Liebe Prembodha,
alles zusammen! Ich bin auch gerade wieder recht viel unterwegs gewesen und brauche doch immer ein wenig Ruhe für die Übungen und zum Schreiben...
Schreibe 10 Minuten lang, was du gerade erlebst und benutze dabei "ich" und "mein".
Also.. ich gebe jetzt einmal nur einige kurze Auszüge von meinen Aufzeichnungen, da ich auch verschiedene Situationen ausprobiert habe.
Ich sitze am Schreibtisch, ich schlage die Beine übereinander, ich spanne den Unterkiefer an, ich spüre ein Ziehen im Nacken, ich richte den Kopf etwas auf, ich spüre Entspannung. Ich tippe auf dem Laptop, ich höre das Klackern der Tasten, meine Finger fühlen sich kalt an – ich friere etwas, ich höre die Strasse im Hintergrund. Ich denke, dass ich das Fenster schliessen sollte, habe aber keine Lust aufzustehen. Ich schaue aus dem Fenster. Ich sehe eine Bewegung vor dem beleuchteten Fenster meiner Nachbarn gegenüber. Ich sehe, dass es Schneeflocken sind. Ich spüre den Impuls aufzustehen und aus dem Wohnzimmerfenster auf die Flocken zu schauen. Ich gehe zum Fenster (das Wohnzimmer ist kalt; ich müsste die Heizung anmachen) und sehe den Tanz der Flocken im Schein der Strassenlaternen.
Kurz zusammengasst: Ich spüre sehr viel Anspannung -- es ist fast so als ob mich die "ICH"-Gedanken mit starker Spannung fokussieren. Es kostet sehr viel Energie.
Dann schreibe 10 Min. lang, was du gerade lebst ohne "ich" und mein".
Etwas kürzer: Reiben des Gesichts in den Händen. Kälte überträgt sich von den Händen auf das Gesicht. Der Blick geht aus dem Fenster. Bewegung von Schneeflocken vor dem Fenster. Anspannung in der Schulter und Kiefergelenk lösen sich. Leises Rauschen im Zimmer. Blick aus dem Fenster. Ein Nachbar, der mit seiner Freundin kocht.
Es ist eine Weite im Körper – so als ob sich die Schultern öffnen. Weite im Körper; die Anspannungen sind deutlicher – und lösen sich leichter. Es ist mehr Bewegungsraum da.
Oder auch hier:
Fall 1: Ich laufe durch den Schnee. Ich rutsche. Ich muss mich konzentrieren, dass ich auf dem leicht hügeligen Weg nicht hinfalle.
Fall 2: Laufen durch den Schnee. Wenig Halt – aber es gibt einige Stellen, wo besser gelaufen werden kann. Pulvriger Widerstand im Schnee. Geräusch der Bewegung.
Vergleiche jetzt die beiden Möglichkeiten, die Erfahrung zu beschreiben. Ist eine realer/wirklicher als die andere? Wenn ja, welche?
Die zweite Variante ist intensiver, sie ist breiter, sie nimmt mehr auf. In der ersten Situation wird – weil so stark auf das ICH fokussiert wird – ganz viel verdrängt, beiseite geschoben, damit überhaupt der Fokus beim ICH bleiben kann. Die erste Version – obwohl sie ganauso wortreich ist wie die zweite – scheint viel kleiner in der Wahrnehmung zu sein.
Was ist ohne die Benennung vorhanden? Beeinflussen Benennungen die Erfahrung oder beschreiben sie sie einfach?
Alles passiert auch ohne die Benennung. Die Bennungen beschreibe nicht nur, sie legen auch fest. "Ich sehe Schneeflocken". Bei der ersten Beschreibung gab es ein klares Bild vor Augen: Dichte Flocken, sehr sichtbar. Zum Zeitpunkt der zweiten Beschreibung sind sie schon längst zum Schneegrieseln geworden (das Flockenbild dominiert aber immer noch). Genauso "Stille": Es ist nicht absolute Abwesenheit von Klang oder Lärm -- sondern es gibt ganz viele andere feine Geräusche.
Herzliche Grüsse
Britta