Lieber Tobias,
ich danke Dir und den anderen Guides für die Nachfrage. In einem meiner ersten Posts schrieb ich
Es gibt da so eine leise Befürchtung bei mir, dass ich durch allzu geschmeidiges Beantworten der Fragen ein Erkennen vorspiegeln könnte, das es noch gar nicht gibt.
Ich möchte hier nicht durchgewinkt werden. Und bin dankbar für jeden, auch den leisesten Zweifel.
Dass ich manches auch intellektuell beantwortet habe, ist wahr. Und manches klingt vielleicht auch zu elaboriert. Ich habe allerdings, das ist mein Empfinden, nicht "intellektualisiert".
Ich will es Dir und euch nun allerdings auch nicht zu leicht machen und in den restringierten Code verfallen, der für so viele Gespräche unter "spirituell Suchenden" typisch ist.
Hab das oft genug praktiziert, ohne − das weiß ich erst jetzt − eine Ahnung davon gehabt zu haben, worum es geht.
Ich hoffe, dass es mir gelingt, meine eigene, unmittelbare Erfahrung erlebbar zu machen. So weit ich es vermag.
Ich habe, das sei vielleicht noch gesagt, während unseres Dialogs kaum etwas gelesen. Gateless_Gatecrashers und die Quotes im Vorhinein, die Quotes noch einmal "danach".
Auch den (englischen) Text, den ich unter Frage 4 erwähnt habe, habe ich erst "danach" gelesen. Das war zeitlich falsch eingeordnet und ist mir erst später, beim Nachlesen meiner Antwort, aufgefallen. Es war nicht so, dass mir da ein Text den letzten Schubs gegeben hätte.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Schau bitte in dir, was die Ich-Illusion ist. Was ist dein unmittelbares Erleben ? Wie bildet sich die Ich-Illusion in dir ?
Ich habe tatsächlich ein Problem mit der Beantwortung dieser Fragen gehabt. So wie Du sie jetzt formulierst, sind sie für mich leichter zu beantworten.
Die Ich-Illusion ist die fälschliche Annahme, dass es da ein Ich gibt, als eigenständige Entität. Das ist zuerst einmal bloß eine Definition.
Sie entsteht im Alter von etwa zwei, drei Jahren, wenn ein Kind davon überzeugt oder dazu überredet wird, an ein "Ich" zu glauben und sich als von der Welt getrennt wahrzunehmen.
Ich habe daran keine Erinnerung. Es ist keine eigene unmittelbare Erfahrung. Das, was ich hier schreibe, ist "historisch".
Heute morgen, bevor Du mir schriebst, habe ich mit meiner älteren Tochter gesprochen, die mir in den letzten Wochen mehrmals gesagt hatte, dass sie nicht mehr an den Weihnachtsmann glaube.
Ich habe sie gefragt, ob sie tatsächlich an ihn geglaubt habe und was sie bewogen hätte, jetzt nicht mehr an ihn zu glauben. Auf beide Fragen: keine klaren Antworten. Auch wenn das Erkennen des Schwindels noch so frisch ist. :-)
Die Frage, wie die Ich-Illusion funktioniert, will ich einmal beantworten mit dem, was mit mir geschieht, wenn ich mich "in Ich-Gedanken verliere".
Vielleicht ist sie so gemeint.
Wie bildet sich die Ich-Illusion in mir?
Ich spreche mit mir, ich nenne dies einmal "inneren Dialog", auch wenn er monologisch ist, und in jedem zweiten, dritten Satz taucht das Wort "Ich" auf. Damit verbunden ist regelmäßig ein Gefühl, das im Bereich des Bauches, der Brust, des Halses zu spüren ist und das ich mit "mir selbst" identifiziere.
Gefühle in den Beinen zum Beispiel würde ich nicht als "ich selbst" interpretieren, das sind einfach nur Gefühle, dort.
Erinnerungen in Form innerer Bilder tauchen auf, in denen ich zu sehen bin. Da bin also "ich".
Innere Stimmen anderer höre ich kaum. Das ist wohl meistens so, wenn der innere Dialog dominant ist.
Was außen zu sehen, zu hören oder zu fühlen ist, hat mit "mir" und meiner "Ich-Gewissheit" nicht so viel zu tun.
"Ich-Gedanke" (von mir wahrnehmbar ist das wie gesagt eher innerer Dialog als inneres Bild) und Gefühl verbinden sich zu gefühlter Gewissheit, als "Ich" in der Welt existent zu sein.
Wenn diese Gewissheit da ist, gibt es nichts, was gewisser ist, als dass es "mich" gibt.
Und nie gab es da einen Zweifel, dass dies die wirkliche Welt sei.
In dem Moment, wo ich dieses "Sich-in-Ich-Gedanken-verloren-Haben" bemerke (und dieses Bemerken geschieht immer wieder erst seit wenigen Tagen), wird mir klar oder ist mir soeben wieder klar geworden, dass das innerlich gesprochene "Ich" nur ein Gedanke und dass das Gefühl in Bauch, Brust und Hals nur ein Gefühl ist, das wie jedes andere Gefühl kommt und auch wieder geht, ohne dass ich da irgendeine Kontrolle hätte.
Dieses Auftauchen aus einem "Sich-in-Ich-Gedanken-verloren-Haben" ist das, was es nie zuvor gab.
Nie zuvor, das weiß ich jetzt, habe ich den Gedanken "Ich" ernsthaft bezweifelt. Oder dieses Ich als "bloßen" Gedanken erkannt.
... beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Es fällt mir schwer, dieses "Sich-in-Ich-Gedanken-Verlieren" willentlich produzieren, während ich dies hier "jetzt gerade" schreibe. Ich weiß, da ist kein Ich. Oder: Wissen: kein Ich. Lachen und Kopfschütteln und Unwillen, wenn ich versuche, mir da jetzt im Moment etwas anderes einzureden.
Ich arbeite seit etwa zehn Jahren, seit ich die "School for the Work" besucht habe, für mich selbst und mit anderen mit den vier Fragen Byron Katies.
Hunderte und Tausende von Untersuchungen, immer wieder die Frage "Ist das wahr?".
Was ich heute weiß ist, dass ich EINE Frage in dieser ganzen Zeit nie gestellt habe:
Ich. Ist das wahr?
Ich habe damit rumgespielt (klar, natürlich! :-) ... das war das, was ich mit Lippenbekenntnissen meinte), aber ernsthaft, wirklich ernsthaft zu fragen, ob "ich selbst" existiere, das habe ich nicht getan.
Und wenn ich heute schreibe und dies hier auch schon mehrfach geschrieben habe, dass "ich nicht existiere", dann erscheint mir das immer noch "vollkommen durchgeknallt".
Es ist für mich aber auch ohne Zweifel wahr.
Und dass ich solche Sätze sagen und für wahr halten kann, ohne dass gleich "die ganze Welt" verschwindet, weil auch sie sich als Illusion entpuppt hat, ist auch nicht ohne Charme.
Herzlich,
Michael