Liebe Christiane,
ich fange einfach mal mit einem Teil an und arbeite mich schrittweise durch :)
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein. Das "Ich"/"Mich"/"Selbst" ist lediglich ein Gedanke, welcher einfach in die gedankliche Beschreibung wahrnehmbarer Dinge eingefügt wird. Die gedankliche Beschreibung der wahrnehmbaren Dinge ist aber nur eine Beschreibung der Realität und nicht die Realität selbst. Die Realität ist nur die Wahrnehmung - ohne gedankliche Beschreibungen.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die Ich-Illusion entsteht durch die Identifizierung mit den Gedanken, Sinneswahrnehmungen und Gefühlen.
In meiner Wahrnehmung spielt sich der Prozess so ab:
1.) Etwas passiert in der Realität - Beispiele sind mannigfaltig: Körper bewegt sich, Gedanken tauchen auf, Gefühl wird wahrgenommen
2.) Nachdem so etwas in der Realität passiert setzen Gedanken ein und beschreiben das Gesehene. Fälschlicherweise habe ich nun immer geglaubt, dass das ich bin der diese Dinge kontrolliert und ausführt - besser ausgedrückt: dass es ein "Ich" gibt, das diese Dinge bestimmt (z.B. Bewegungen wie Gehen und Essen aber auch Gedanken) oder diese Dinge
ist (z.B. Scham = ich schäme "mich", Trauer = "ich" trauere, usw.) - und dieses "Ich", das bin ich...
3.) Durch diese Identifizierung bzw. durch den Glauben an die Kontrolle, bestimmte Verwirrung den Alltag - ist auch selbstverständlich, denn wenn man glaubt all diese Dinge zu sein über die man ja keine Kontrolle hat, dann ist man nur ein Spielball
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Siehe meine letzte Antwort :) Ergänzend noch einmal:
Es fühlt sich "gut" an. Ich nehme Klarheit wahr. Das ist ein seltsames Gefühl das ich nicht genau beschrieben kann. Hat nichts mit Glück oder Freude oder sonstigem zu tun. Das Wort "Tiefe" trifft es vielleicht ganz gut - ein Gefühl das einlädt noch bewusster wahrgenommen zu werden.
Anders ist einfach die Klarheit: herrschte vor dem Dialog Verwirrung oder ein rein intellektuelles Verständnis, herrscht jetzt eine klare Sicht auf die Dinge wie sie sind.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Das letzte Aufbäumen der Gedanken ("Verstand") - oder besser ausgedrückt: meine letzte fälschliche Identifizierung mit Gedanken. Dann die darauffolgende Übung:
wann wird das Ich hinzugefügt - immer nachdem etwas bereits passiert ist. Das war für mich der entscheidende Punkt, an dem ich klar gesehen habe.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle.
Entscheidung: Entscheidungen werden gefällt - aber es gibt niemanden der sie fällt. Sie werden von alleine gefällt und können wahrgenommen werden. Sie tauchen aus dem Nichts auf. In diesem Sinne gibt es eigentlich auch keine "Entscheidungen" an sich, denn erst der vermeintliche Glaube an die Existenz einer Alternative lässt das Wort "Entscheidung" erst zu...
Absicht: gibt es nicht. Das "Ich" kann keine Absicht haben etwas zu tun, da es nicht existiert. Es können einfach nur Dinge auftauchen, die getan werden, die vom Körper im Zusammenspiel mit dem Verstand durchgeführt werden zum Beispiel, aber das läuft von alleine. Es ist alles nur wahrnehmbar.
Freier Wille: existiert nicht. Wahrnehmung kann nicht kontrollieren, Wahrnehmung kann keinen Willen "haben". Wahrnehmung kann nur wahrnehmen.
Wahl: gibt es nicht. Jede "Entscheidung" ist endgültig und nicht kontrollierbar.
Kontrolle: existiert nicht. Nur der Glaube an Kontrolle kann existieren. Man kann nichts kontrollieren das sich nicht kontrollieren lässt.
Wodurch entstehen sie?
Durch den bloßen Glauben an die Existenz eines kontrollierenden, Entscheidung fällenden "Ich" mit freiem Willen...
Alle oben beschriebenen Sachverhalte entstehen immer von selbst.
Wie funktionieren sie?
Ich würde sagen, dass es wahrnehmbare real passierende Dinge gibt. Diesen Dingen wird dann durch die Gedanken eines der oben beschriebenen Worte angedichtet (z.B.: wird wahrgenommen, dass dieser Organismus, dieser Verstand ein Studium in einer bestimmten Fachrichtung absolviert hat - das ist Realität (auch wenn die Worte an sich wieder nur Beschreibungen sind). Die Gedanken sagen dann: ich habe mich dazu entschieden, es war mein freier Wille oder vielleicht auch nicht mein freier Wille, ich habe die Note meines Abschluss kontrolliert, usw... absoluter Blödsinn.)
Wofür bist Du verantwortlich?
Am Anfang unserer Unterhaltung hat mich diese Frage am meisten verunsichert. Denn ich glaubte, dass ich ohne "Ich", ohne Kontrolle ja gar keine Verantwortung für irgendetwas trage. Und das wäre eine gefährliche Einstellung, denn damit ließe sich jede Handlung legitimieren...
Jetzt sehe ich das ganz anders: die Verantwortung ist sogar noch gewachsen. Nämlich in der Hinsicht, dass ich genau hinsehe, genau hinsehen muss. Dass ich alles wahrnehme, ohne wegzuschauen. Dass ich diese auftauchenden Emotionen betrachte, dass ich die aufkommenden Gedanken betrachte. Aber dass ich immer weiß, dass das alles nicht ich bin - dass es keinen Kontrolleur gibt, keinen Manager.
In gewisser Weise bin ich der Hüter der Wahrheit, der Realität ;)
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Ich bin sehr gespannt auf die weitere Vertiefung dieser Erkenntnis :)
Liebe Grüße,
Clemens