Hallo zurück wieder aus Deutschland. Hat doch etwas länger gedauert, da ich über Hotspot ins Internet musste bei meinen Schwiegereltern (kein WLan) und dann das Datenvolumen recht schnell aufgebraucht war. Aber war gut so, da sich "alles" dann mal so ein bischen sortieren kann. Keine Ahnung, ob der Prozess schon zu Ende ist, da ich dauernd an dem Thema dran bin. " Ich" ruckel mich eigentich ständig noch "zu Recht"...
1) Gibt es irgendwo in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "Mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein, gibt es nicht, gab es nie, wird es nicht geben.
2) Erkläre detailliert, was die Ich-Illusion ist. Wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie du es jetzt gerade erlebst.
ICH ist ein Personalpronomen und ein Gedanke wie alle anderen Gedanken auch. Allerdings scheinen die 3 Buchstaben ab einem bestimment Zeitpunkt ein Eigenleben zu entwickeln, als ob sie aus einem Buch heraussteigen und in die Köpfe und Körper der Menschen schlüpfen und sie fernsteuern. Die Ich Illusion ist der blinde Glaube an ein Subjekt, dem Objekte (die Welt, Menschen, Gedanken, Gefühle etc.) getrennt gegenüber stehen. Die Ich Illusion entsteht, sobald ein Kind anfängt zu interagieren mit seiner Umwelt und den Menschen, d.h. sich im DU spiegelt und gegenüber dem DU (die nächsten Bezugspersonen während der ersten 2-3 Jahre) ein ICH entwickelt. Es entsteht das Gefühl: es gibt die Welt inkl. der anderen Menschen und es gibt MICH, wir sind nicht eins. Ich glaube, dass man auch mit der Namensgebung quasi ein Gefäß anlegt, in das man alle möglichen Urteile über Menschen reinlegt und sie dann vergleicht (Du heisst/bist Maria etc. und bist tüchtig/faul/brav/aufsässig etc.. Die Katja ist ganz anders etc.). V.a. Sprache verstärkt die Illusion des Getrenntseins von Subjekt und Objekt, da grammatikalisch immer ein Subjekt im Satz nötig ist. Durch jahrelange „Übung“ und die gesellschaftlichen und eigenen Urteile („Selbstsicht“) über einen Menschen verfestigt sich die ICH Blase und wird nicht hinterfragt. Die nächsten Bezugspersonen, meist die Eltern- also i.A. ich! - pflanzen dem Kind sozusagen ein Ich ein, mit ständigem Feedback zu allem was es macht inklusive aller möglichen Urteile über das Kind als Person. Es fällt mir leider auf, wie oft wir meinem Sohn sagen: Du BIST so und so anstatt das Verhalten zu benennen. Mif fällt zudem auf, dass das ICH zum „Funktionieren“ v.a. die Illusion der Zeit braucht: es will etwas werden oder irgendwohin und es erinnert sich positiv oder negativ an die Vergangenheit - obwohl es weder Zukunft noch Vergangenheit gibt.
3) Wie fühlt es sich an, die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Bitte berichte aus den letzten Tagen.
Wenn ich mich in Gedanken an Vergangenheit und Zukunft verliere fällt mir das öfter auf als vorher. Inzwischen habe ich ein anderes Grundgefühl: ich habe es mir "im Augenblick" gemütlich gemacht, d.h. ich fühle mich sehr zentriert und zu Hause im jeweiligen gegenwärtigen Moment. „Ich“ habe/hat dem Leben Platz gemacht. Jeder Augenblick/das Leben kümmert sich um sich selbst und damit auch um mich, da ich teil habe/bin am Lebenskreislauf. Ich muss - und kann - tatsächlich nichts tun. Das Leben ist ein Tanz und ich versuche nicht mehr, den Takt anzugeben (was ich ja eh nicht kann, aber allein der Versuch erzeugt dieses chronische ICH Gefühl). Der Schwerpunkt meiner Warhnehmung hat sich in die Bauchgegend verlagert, was eine unglaubliche Erleichertung für mein Hirn ist:-).
4) Was hat den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Die wiederholten Aufforderungen, meine Sinneseindrücke zu untersuchen waren eine grosse Hilfe. Das habe ich dann auch bei einer Situation am See gemacht, als Wind aufkam. Plötzlich fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass Wind nicht existiert. Ich fasse meine Sinneseindrücke (rauschen des Wassers und der Blätter, bewegte Luft auf meine Haut) unter dem Wort „Wind“ zusammen, aber es ist nur ein leeres Wort. In Analogie dazu habe ich mir dann das ICH vorgenommen. Auch die Formulierung unter 5 „Wofür bist Du verantwortlich“ hat mich nochmals stutzen lassen und einen shift bewirkt, siehe nächster Punkt 5.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wofür bist du verantwortlich? Bitte gib auch ein paar Beispiele aus direkter Erfahrung. Hätte je irgendetwas irgendwie anders entschieden worden oder geschehen können?
Keinem der genannten Worte liegt ein ICH zugrunde. Eine Entscheidung/Wahl wird getroffen, aber nicht von einem ICH; vielmehr begünstigen die Umstände/Situationen gewisse Entwicklungen. Es gibt auch keinen freien Willen. Damit habe ich mich die letzten Wochen witzigerweise eh schon beschäftigt. Hirnströme können schon gemessen werden, bevor ein imaginäres ICH für sich einen freien Willen/Entscheidung in Anspruch nimmt. Kontrollieren kann ICH sowieso nichts, das weiss ich spätesten seit ich Kinder bekommen haben:-). Bei der Formulierung „wofür bist Du verantwortlich" bin ich erstmal etwas gestolpert. Mein Bauch mag die Aussage nicht dass ich für nichts verantwortlich bin. Ich habe das für mich aber uminterpretiert und von "verantwortlich sein" zu "antworten" gemacht: wie antworte ich im Leben, wenn es mich nicht gibt. In dem Zusammenhang ist mir ein Satz von Augustinus spontan eingefallen: Liebe und tue was „Du“ willst. Wenn ich mich auf den Augenblick einlasse und mich ihm anvertraue dann wird mein Tun stimmig und dem Augenblick angemessen sein. Das Leben antwortet quasi durch mich/als ich, aber mich als Subjekt gibt es nicht.
Hätte je irgendetwas irgendwie anders entschieden worden oder geschehen können? Nein, alles hat seinen Sinn, der sich immer im jeweiligen Augenblick offenbart.
6) Gibt es noch etwas zu ergänzen?
Ich habe ja nun mal diese mystische Erfahrung gemacht, die nicht über den Verstand sondern viel mehr über den Körper ging. Die ist jetzt ganz gut integrierte in "mein Leben". Diese Erfahrung war es, die mich auf die Suche geschickt hat. Kurze Erklärung:
Ich hab nie danach gesucht, wusste nicht, dass es sowas gibt/hatte noch nie davon gehört und war sehr überrascht, als mir das passiert ist. Ich weiss noch, wie es sich angefühlt hat: Mein Körper war ein einziges Pulsieren und das im gleichen Takt wie das ganze Universum: die Welt hat einen Herzschlag und meiner war völlig synchron, so dass ich Teil hatte an diesem unglaublichen Pulsieren. Ich hatte nie Angst sondern war völlig enthusiastisch, allerdings hat die Erfahrung nur einen Tag und eine Nacht gedauert, so dass sie wieder in den Hintergrund meines Lebens geraten ist. Vergessen habe ich sie nie. Es war mir völlig klar: so ist die Welt WIRKLICH und so wie ich sie wahrnehme - mit allen Unterschieden - ist sie nur eine Illusion. Die Welt war in mir und ich in der Welt. Das Erleben war aber wie gesagt nicht durch den Verstand wahrgenommen, sondern eher wie durch einen weiteren Sinn, den ich bis dahin noch nicht kannte. Tatsächlich ist es mit Worten nicht zu beschreiben.
Aber es gibt einen Vorttrag von Alan Watts in „You´re it! On Hiding, Seeking, and Being Found“, in dem er in ca. 50 Minuten alles sagt, was ich grade versuche zu erklären inklusive der Ich Illusion und dem Wesen von "Gott":
https://www.youtube.com/watch?v=vy6USicfHsY
So, jetzt schnell weg mit dem Roman, bevor gleich das Home Office startet. Ich hoffe, es geht Dir gut und freue mich auf Dein Feedback.