Lieber Mauritius,
ich habe gerade Zeit und konnte die Übung direkt machen und anschließend noch ein bisschen nachspüren.
Ist es nicht erstaunlich, mal zu sehen, wie viel Schwere durch das Denken auch daherkommt?
Wie es so vieles anstrengend macht?
Absolut.
Können Gedanken denn die absolute Realität (also das, was direkt erfahren werden kann) verstehen?
Du brauchst dazu am besten ein Stück Obst, z.B. ein Apfel:
Bevor du es dir holst und bevor du es isst, schließe die Augen und beschreibe aus der Erinnerung den Geschmack der
Frucht, ihre Oberflächentextur, Farbe, den Geruch, den Klang der beim Hineinbeißen und beim Essen entsteht.
Schreibe alles auf, was dir dazu einfällt.
Danach iss die Frucht und beobachte währenddessen, was du dabei wahrnimmst.
Nun schaue auf deine geschriebenen Worte und stell dir zusätzlich vor, wie du die aktuelle Erfahrung beschreiben würdest.
Nun frag dich:
Haben die Beschreibungen in irgendeiner Form etwas mit der eigentlichen Erfahrung zu tun?
Kann ein Wort, wie z.B. süß oder saftig, irgendetwas von der eigentlichen Erfahrung wissen?
Weiß Gedanke generell jemals etwas über Erfahrung?
Ich hatte zum Glück noch eine überreife Ananas im Haus und da ich die zur Zeit recht häufig esse, fiel es mir natürlich leicht, mir sie vorzustellen. Wie sie sich anfühlt, harsch, pieksend, abweisend von außen, der Geruch, die Farbe, der Geschmack. Die einzelnen Schritte, an das Fruchtfleisch zu gelangen. Die Erinnerung an die Süße, aber auch an die etwas beißende Säure.
Dann habe ich sie mir geschnappt und zum einen wurde sie dann doch anders geschält als ich zuvor beschrieben hatte. Und zum anderen kamen weitere, zuvor nicht beschriebene Aspekte hinzu.
Soweit so gut.
Dann erst habe ich den weiteren Verlauf der Übung gelesen und die Frage mal wirken lassen:
Nun frag dich:
Haben die Beschreibungen in irgendeiner Form etwas mit der eigentlichen Erfahrung zu tun?
Okay, ganz klare Antwort:
Das zuvor beschriebene weckt eine Vorstellung einer Ananas und vor lauter Gewohnheit des Vorstellens wirkte das alles sehr real und sehr ähnlich der eigentlichen Erfahrung.
Erst etwas später wurde mir klar: Was für ein Käse - die tatsächliche Erfahrung waren die intensiven, real erlebten Wahrnehmungen. Die Beschreibungen sind nur ein trockener, lebloser Abklatsch. Das Gefühl, wie der Saft mir zwischen die Finger lief, sehr intensiv. Klar kann ich das hier beschreiben und wer das liest, kann sich darunter etwas vorstellen, denn wem ist nicht schon einmal etwas Saftiges zwischen die Finger gelaufen. Aber es ist alles nicht die direkte Erfahrung.
Kann ein Wort, wie z.B. süß oder saftig, irgendetwas von der eigentlichen Erfahrung wissen?
Ganz klar, nein. Es ist ja genau wie dieser Prozess hier. Ich habe zig Bücher und Videos über Nonduality gelesen und angeschaut. Habe ich es erfahren? Nein. Können die Worte die Erfahrung ersetzen? Nein.
Ich liebe es zu kochen und neue Sachen auszuprobieren, lese auch gerne Kochbücher, schaue mir die Bilder an. Stelle mir das Kochen dabei vor. Es jedoch direkt zu tun, zu sehen, zu riechen, zu fühlen - großartig. Es ist definitiv nicht dasselbe.
Weiß Gedanke generell jemals etwas über Erfahrung?
Nein, Gedanke ist alles nur Theorie. Vorgestellt, ausgemalt, Fantasie. Beschreibung einer Vergangenheit.
Seit heute beklemmt mich das Gefühl, dass ich glaube, ich bin ein zu harter Brocken, um diese Wand aufzulösen.
Die Vorstellung, Du hast da ein Handbuch für Guides mit 93 Seiten und 27 Übungen, wir arbeiten sie alle durch, sogar noch ein zweites und drittes und viertes Mal und es passiert nichts.
Ich bin vermutlich nicht die erste, die sich mit so einer Geschichte quält.
Schönen Abend, Dir.
Marta