Liebe Ingen
Bin zurück und zumindest bis Dienstag Abend wieder täglich computernah...
Wie kann sie dann etwas wollen und etwas übersehen? Wie funktioniert der Mechanismus?
Tja, wie kann sie das? "Sie" existiert ja eigentlich nur in Erinnerungen und Zukunftsvorstellungen. D.h. wohl, sie übersieht nichts, sondern es kommen einfach immer wieder diese Gedanken, die davon sprechen, dass "sie" z.B. aufwachen möchte, Vorstellungen davon schwadronieren vorbei, wie das sein sollte, könnte, müsste etc. Lauter Gedankenwolken, die wiederum allerlei Gefühle mit sich bringen, die wiederum von Gedanken kommentiert werden etc. etc. Ein Teufelskreis. Und total unberechenbar. Was mir einfach nicht klar wird ist, wieso immer wieder dies so auftaucht, so real erscheint, "ich" (oder wer denn?) sich daran klammert. Es ist zum Verrücktwerden! Kann es sein, dass dies schlimmer wird, je mehr ich mich immer wieder hinterfrage, was das Ich denn eigentlich sei, oder fällt es einfach mehr auf, weil ich überhaupt hinterfrage, was vorher ja einfach normal war?!
Gibt es einen Verurteiler oder nur verurteilende Gedanken?
Nur die Gedanken (Bei genauerem Hinsehen: Welch ein Schock und welche Erleichterung: NUR DIE GEDANKEN! Noch bleibt etwas Skepsis... Auch das wieder ein Gedanke.)
Wenn der verurteilende Gedanke auftaucht: Gibt es dann noch eine zusätzliche "Instanz" die diesen Gedanken liest und verkündet?
Es gibt Gedanken, die verurteilen, solche die rechthaben, solche die ängstliche Besorgnis ausdrücken etc. Und die "reagieren" aufeinander, d.h. ein Gedanke folgt dem anderen, es ist wohl kein aktives Reagieren, es scheint nur so. Das lässt sie wie Teile eines "ichs" erscheinen mit Instanzen und so.
Oder ist ein Gedanke schon bewußt, wenn er auftaucht?
Das geht so schnell, dass ich das fast nicht beantworten kann. Er ist einfach da, der Gedanke. Der folgende Gedanke bezieht sich dann vielleicht auf den vorhergehenden, vielleicht auch nicht mehr. Im Zug habe ich eine Stunde lang einfach meine Gedanken und anderen Wahrnehmungen verfolgt. Das war ein wüstes und belustigendes Springen von hier nach dort und im Kreis, keine Ahnung, woher das teilweise kam. Anscheinend versucht etwas (wer?) ständig, diesem Schauspiel eine Logik und eine klare Abfolge abzugewinnen. Genau betrachtet ist dies völlig absurd. Was ist schon konstant? Ich schliesse die Augen: Dunkelheit mit Lichtreflexen, Geräusche, Körperempfindungen etc. Ich öffne die Augen: Computer, Chaos auf dem Schreibtisch, andere Geräusche. Ich drehe den Kopf: Schneegestöberblick aus dem Fenster... Eigentlich gibt es gar kein Kontinuum bei allem, was ich wahrnehmen kann, es verändert sich ständig alles. Und irgendwas tut so, als gebe es da eine lineare Abfolge und etwas, das sich logisch fortsetzt. Die Vorstellung, dass dies nur Lug und Trug ist, ist ungewohnt und auch etwas beängstigend: Kann man leben ohne diese Illusion? Fällt nicht alles auseinander? Ein Geistesblitz: Es kann ja nur die Illusion auseinanderfallen, das "Leben" selber nicht! Bin grad etwas verwirrt, irgendwie verstehe ich das, weiss, dass das so ist - und irgendwie entzieht es sich auch meinem Verständnis, meinem Verstand.
Bin ich jetzt abgeschweift?
Wir hatten es glaub' ich schon mal weiter oben, wie ein Gedanke "Ich tue, ich will, ich muss.. " auftaucht - so ziemlich unabhängig von dem, was tatsächlich passiert, oder als nachträglicher Kommentar.
Ja, das war mir (damals) sehr klar, das habe ich so empfunden und kann es auch jetzt wieder so erleben, wenn ich mich darauf konzentriere. Es ist einfach so, dass mir dies im Getümmel der Emotionen und der Erfahrungen manchmal schlicht nicht gelingt, dann verhänge ich mich völlig in all diese Gedanken. Aber sag: WER verhängt sich denn? Da kommt nur noch ein Fragezeichen, wie das funktioniert. Kann ich überhaupt entscheiden, mich nicht zu verhängen, genauer hinzuschauen oder wie funktionert das? Irgendwoher muss ja der Impuls kommen, hinzuschauen oder eben nicht. ((Du siehst, ich kann das Verstehen-Wollen einfach nicht sein lassen! Ständig kommen die Impulse, wissen zu wollen, wie das funktioniert. Wenn ich einfach bin und schaue, dann ist egal, wie das funktionert. Aber irgendwas will ständig wissen und einordnen.))
"Mehr Ich" ist da nicht. Kann dieser Ich-Gedanke denken?
Ein denkender Ich-Gedanke? Eine lustige und auch beängstigende Vorstellung! Nein, ein Gedanke ist einfach da, dann wieder weg.
Ab und zu passiert es, dass da angstvolle Gedanken auftauchen, weil ich nicht weiss, was als nächstes gedacht wird. Manchmal höre ich mir selber beim Reden zu und staune, was da geschwatzt wird. "Ich" habe das nicht so zurechtgelegt, das kommt einfach so und spricht. Genau gleich ist das mit anderen Impulsen: Da ist ein ständiges "Aufpoppen" von Gedanken, Gefühlen, Handlungen etc. Da ist kein Ich, das dies macht. Nur irgendwas, das versucht, dem allem eine Logik zu geben oder ein "Ich" zuzuordnen. Ich stell mir schon vor, dass du jetzt nachhaken wirst: Was denn das irgendwas sei, das da eine Logik versucht. Sind auch das nur Gedanken? Aber wie schaffen die das, diese Logik ins Spiel zu bringen? Da sind wir wieder beim Verstehen-Wollen. Vielleicht glaub ich halt doch noch an irgendeine "Ich"-Instanz und den Sankt Nikolaus...