchermaßen interpretiert, dass das "Ich" ihr "Hervorbringer" und Erzeuger ist. Also der Verantwortliche, Verursacher und damit die dementsprechende Kontrollinstanz, um das geronnene Selbstbild um jeden Preis aufrechtzuhalten.
Im Moment findet dieser Prozess immer noch als eingeschliffener Automatismus statt. Also z.B. Stress, weil eine Situation dem zuwiderläuft wie mein "Ich" es als für "sich" richtig interpretiert hat. oder mein "Ich Sich" bedroht fühlt, weil es nicht gesehen wird... ;-) all diese Muster laufen zwar immer noch ab, aber sie werden größtenteils einfach gesehen. (Mal schneller, mal langsamer). Aber davon unabhängig gibt es jetzt diesen "Ort", der davon vollkommen unberührt bleibt. Eine Leerstelle, die zuvor immer mit dem eingebildeten Ich vollgesopft war und wurde.
3) Wie fühlt es sich an, die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Bitte berichte aus den letzten Tagen.
Erfüllt, Ruhe, Weite, Freude, Staunen, Grenzenlos, still....die Wahrnehmung ist so voll und so reich und so weit und gleichzeitig ist alles ganz nah und vertraut-sogar die Gießkanne, die neben "mir" steht. Alles ist. Da ist viel mehr Vertrauen ins Leben. Ich kann ruhig sitzen, ruhig gehen. Es geschieht alles (z.B. ich bin auch nicht derjenige, der atmet). Anwesenheit. Sehe diese unfassbare Schönheit im einfachen Sosein. Es kommt irgendwie alles auf "mich" zu. "Ich" muss nichts mehr machen. Bin nicht der Macher, oder der Kontrolleur oder sonstwas. Was eine Erleichterung. "Ich" fahre zwar immer noch in dieser alten Karre ("mein Ich") rum, und die alten Verhaltensweisen finden immer noch statt (manchmal auch viel entschärfter oder entspannter als vorher), werden aber größtenteils einfach gesehen und kleben nicht mehr an "mir" fest. Es gibt ja nichts, woran etwas haften könnte. Außerdem bleibt die Verurteilung oder Schuldzuweisung mir selbst gegenüber aus. Kein Leiden mehr, Keiner, der schuld wäre.
4) Was hat den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Das ist schwer zu beantworten. Es war wie eine Dämmerung durch das unverwandte Schauen auf die Stelle, an der ich das "Ich" vermutetete...um immer klarer in dieser Leerstelle zu landen, die wirklich da ist. Und dann war es auf einmal keine Theorie mehr, sondern bekam diese unfassbare Eigendynamik.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wofür bist du verantwortlich? Bitte gib auch ein paar Beispiele aus direkter Erfahrung. Hätte je irgendetwas irgendwie anders entschieden worden oder geschehen können?
Entscheidungen finden statt. Geschehen. Es gibt keinen Entscheider, der etwas entscheiden könnte. Es liegt nicht in "meiner" Hand.
Absicht ist ein Gedanke und taucht auf; woher auch immer. Taucht vielleicht zufällig zusammen mit einem "guten" Gefühl auf. Aus diesen Gedanken und Empfindungen taucht dann der Gedanke "Absicht" auf und wird innerhalb der Ich-Illusion dem "Ich" als Verursacher zugeschrieben.
Freier Wille: dazu müsste Jemand getrenntes existieren, der einen eigenen Willen haben könnte- tut es aber nicht.
Wahl: Keine Wahl von Niemandem. Der schienbar gewählte Gedanke taucht auch einfach auf. Selbst wenn die Aufmerksamkeit sich auf etwas bestimmtes richtet, ist auch dies lediglich ein weiterer Gedanke der auftaucht.
Es braucht ein getrenntes Ich, um glauben zu können, es gäbe so etwas wie Kontrolle oder Kontrollierbarkeit des Lebens. Nichts ist in "meiner" Hand. Es kann Niemand verantwortlich gemacht werden, weil es Keinen gibt. Dann hat das Leben eben alle Seiten und nicht nur die, die "Ich" bevorzuge.
Zum Beispiel, dass das Leben so und nicht so gelaufen ist; im Glauben es würde alles von "Mir" abhängen, von "meinem" Willen. Dabei war es eben einfach so und nicht anders. Jeder nächste Schritt findet einfach statt, wird gesehen und findet statt- ohne "mich". Was das Leben in jedem Moment so bringt, habe "ich" nicht in der Hand. Es gibt keinen Kontrolleur, der in der Lage wäre, Schmerz oder Unangenehmes zu eliminieren. Es findet alles statt; nur mit dem Unterschied, dass es nicht "Mir" geschieht, oder wegen "Mir". Dadurch wird die Erahrung des Lebens irgendwie kompletter. Nicht so schein- selektiv. Es gibt viele Reaktionen, die ich an "Mir" ablehnen würde. Der Gedanke dazu taucht auch auf; aber er geht auch wieder und bleibt nicht.
6) Gibt es noch etwas zu ergänzen?
Danke für Alles.
Alles Liebe
Flink