1. Gibt es ein Ich in irgendeiner Form oder Zustand?
Nein, es gibt kein Ich. Das Ich existiert nur in Gedanken.
2. Erkläre, wie das "ich" funktioniert, und wie es kam, dass du es durchschaut hast.
Es kommt eine Sinneswahrnehmung, z. B. ein Geräusch.
Dann taucht der Gedanke auf: “Ah, Vogelzwitschern.”
Nächster Gedanke: “Ich finde dieses Zwitschern wunderschön.”
Handlung geschieht: Mein Mund wird breiter und lächelt.
…. und so fort.
Alles nur Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken. Keine Person, die wahrnimmt. Einfach nur Gedanken, die den Wahrnehmungen, Gefühlen, Handlungen ein “Ich-Etikett” geben. Obwohl alles einfach nur von selbst passiert.
Was hat dich überzeugt?
Schwierige Frage. Ich habe mir jetzt sehr viel Zeit gelassen und alle alten Dialoge noch einmal gelesen. Ich hatte ja die Unterstützungs-Fülle! Auf Facebook und LU – durch Bernhard, dich und Rahaen :-).
Ich konnte keinen bestimmten Punkt finden, an dem ich es durchschaut habe. Nur eine Reihe von Aha-Erkenntnissen, die ich dann wieder in Frage stellte. Bis zum nächsten Aha-Erlebnis.
Zum Beispiel beim Thema “Wer entscheidet jetzt gerade?”. Ich fand nirgendwo mehr eine Instanz, die Entscheidungen trifft. Besonders krass war es, als ich erkannte, dass ich letztlich NIE wirklich die Kontrolle habe über das, was als nächstes geschieht.
Dass ich NIE vorher 100%-ig weiß, welcher Gedanke kommen wird, welche Handlungen, welche Wahrnehmungen. Wirklich NIE! Das war auf jeden Fall eine sehr phänomenale Erkenntnis. Dass wirklich ALLES einfach von alleine auftaucht und passiert.
Und dass Gedanken wie ICH, MEIN genauso von alleine erscheinen. Ohne dass es jemanden dazu gibt oder bräuchte. Es sickerte als Prozess immer tiefer in mich hinein, bis ich es irgendwann nicht mehr in Frage stellen konnte.
Einen einzige blitzartige tiefe Erkenntnis gab es vor ein paar Wochen. Ich machte mir gerade Sorgen über die mögliche Reaktion einer Person. Plötzlich war da ein ganz tiefes Wissen, dass es niemanden gibt, der sich Sorgen machen müsste. Dass es niemanden gibt, vor dessen Reaktion ich Angst haben müsste. Dass alles unpersönlich ist. Wenn jemand mit mir nicht zufrieden ist – er kann nicht anders und ich kann nicht anders. Es hat nichts mit uns beiden zu tun. Mit wem auch …
Dieses absolute Wissen war noch eine ganze Weile präsent und wurde dann wieder schwächer. Trotzdem blieb das Vertrauen, dass alles genau ist, wie es ist. Dass ich nichts wirklich falsch machen kann.
3. Wie fühlt es sich an, erwacht, d.h. von dieser Vorstellung befreit zu sein?
Sehr erleichternd! Im Augenblick ist viel Gelassenheit da. Keine Angst vor der Zukunft. Es taucht vielleicht ein Angst-Gedanke auf. Und sofort kommt z. B. ein Gedanke, dass niemand eine Wahl hat, etwas anders zu machen, als er es tut. Dass passieren wird, was passiert. Immer eins nach dem anderen.
Das nichts jetzt verändert werden müsste – mal ganz abgesehen davon, dass ich das sowieso nicht könnte.
Außerdem fühle ich eine riesengroße Dankbarkeit - für dich, Bernhard, Rahaen, LU, das Leben, einfach ALLES :-).
4. Wie würdest du das jemandem erklären, der noch nie die Existenz eines eigenständigen "Ichs" bezweifelt hat und nichts von alldem gehört hat?
Ich finde es sehr schwierig, es jemandem zu erklären, der noch nie davon gehört hat. Aber irgendwo muss ja der Anfang sein – und nach und nach sickert es dann vielleicht immer tiefer …
Sehr hilfreich finde ich Übungen, wo jemand nachschaut, wer denn Entscheidungen trifft. Wer zum Beispiel beschließt, welche Gedanken auftauchen sollen und welche wieder verschwinden.
Ob es jemanden gibt, der irgendeine Kontrolle darüber hat, welcher Gedanke als nächstes kommt. Ob man je wissen kann, was als nächstes geschieht. Oder ob einfach alles von selbst auftaucht und der Gedanke dass “ich” das gerade gemacht habe, einfach ein Gedanke ist.
Weiter finde ich die Übungen gut, wo es um die Feststellung geht, ob es eine Trennung gibt zwischen z. B. Klang und der Wahrnehmung von Klang. Ob es jemanden braucht, der wahrnimmt. Oder ob da einfach nur Erleben ist. Fertig.
Als Brücke finde ich auch Metaphern zeitweise ganz hilfreich. Zum Beispiel das Bild von einem Schachcomputer:
Der Mensch als Schachcomputer, der programmiert wurde. Das Programm wurde so programmiert, dass das höchste Ziel ist, den König zu schützen. Dazu wird u. U. auch einmal ein Läufer oder Turm geopfert. Der Computer könnte nun meinen, dass ER entscheidet, was er tut, um den König zu schützen – naja, der Gedanke könnte dem Computer auftauchen, dass ER entscheidet … :-). Aber der Computer hätte niemals eine Wahl, NICHT den König zu schützen.
Aber am allerbesten finde ich die Hinweise auf das direkte Erleben: Wer entscheidet? Wer nimmt wahr? Wer handelt?