sorry für die Verspätung. Offenbar schien mir in den letzten Tagen alles mögliche Andere wichtiger zu sein als jetzt dran zu bleiben. Ich war/bin oft sehr traurig (eine irgendwie "alte Trauer" die mit dem beschriebenen Stehen an der Kante zu tun hat), war von der dritten Impfung zwei Tage müde, durch zusätzliche Wiederaufnahme des online Unterrichts meiner Schüler gab es mehr Termine. Hab mich über mich geärgert, weil es dennoch möglich gewesen wäre früher zu antworten.
Also:
Schälen und Essen einer Orange
Ich stelle mir ihre Größe vor (eine Hand voll, ohne dass die Finger drum rum fassen können), das leicht speckig-wächserne ihrer Oberfläche bei der Berührung mit der Haut, die hellorange Farbe, die unebene Oberflächenstruktur mit den vielen kleinen Poren (seh- und tastbar), ihr Gewicht, ihr Duft wenn ich mit dem Fingernagel die Haut ankratze (das "orangige", süß-herbe, ätherische), mein angenehmes Lustgefühl dabei. Die leisen Zieh- und Rupfgeräusche beim Einschneiden der Haut/Schale und beim Abziehen vom Inneren. Vielleicht wird es aus der O. spritzen wenn ich mit den Daumen an der Spitze der Fruchtschnitze reinfahre und sie auseinanderziehe. Weitere Geräusche beim Abtrennen einzelner Schnitze. Nicht nur die O., auch meine Hände werden jetzt ihr Aroma angenommen haben, zu riechen sein. Ich habe eine Vorstellung, wie der erste Biss in einen Schnitz schmecken wird: saftig, sauer, süß, lecker, vielleicht fade, strohig, enttäuschend. Oder ein Gemisch davon. Das Beißen in den Schnitz wird leise zu hören sein, ein bisschen matschig.
So - das schreibe ich bevor ich in die Küche gehe zum Schälen und Essen einer Orange.
Die Worte der Beschreibungen haben nichts mit der Erfahrung zu tun, schon aber die im Voraus vorgestellte, fantasierte "Erfahrung". Die ist in Teilen sogar erstaunlich nah dran. Aber die eigentliche Erfahrung ist doch ganz anders, viel reicher, differenzierter, überraschender. Sie braucht keine Worte, ja wird von deren beschreibendem Gebrauch (Denken) verengt, reduziert.Haben die Beschreibungen in irgendeiner Form etwas mit der eigentlichen Erfahrung zu tun?
Ein Wort an sich kann überhaupt nichts wissen. Das Denken, Hören, Schreiben, Lesen beispielsweise des Wortes "süß" kann und soll aber die reelle Erfahrung beschreiben und kommunizierbar machen, bzw. die Vorstellung/Fantasie davon erzeugen. Das ist nie das Eigentliche, aber unabdingbar für unser persönliches und soziales Leben, ein Teil unseres speziell menschlichen Bewusstseins und seiner Prozesse.Kann ein Wort, wie z.B. süß oder saftig, irgendetwas von der eigentlichen Erfahrung wissen?
Nein, eigentlich und im direkten Sinne wohl nicht. Es gibt Gedanken zu und über Erfahrungen und durch sie provoziert. Diese Gedanken können klar, realitäts- d.h. erfahrungsbezogen, nützlich und "schön" sein aber auch wirr, irrtümlich, unreal (unbezogen), scheußlich und qualvoll.Weiß Gedanke generell jemals etwas über Erfahrung?
Lässt mich das jetzt "von der Kante springen"?
Weiß nicht, eher wird mir glaub ich klar, dass da gar keine Kante ist. Schade, die Vorstellung den Sprung zu wagen hatte so was final Erfolreiches und Heroisches. ;-)
Ist das "das torlose Tor"? Ist es wirklich vergeblich, da durchzugehen wo es doch gar nicht existiert?
Ok, das sind nutzlose GEDANKEN, aber lustig. Vielleicht sogar sinnvoll.
Schöne Grüße
Bruno

