Ich will nochmal kurz zusammen fassen, was ich meine, in Ansätzen realisiert zu haben:
1) mein ICH ist ein Konstrukt, das in der sozialen Interaktion entsteht
Du scheinst dir um der Existenz (oder Nicht-Existenz) des Ich nicht ganz im Klaren zu sein.
Wie kommt das?
If you use your mind to study reality, you won't understand either your mind or reality.
If you study reality without using your mind, you'll understand both.
-Bodhidharma
Zu Deiner Frage:
Ich meine, mir schon im Klaren zu sein, dass es kein ICH gibt. Ich neige jedoch dazu, meine Antworten immer selbstkritisch anzuschauen und mich zu fragen, weiß ich das wirklich oder bilde ich mir da etwas ein? Im Umgang mit anderen Menschen gehe ich ja unbewusst intuitiv erst mal davon aus, dass sie ein ICH haben (auch Du). Es ist also eine besondere Erfahrung, dass ich meine, kein ICH zu haben, denn damit meine ich, dass die anderen Menschen, mit denen ich kommuniziere, auch kein ICH haben.
Was bringt mich dazu, zu meinen, kein ICH zu haben?
Erstmal frage ich mich, was meine ich mit diesem ICH? Ich meine damit, dass es in mir eine Substanz (Geist, Seele oder wie man das auch immer nennen mag) gibt, die grundlegend verschieden ist von meinem Körper mit all seinen Organen, z.B. auch dem Gehirn. In meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mich mit physikochemischen Prozessen in Lebewesen beschäftigt und weiß, wie ungeheuer kompliziert und verwickelt die Vorgänge dort sind, dass man aber niemals etwas gefunden hat, was mit den Naturgesetzen nicht in Einklang zu bringen wäre. Alles spricht dafür, dass es nur e i n e grundlegende Substanz gibt, nicht zwei (Geist und Materie): die Erkenntnis der Nondualität.
Das ist die eine Erfahrung, die mit dem Wissen zusammen hängt, dass die Menschheit insgesamt in Jahrhunderten in mühevoller Kleinarbeit gewonnen hat, die "Perspektive der dritten Person". Wenn man Jahrzehnte täglich damit konfrontiert ist, wird es im Laufe der Zeit zur "eigenen Erfahrung". Dieses Wissen im Einzelnen darzustellen, müsste ich hunderte von Seiten schreiben und dafür gibt es kompetentere Leute.
Meine Erfahrung gründet aber auch in der "Perspektive der ersten Person", also der unvermittelten eigenen Erkenntnis. Da ist z.B. die Beobachtung, meine Gedanken kommen und gehen, wie sie wollen, da ist kein ICH, was das alles steuert. Das Unbewusste in mir produziert laufend Vorstellungen, Gedanken, Bilder usw., nur wenig davon kommt überhaupt ins Bewusstsein. Im Traum kann ich eine "Ahnung" davon bekommen, was da innen in meinem Gehirn "los ist". Ich hatte vor Jahren einen Hörsturz, in dessen Folge ich wochenlang ständig Weihnachtslieder hörte, die so "real" schienen, dass ich meine Frau fragte, wo das Radio steht, das diese Lieder spielt. Es war nicht davon zu unterscheiden!
Wenn ich etwas entscheiden muss, beobachte ich, dass dieser Entscheidungsprozess von vielen äußeren Umständen abhängt, was ich von anderen Menschen gerade gehört habe usw.. Oder es ist reiner Zufall, ob ich nach links oder rechts gehe, es gibt niemand, der entscheidet. Wenn ich mich im Spiegel anschaue, schaue ich oftmals einem Unbekannten ins Gesicht, keine Identifikation. Es gibt eine tiefe Erfahrung, dass die Person, die dort im Spiegel auftaucht, "zerfließt", sich auflöst keine eigenständige "Person" ist. Wenn ich mich in sozialen Situationen erlebe, die mir peinlich oder anderweitig unangenehm sind, frage ich mich, wer ist der, der da redet oder handelt, es ist ein Fremder.
Auch wenn ich meine Vergangenheit anschaue, "wundere" ich mich, wie das alles so gekommen ist. Ich kann nicht erkennen, dass ich der "Handelnde" war. Es ist alles einfach so geschehen. Ich muss natürlich die Verantwortung dafür übernehmen, aber eigentlich habe ich nie etwas "getan". Das Enneagramm hat mir geholfen, meine Fixierungen zu sehen und zu erkennen, dass Fixierungen nichts "persönliches" sind, weder gut noch schlecht.
Das bedeutet nicht, dass ich mich ständig in dieser "dissoziierten" Weise erlebe. Wenn ich mich "wohl" fühle, lebe ich im "Strom des Lebens" auch naiv-unbewusst im ICH und bin ein ganz normaler Mensch, der diese Gedanken lieber für sich behält.
Ich möchte mit einem wunderbaren Satz schließen : " Sommer und Winter wechseln, keinerlei Botschaft".
Lieber Barbarossa (oder wie immer Du auch heißen magst), ich hoffe, meine Antwort ist nicht wieder zu lang geworden und Du kannst erkennen, was mich so umtreibt.
Danke für Deine Begleitung,
Wolfgang