LieberTobias,
hier also der Versuch, die Abschlussfragen zu beantworten.
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Es gibt kein eigenständiges Ich. Es wird als ein Teil des Geistes erfahren, der in bestimmten Situationen einfach erscheint und die Tendenz hat, vorherige Wahrnehmungen oder Gedanken auf eine aus Erinnerungen konstruierte Person zu beziehen. Handlungen geschehen einfach, z.B. werden der linke und der rechte Arm abwechselnd gehoben. Das Ich erscheint dann im Geist und behauptet: "Ich selbst hebe die Arme", "Es sind meine Arme". Bewegen sich die Arme aber schneller, vermindert sich der Eindruck von "Ich mache das". Das Ich erscheint relativ langsam und immer zu spät.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Es geschieht eine Handlung z.B. werden gerade Buchstaben von den Händen getippt. Das Tippen wird wahrgenommen und die meiste Zeit über erscheint gar kein Ich. Auch die Gedanken fließen einfach. Gedanken, die mit guten Gefühlen, also Entspanntheit und Freude einhergehen, werden von den Händen getippt, von unangenehmeren Gefühlen begleitete Gedanken werden verworfen. Plötzlich schaltet sich das Ich ein: "Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, ICH schreibe wichtige Dinge auf, MEINE tollen Erkenntnisse. Wird es den anderen gefallen, was ICH schreibe oder werde ICH mich blamieren?" Mit diesen Ich-Gedanken, die genau wie alle anderen Gedanken aus dem Nichts aufzutauchen scheinen, kommen auch Gefühle auf, die sich um den Gedanken "Ich" ranken. Diese Gefühle haben mit dem stattfindenden Schreibvorgang nicht sehr viel zu tun, sie lenken ihn eher ab, da die Aufmerksamkeit auf die wichtig erscheinenden, weil gefühlsgeladenen Ich-Gedanken umgeleitet wird z.B. "Ich kann nicht gut schreiben, ich bin zu schlecht, ich konnte das noch nie."
Wie die Ich-Illusion genau entsteht ist schwer zu sagen. Es können eben nur die Gedanken und Gefühle beobachtet werden, die mit ihr einhergehen. Es hat viel mit Erinnerung zu tun, also mit Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. z.B. "Ich habe in meiner Abschlussarbeit so viele Rechtschreib- und Ausdrucksfehler gehabt. Ich schäme mich. Ich muss es jetzt besser machen."
Warum das Ich aufkommt, ist nicht ganz klar. Das müsste ich jetzt spekulieren.
3) Wie fühlt es sich an, die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Es ist interessant, die Illusion durchschaut zu haben. Vor dem Dialog wusste ich zwar in der der Theorie, dass das Ich konstruiert ist und hatte auch im Alltag schon manchmal den Eindruck, Entscheidungen nicht selbst getroffen zu haben. Die Fragen regten aber zu noch intensiverer Beobachtung an. Es ist nun klarer, was wirklich mit der Ich-Illusion gemeint ist. Der Alltag hat sich kaum verändert- aber zwischen den vielen anderen Gedanken tauchen jetzt ab und zu Gedanken auf wie: "Das bin ich nicht." "Es ist eben so, ich habe keine Schuld.". Dasselbe auch in Bezug auf andere Menschen. Und diese Gedanke können Gefühle von Liebe und Akzeptanz mitbringen, die andere, gegenteilige Gedanken und Gefühle etwas ausgleichen. Das fühlt sich gut an (Entspannung). Der Same (die neue Art von Gedanken) ist gesät und kann jetzt im Geist aufblühen und sich vermehren.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Einen letzten Schubs sehe ich nicht. Es war mehr ein Prozess. Dieser ganze Dialog war der Schubs.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Entscheidung findet statt, aber nicht Ich treffe sie. Das was (vermeintlich) zu einem guten Gefühl führt, wird gemacht -z.B. beim Einkaufen wird gewählt, was möglichst umfassend die derzeitigen Bedürfnisse z.B. nach Genuss erfüllen soll.
Es gibt Absicht im Sinne von Zielen, die erreicht werden sollen. Aber die Ziele setze nicht ich, sondern Etwas, dass Wohlgefühl anstrebt. Dieses Etwas kann nicht direkt erfahren werden. Das Ziel kann in Form eines Bildes auftauchen z.B. das Bild einer harmonisch beieinandersitzenden Familie. Dieses Bild ist mit angenehmen Gefühlen verknüpft, deshalb werden Handlungen in die Wege geleitet, die zielführend sein sollen.
Kontrolle findet auch auf eine Art statt. Aber das Ich hat keine Kontrolle. Es kommt stets zu spät, um irgendwelche Zügel in die Hand zu nehmen. "Etwas" möchte aber sichern, beibehalten, kontrollieren. Das kann ebenfalls nur indirekt erfahren werden z.B. in Form von Wut und kontrollierenden Handlungen, die aufkommen, z.B. wenn mal etwas anders lief, als vorher gedacht.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Ich möchte mich ganz herzlich bedanken bei Dir, Tobias und allen anderen Guides für Ihren Einsatz in diesem Forum!
Viele Grüße
Fina