Fliessende Übergänge

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flowings
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Fri Oct 14, 2016 6:39 pm

Auf geht's!
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Ghata
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Fri Oct 14, 2016 8:37 pm

Hier sind die Abschlussfragen. Bitte beantworte sie ebenfalls aus der aktuellen Erfahrung. Du brauchst sie nicht alle auf einmal zu beantworten, Teile es dir nach Belieben ein.

1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?

2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.

3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.

4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?

5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Wofür bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.

6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
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flowings
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Sat Oct 15, 2016 10:55 am

Okay, ich werde versuchen die Fragen ausschliesslich aus der aktuellen Erfahrung zu beantworten, ohne meine vorherigen Erfahrungen zu berücksichtigen.
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein. Es gibt kein eigenständiges Ich, mich, Selbst. Es gab auch niemals eines.
Was es gab, war der Glaube daran.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die Ich-Illusion ist der Glaube – das andauernde zwanghafte Denken – dass es ein beständiges Ich-Wesen gäbe, welches eigenständig und selbstbestimmt denkt, fühlt, entscheidet und handelt.
Die Ich-Illusion erfährt sich als getrennt existierend von Objekten / Phänomenen, die durch Sinneswahrnehmungen der „Aussenwelt“ zugeschrieben werden. (z.B. „Den Baum sehen“, „Den Vogel hören“)
Sinneswahrnehmungen, die die Ich-Illusion „sich selbst“ zuschreibt, also der „Innenwelt“, werden benutzt, um den Glauben ans Ich zu untermauern, zu festigen. (z.B. „Ich denke“, „Ich fühle“)
In jedem Moment, wenn eine Identifikation und damit Anhaftung an Irgendetwas geschieht, erschafft sich die Ich-Illusion aufs Neue. Jede Wahrnehmung kann zum „Ichen“ benutzt werden:
ICH sehe MEIN Spiegelbild, ICH spüre MEINEN Körper.
ICH höre MEINEN Namen; ICH denke an MEINE Sorgen.
ICH schwelge in MEINEN Erinnerungen und so weiter.
Tatsächlich sind da überall lediglich Verben: Sehen, Spüren, Hören, Denken usw. Und selbst der Glaube an ein festes Ich ist lediglich ein fortwährender, immer wieder aufflackernder Denkprozess.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Das fühlt sich unspektakulär an. Irgendwie ist nichts anders – es war schon immer so, nur habe ich es vorher nicht gesehen.
Ohne die Illusion empfinde ich keine „Knoten“ mehr in mir – keine Widerstände gegen das, was ist, gegen das was passiert. Das Leben entfaltet sich einfach, ohne das ein „Ich“ etwas dagegen haben könnte, weil da kein Unterschied ist zwischen Ich und Leben. Besser gesagt:
Weil da nur Leben ist.
Ich bin gelassener, geduldiger, ärgere mich weniger über Andere und verspüre weniger Impuls, mich ihnen gegenüber aufzuwerten oder sie abzuwerten. Ich kann andere Ansichten leichter einfach mal unkommentiert lassen und muss nicht unbedingt Recht haben.
Das alles darf aber auch mal anders sein; dann ist da einfach das Beobachten von Ego-Strukturen, die hochblubbern - ohne Identifikation damit und dadurch mit weniger Drama.
Und „es“ regt sich dann wesentlich schneller wieder ab als früher.
Unangenehme Emotionen dürfen passieren, weil hier Niemand ist, der verletzt werden kann! Da ist nur das Wahrnehmen von Emotionen, kein „Opfer“.
Ich hatte in den letzten Tagen Zahnschmerzen und habe festgestellt, dass das Leiden, in das man sich so wunderbar reinsteigern kann, verschwunden ist. Genau hinschauen hilft da: Bin ich nicht aufmerksam und wach, könnte in mir wieder ein „Leidendes Opfer“ entstehen. Schmerz kann ein sehr potenter „Ego-Booster“ sein!
Im Vergleich zu vor dem Dialog ist vor Allem anders, dass ich mich von der Vorstellung befreit habe, das „Eine Allumfassende Bewusstsein“ sei von Wichtigkeit – siehe nächster Punkt.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Es hatte ja schon vor diesem Dialog geschubst; den letzten Schubs bekam ich aber während des Dialogs bei der Realisierung, dass das Festhalten an Begriffen wie „Das Eine“ die Gefahr in sich birgt, dass sich dort wieder ein neues Konzept etablieren kann und sich sozusagen durch die Hintertür ein neues (spirituelles) Ego aufbauen kann, dass sich mit „Dem Einen“ identifiziert. („Höheres Selbst“)
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Wofür bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle sind im Grunde genommen Synonyme für den Glauben ans Ich, denn für all diese Vorstellungen wäre ja eine Person notwendig. Die Vorstellung, es gäbe so etwas wie freien Willen etc. entsteht also innerhalb der Ich-Illusion, sie ist sozusagen ein Symptom der „Ich-Krankheit“.
Das Leben geschieht, Entscheidungen passieren – da ist kein Denker, kein Entscheider.
Ergo ist auch Verantwortung Schall und Rauch: Da ist Niemand, der Verantwortlich ist. Da ist nur die Erfahrung von Verantwortung als Folge von gedanklichen/emotionalen Prozessen. Verantwortung ist einfach nur eine Etikettierung.
Das heisst jedoch nicht, dass flowings ab sofort alles anders machen wird und zum Beispiel moralisches Verhalten passé ist. Hier ist immer noch der gleiche Verhaltenskodex aktiv – was fehlt, ist die Annahme, dass hier ein „Entscheider“ irgendeinen Einfluss darauf hätte.
Ein Beispiel meiner direkten Erfahrung: Ich habe heute noch etwas Anderes zu erledigen: Drei Zimmer wollen gestrichen werden. Langsam sollte ich mal loslegen. Der Impuls, den Laptop zuzuklappen und die Arbeit zu beginnen wird stärker; Gedanken wie „Es wird immer später, leg mal los“ tauchen auf. Irgendwann gleich werde „ich“ beobachten, wie Entscheiden, Rechner runterfahren, Aufstehen usw. passiert. Das „Ich“ hier aus freiem Willen handeln wird, ist Illusion. „Ich“ kann gar nicht anders.
Ein anderes Beispiel: Wenn ich einkaufe und ein bestimmtes Produkt „auswähle“ sind da in Wirklichkeit Präferenzen und Denkprozesse, die „die Wahl treffen“. Denken/Fühlen passiert: „Oh, schau mal. Lecker! ...“ (Wahrnehmung: Wasser läuft im Munde zusammen) „... Ich brauche es aber eigentlich garnicht...“ Abwägen passiert. Plötzlich liegt die Schokolade im Einkaufswagen. :)
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Nein.
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Sat Oct 15, 2016 11:22 am

Lieber flowings,

danke dir für deine wundervollen Antworten. :)

Die anderen Begleiter werden sich unseren Dialog anschauen, um sicher zu sein, dass wir auch alles abgedeckt haben. Das kann einige Tage dauern.

Ich schicke dir auch noch eine pm hier im Forum, du wirst eine Email bekommen, wenn sie eingegangen ist.

Liebe Grüße,
Ghata
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Re: Fliessende Übergänge

Postby flowings » Sat Oct 15, 2016 3:18 pm

Liebe Ghata!
Vielen lieben Dank schon mal für deine Begleitung und fürs genaue Hinschauen!
Das war großartig!

Alles Liebe!
Daniel
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Re: Fliessende Übergänge

Postby Ghata » Sat Oct 15, 2016 3:24 pm

Es war mir ein Vergnügen, flowings. :-)
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