Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

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BrunoAbano
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby BrunoAbano » Thu Dec 02, 2021 9:44 am

Hallo Mina,
sorry für die Verspätung. Offenbar schien mir in den letzten Tagen alles mögliche Andere wichtiger zu sein als jetzt dran zu bleiben. Ich war/bin oft sehr traurig (eine irgendwie "alte Trauer" die mit dem beschriebenen Stehen an der Kante zu tun hat), war von der dritten Impfung zwei Tage müde, durch zusätzliche Wiederaufnahme des online Unterrichts meiner Schüler gab es mehr Termine. Hab mich über mich geärgert, weil es dennoch möglich gewesen wäre früher zu antworten.

Also:
Schälen und Essen einer Orange
Ich stelle mir ihre Größe vor (eine Hand voll, ohne dass die Finger drum rum fassen können), das leicht speckig-wächserne ihrer Oberfläche bei der Berührung mit der Haut, die hellorange Farbe, die unebene Oberflächenstruktur mit den vielen kleinen Poren (seh- und tastbar), ihr Gewicht, ihr Duft wenn ich mit dem Fingernagel die Haut ankratze (das "orangige", süß-herbe, ätherische), mein angenehmes Lustgefühl dabei. Die leisen Zieh- und Rupfgeräusche beim Einschneiden der Haut/Schale und beim Abziehen vom Inneren. Vielleicht wird es aus der O. spritzen wenn ich mit den Daumen an der Spitze der Fruchtschnitze reinfahre und sie auseinanderziehe. Weitere Geräusche beim Abtrennen einzelner Schnitze. Nicht nur die O., auch meine Hände werden jetzt ihr Aroma angenommen haben, zu riechen sein. Ich habe eine Vorstellung, wie der erste Biss in einen Schnitz schmecken wird: saftig, sauer, süß, lecker, vielleicht fade, strohig, enttäuschend. Oder ein Gemisch davon. Das Beißen in den Schnitz wird leise zu hören sein, ein bisschen matschig.
So - das schreibe ich bevor ich in die Küche gehe zum Schälen und Essen einer Orange.
Haben die Beschreibungen in irgendeiner Form etwas mit der eigentlichen Erfahrung zu tun?


Die Worte der Beschreibungen haben nichts mit der Erfahrung zu tun, schon aber die im Voraus vorgestellte, fantasierte "Erfahrung". Die ist in Teilen sogar erstaunlich nah dran. Aber die eigentliche Erfahrung ist doch ganz anders, viel reicher, differenzierter, überraschender. Sie braucht keine Worte, ja wird von deren beschreibendem Gebrauch (Denken) verengt, reduziert.
Kann ein Wort, wie z.B. süß oder saftig, irgendetwas von der eigentlichen Erfahrung wissen?


Ein Wort an sich kann überhaupt nichts wissen. Das Denken, Hören, Schreiben, Lesen beispielsweise des Wortes "süß" kann und soll aber die reelle Erfahrung beschreiben und kommunizierbar machen, bzw. die Vorstellung/Fantasie davon erzeugen. Das ist nie das Eigentliche, aber unabdingbar für unser persönliches und soziales Leben, ein Teil unseres speziell menschlichen Bewusstseins und seiner Prozesse.
Weiß Gedanke generell jemals etwas über Erfahrung?


Nein, eigentlich und im direkten Sinne wohl nicht. Es gibt Gedanken zu und über Erfahrungen und durch sie provoziert. Diese Gedanken können klar, realitäts- d.h. erfahrungsbezogen, nützlich und "schön" sein aber auch wirr, irrtümlich, unreal (unbezogen), scheußlich und qualvoll.

Lässt mich das jetzt "von der Kante springen"?
Weiß nicht, eher wird mir glaub ich klar, dass da gar keine Kante ist. Schade, die Vorstellung den Sprung zu wagen hatte so was final Erfolreiches und Heroisches. ;-)
Ist das "das torlose Tor"? Ist es wirklich vergeblich, da durchzugehen wo es doch gar nicht existiert?
Ok, das sind nutzlose GEDANKEN, aber lustig. Vielleicht sogar sinnvoll.

Schöne Grüße
Bruno

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Mina7777
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby Mina7777 » Thu Dec 02, 2021 11:44 am

Hallo Bruno!
Lässt mich das jetzt "von der Kante springen"?
Weiß nicht, eher wird mir glaub ich klar, dass da gar keine Kante ist. Schade, die Vorstellung den Sprung zu wagen hatte so was final Erfolreiches und Heroisches. ;-)
vielleicht der sprunglose Sprung :)

Achte bitte auf alle Reaktionen, Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken, wenn du folgende Sätze liest:
Es gibt kein getrenntes Ich, nirgends, niemals und hat es nie gegeben.
Es gibt niemanden, der einen Schleier durchdringen könnte, niemanden, der das Auflösen der Ich-Illusion wahrnehmen oder die letzte Mauer durchschlagen kann.
Es gibt kein Ich, das irgendetwas tun oder kontrollieren könnte.

Schreib mal was da alles so hochkommt bei dir!



Ist das "das torlose Tor"? Ist es wirklich vergeblich, da durchzugehen wo es doch gar nicht existiert?
Tja, ist es das?? Sag du es mir! :)


Magst du mir noch schreiben, wie es dir geht nach diesen paar Tagen Dialog?
Hat sich etwas verändert im Vergleich zur Zeit davor? Wenn ja, was hat sich verändert?
Möchtest du noch etwas Bestimmtes anschauen?

Liebe Grüße

Mina

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BrunoAbano
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby BrunoAbano » Sun Dec 05, 2021 1:14 pm

Hallo Mina,
Achte bitte auf alle Reaktionen, Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken, wenn du folgende Sätze liest:
Es gibt kein getrenntes Ich, nirgends, niemals und hat es nie gegeben.
Ich kann den Satz glauben, sehe es auch. "Oh Mann, was hab ich mich mit dem Ich ein Leben lang umsonst rumgequält!"
Etwas in mir reagiert auf diesen Satz vedutzt, im Körper spüre ich einen Spannungsabfall der eher angenehm, erleichternd ist. Ein Gefühl von alleine sein und vermisster Nähe, Sehnsucht breitet sich aus. Etwas verloren aber präsent. Der Gedanke, dass mir die Ich-Vorstellung seit Kinderzeiten dazu dient, schmerzliche Nähedefizite nicht zu fühlen. Gleichzeitig erzeugt und erzeugte die Ich-Vorstellung aber immer das Gefühl von Getrennt sein und Verengung. Ernüchterung.
Es gibt niemanden, der einen Schleier durchdringen könnte, niemanden, der das Auflösen der Ich-Illusion wahrnehmen oder die letzte Mauer durchschlagen kann.
Auch dieser Satz verursacht ein Gefühl und Sehen der Vergeblichkeit allen Bemühens um "Erwachen", "Erleuchtung", "Selbstverwirklichung" usw.. Gleichzeitig fühle ich Erleichterung. Es ist wie wenn eine große, oft versteckte aber mein ganzes Erwachsenenleben lang irgendwie immer wirksame Anspannung in sich zusammenfällt. "Ja und jetzt?" Körperlich bin ich müde, will es erst mal ruhig und einfach haben. Nur hier sitzen, nicht denken, nix wollen. Niemand da, kein Schleier, keine Ich-Illusion, keine letzte Mauer. Das Kartenhaus fällt in sich zusammen, Reinfallen in Nichts. Und es ist einfach das was ist.
Vergiss es, nichts Besonderes...
Es gibt kein Ich, das irgendetwas tun oder kontrollieren könnte.
Ja, das irritiert mich in letzter Zeit immer wieder: Wenn "ich" z.B. daran denke, mir eine weitere Tasse Tee zu machen - wer denkt das? woher kommt dieser Gedanke? Wer steuert und kontrolliert die feinen, koordierierten Bewegungen beim Eingießen des Tees oder wer verschüttet was? Es ist tatsächlich niemand und nichts zu finden, außer einem oder vielen Gedanken über "Ich". Aber alles, auch das Denken geschieht einfach.
Ist das "das torlose Tor"? Ist es wirklich vergeblich, da durchzugehen wo es doch gar nicht existiert?

Tja, ist es das?? Sag du es mir! :)
Nein, das ist überhaupt nicht vergeblich. Beim Durchgehen verliert nicht das Tor seine Bedeutung sondern der ausgedachte Hindurchgeher. Für ihn ist es ziemlich kompliziert, aus seiner Sicht macht die Annahme eines Tores schwer wiegenden Sinn.
So kann er gar nicht erleben und wahrnehmen, dass die gewönliche Lebenserfahrung sich andauernd vor, durch und hinter dieses Tor bewegt. Wie gut, dass dies einfach erkannt werden kann!
Magst du mir noch schreiben, wie es dir geht nach diesen paar Tagen Dialog?
Hat sich etwas verändert im Vergleich zur Zeit davor? Wenn ja, was hat sich verändert?
Während dieser knapp drei Wochen Dialog habe ich zunehmend gemerkt, dass ich immer weniger Nachdenken über irgendwas mag, es auch immer weniger wird. Vieles, immer mehr von meinem Bild von mir, von meiner Geschichte wird als "einfach nur Gedanken und Geschichten" erkannt, verliert nach und nach jeglichen Realitätsgehalt. Plopp, blabb, so nebenbei... Es tut gut, ich bin gelassener, schlafe besser, lasse die Dinge auf mich zukommen. Davor hatte ich auch schon gute und weniger gute Zeiten. So oder so war ich aber immer viel mehr im Kopf unterwegs - das verliert sich nun fortlaufend, es macht einfach keinen Sinn mehr, ist total unnötig und viel zu anstrengend.
Ich habe momentan keine Lust mehr, zu meditieren. Es gibt dabei nichts zu verbessern, zu finden oder zu entwickeln, das vorher schlechter, versteckt oder noch versäumt gewesen wäre. Mal schauen ob wieder ein wirkliches Bedürfnis danach entsteht, dem Nachzugehen auch ein echter Gewinn ist.
Möchtest du noch etwas Bestimmtes anschauen?
Wer oder was lebt uns? Keine Ahnung, jedenfalls ist es/sie/er seiner/ihrerseits Teil des Lebens. Auch da, keine Trennung. Ein unaufhörliches Wunder... in jedem Moment könnte man glücklich darüber den Verstand verlieren und sich totfreuen.

Hab meinen allerherzlichsten Dank, Mina!
Was ist das nur für eine großartige Idee - Liberation unleashed! Die Methode ist so klar, einfach und direkt ins Wesentliche treffend. Eure Arbeit ist so ungeheuer hilfreich.
Wie bist Du dazu gekommen, als Guide bei LU tätig zu sein?

Liebe Grüße
Bruno

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Mina7777
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby Mina7777 » Sun Dec 05, 2021 7:38 pm

Hallo Bruno!

Es klingt sehr schön was du schreibst!
Achte bitte auf alle Reaktionen, Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken, wenn du folgende Sätze liest:
Es gibt kein getrenntes Ich, nirgends, niemals und hat es nie gegeben.
Ich kann den Satz glauben, sehe es auch. "Oh Mann, was hab ich mich mit dem Ich ein Leben lang umsonst rumgequält!"
Hat sich da wirklich jemals jemand mit seinem Ich rumgequält? :)
Möchtest du noch etwas Bestimmtes anschauen?
Wer oder was lebt uns? Keine Ahnung, jedenfalls ist es/sie/er seiner/ihrerseits Teil des Lebens. Auch da, keine Trennung. Ein unaufhörliches Wunder... in jedem Moment könnte man glücklich darüber den Verstand verlieren und sich totfreuen.
Tja, diese Frage kann ich dir auch nicht beantworten. "Keine Ahnung" kommt wohl am nächsten hin :)


Hab meinen allerherzlichsten Dank, Mina!
Was ist das nur für eine großartige Idee - Liberation unleashed! Die Methode ist so klar, einfach und direkt ins Wesentliche treffend. Eure Arbeit ist so ungeheuer hilfreich.
Wie bist Du dazu gekommen, als Guide bei LU tätig zu sein?

Sehr sehr gerne :)
Wie du, habe auch ich mich hier angemeldet und mich nach dem Tor irgendwann dazu entschieden, zu guiden.
Schlussendlich habe ich aber auch keine Ahnung wie das alles passiert ist :)


Versuch alles mal ein bisschen sacken zu lassen, am besten bei einem:

Spaziergang
Mach demnächst mal einen Spaziergang in der Natur. Beobachte dabei alles was dir so begegnet. Menschen, Tiere, Bäume, Gräser, usw. Schau dich um und benutze dabei deine Sinne und lasse die Gedanken über das Geschehen ruhig ruhen.
Beobachte und staune!
Dann frage dich: Woher kommt all das Steuern in der Natur?
Woher weiß der Vogel, dass er jetzt wegfliegen muss?
Woher weiß der Baum, dass die Blätter fallen müssen, dass er jetzt ruhen muss? Wer bewegt das Gras?
Schau dir das alles mit den Augen eines Kindes an!
Du kannst dich auch in ein Café setzen und dort das Treiben beobachten, oder du schaust einfach aus dem Fenster, auf den Verkehr oder so... Was auch immer für dich möglich ist..
Sei ganz im Moment, wenn du bemerkst, dass du in Gedanken bist, dann freue dich, dass du es gemerkt hast und komme wieder zum Beobachten zurück.

Dann schau:
Ist da ein Beobachter? Oder ist da einfach “beobachten”?
Fehlt hier irgendetwas?
Ist hier irgendetwas unvollständig? Könnte jemals etwas unvollständig sein?
Könnte irgendein Moment jemals anders sein als er gerade ist?
Sollte irgendetwas geschehen, damit dieser Moment "vollständiger" wäre?
Gibt es irgendetwas anderes als Wahrnehmung/Erfahrung?
Gibt es “unvollständige, halbe oder geviertelte” Erfahrung?


Viel Freude beim Spazieren!

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BrunoAbano
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby BrunoAbano » Thu Dec 09, 2021 11:28 am

Hallo Mina,
leider habe ich gar keine Zeit, um in Ruhe zu antworten. tut mir leid.
Und heute Morgen hat auch noch das Speichern einer halbfertigen Antwort nicht funktioniert.... Mist

Aber ich bin dran am Thema und irgendwie ständig im Prozess, am Beobachten usw., ...
Melde mich sobald ich kann ab morgen.

Liebe Grüße
Bruno

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Mina7777
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby Mina7777 » Thu Dec 09, 2021 4:32 pm

Danke fürs Bescheid geben.
Bin schon gespannt auf deine nächsten Zeilen!
Liebe Grüße

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BrunoAbano
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby BrunoAbano » Sun Dec 12, 2021 8:04 pm

Hallo Mina,
nach ein paar Tagen voller Termine und Lauferei, die aber auch etwas Abstand und "Sacken Lassen" gebracht haben gibt's heute wieder Muße zu antworten.
Achte bitte auf alle Reaktionen, Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken, wenn du folgende Sätze liest:
Es gibt kein getrenntes Ich, nirgends, niemals und hat es nie gegeben.
Ich kann den Satz glauben, sehe es auch. "Oh Mann, was hab ich mich mit dem Ich ein Leben lang umsonst rumgequält!"
Hat sich da wirklich jemals jemand mit seinem Ich rumgequält? :)
Nein, die Quälerei war nicht die eines "Ich mit sich/mir selbst" sondern ein Quälen mit Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Gewohnheiten. Das "ichhafte" Identifizieren mit all dem Zeugs und das Glauben daran macht es so leidvoll und lässt/ließ es überhaupt erst so ins Kraut schießen.
Spaziergang ...
Dann frage dich: Woher kommt all das Steuern in der Natur?
Woher weiß der Vogel, dass er jetzt wegfliegen muss?
Woher weiß der Baum, dass die Blätter fallen müssen, dass er jetzt ruhen muss? Wer bewegt das Gras?
Da ist nichts und niemand, der/die/das alle Vorgänge und Geschehnisse in der Natur steuert. Nichts im Sinne von übergeordnet oder getrennt von der Natur, vom existierenden Sein. Alles, was man auch anschauen beobachten und wahrnehmen kann, geschieht in gegenseitiger Beeinflussung, Bedingung und Abhängigkeit - auch das Wahrnehmen selbst. Überhaupt gar nix existiert allein aus sich heraus.
Wer bewegt das Gras? Der Wind, abfallender Schnee, die Tritte eines Kindes oder ein Rasenmäher....? oder das Gras auch sich selbst mit seinem Wachstum... Man findet "es" nicht, je genauer man hinsieht, desto mehr tut sich ein kleiner Kosmos von Ursachen und Wirkungen auf. Wunderschön.
Ich mag Krähen sehr. Spielt diese Krähe in ihrem Flug mit dem Wind oder er mit ihr? Denke ich das nur?
Ist da ein Beobachter? Oder ist da einfach “beobachten”?
Kein Beobachter. Wenn ich "ihn" denke ist das Beobachten nicht mehr vollständig, verliert es seine Präsenz. Es ist dann nicht mehr ungeteilt. Einfach Beobachten fühlt sich ungeheuer lebendig an.
Fehlt hier irgendetwas?
Ist hier irgendetwas unvollständig? Könnte jemals etwas unvollständig sein?
Nein da fehlt nichts. Nichts ist unvollständig. Der Eindruck von unvollständig sein kann nur aus Gedanken darüber entstehen, "wie eine Vollständigkeit auszusehen habe". Solche Gedanken gehören auch irgendwie zur Vollständigkeit eines Momentes, obwohl sie seine Wahrnehmung vernebeln. :)
Könnte irgendein Moment jemals anders sein als er gerade ist?
Nein könnte er nicht, jeder Moment ist einfach so wie er gerade ist. Bestimmt von einem unendlichen Netz von Ursachen und Wirkungen davor, jetzt.... und schon vorbei, neu, alles in Veränderung.
Sollte irgendetwas geschehen, damit dieser Moment "vollständiger" wäre?
Nein, wozu? Um irgendeine Vorstellung von "Vollständigkeit" zu bestätigen? So eine Vorstellung muss doch immer weniger sein als der Moment, weil sie auch aus ihm und in ihm entsteht.
Gibt es irgendetwas anderes als Wahrnehmung/Erfahrung?
Irgendwie gibt es natürlich die Existenz aller Dinge, den Kosmos an sich ohne dass er von irgendjemandem (von mir, uns Menschen) wahrgenommen wird... oder doch nicht? Wahrnehmung findet auch auf der allergrundlegensten Ebene von Teilchen untereinander statt. Ja, alles scheint irgendwie Wahrnehmung zu sein. Vielleicht verstehe ich die Frage falsch/nicht richtig.
Gibt es “unvollständige, halbe oder geviertelte” Erfahrung?
Nein, jede Erfahrung ist in jedem Moment die gegenwärtige Mischung aus Sinneswahrnehmungen, Gefühlen, Geistesreaktionen und Gedanken. "Ganz, halb oder geviertelt" sind gedankliche Kategorien.
Allerdings kann man sehr wohl den Eindruck haben, vor lauter Gedanken und Gefühlen den Moment "nicht vollständig" zu erfahren.

Oh, jetzt raucht mir die Birne! Bla bla bla
Soviel zu denken und wahrzunehmen gibt's doch gar nicht. Ist doch alles schon da und richtig so.
Zeit für ein leckeres Abendessen...
schöne Grüße, Mina!
Bruno

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Mina7777
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby Mina7777 » Mon Dec 13, 2021 6:02 pm

Hallo Bruno!
Gibt es irgendetwas anderes als Wahrnehmung/Erfahrung?
Irgendwie gibt es natürlich die Existenz aller Dinge, den Kosmos an sich ohne dass er von irgendjemandem (von mir, uns Menschen) wahrgenommen wird... oder doch nicht? Wahrnehmung findet auch auf der allergrundlegensten Ebene von Teilchen untereinander statt. Ja, alles scheint irgendwie Wahrnehmung zu sein. Vielleicht verstehe ich die Frage falsch/nicht richtig.
Kannst du wirklich sicher sein, dass etwas unabhängig von Wahrnehmung/Erfahrung existiert?
Sind es nicht nur Gedankeninhalte, die "unabhängig existierende Dinge" konstruieren?

Gibt es “unvollständige, halbe oder geviertelte” Erfahrung?
Nein, jede Erfahrung ist in jedem Moment die gegenwärtige Mischung aus Sinneswahrnehmungen, Gefühlen, Geistesreaktionen und Gedanken. "Ganz, halb oder geviertelt" sind gedankliche Kategorien.
Allerdings kann man sehr wohl den Eindruck haben, vor lauter Gedanken und Gefühlen den Moment "nicht vollständig" zu erfahren.
Ist "nicht vollständig" irgendwie erfahrbar?
Oder ist es einfach nur ein weiterer Gedanke in dem Moment?


Liebe Grüße
Mina

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BrunoAbano
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby BrunoAbano » Tue Dec 14, 2021 8:10 am

Hallo Mina,
erst mal: Wie geht denn bei der Zitierfunktion das "doppelte Zitieren" von einer Frage mit ihrer Antwort in einem Zitat, farblich unterschieden? hab das noch nicht rausgefunden.
Kannst du wirklich sicher sein, dass etwas unabhängig von Wahrnehmung/Erfahrung existiert?
Sind es nicht nur Gedankeninhalte, die "unabhängig existierende Dinge" konstruieren?
Nein, man kann sich dessen nicht sicher sein. Es können nur Gedanken, Fantasien sein, in denen "unabgängig existierende Dinge" vorkommen/konstruiert werden.
Andererseits sind solche Gedanken und Ideen oft das erste Auftreten/Erscheinen von "neuen" Dingen, die zuvor noch nicht erfahrbar, also real waren. Z.B. hatte vor einigen Tausend Jahren wohl irgendjemand die Idee, einen "Stuhl" zu bauen, um "besser" darauf zu sitzen als auf der Erde oder einem Stein. Vielleicht auch viele Individuen unabhängig voneinander an unterschiedlichen Orten der Welt.
Aber schon als Idee ist so etwas kein "unabhängig existierendes Ding".
Ja wirklich - es gibt einfach keine "unabhängig existierenden Dinge" !
Ist "nicht vollständig" irgendwie erfahrbar?
Oder ist es einfach nur ein weiterer Gedanke in dem Moment?
Nein, "nicht vollständig" ist nicht erfahrbar. Es ist einfach ein weiterer Gedanke im Moment.

Liebe Grüße
Bruno

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Mina7777
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby Mina7777 » Wed Dec 15, 2021 7:16 pm

Hallo Bruno!

Zur Zitierfunktion:
Zuerst gesamten Bereich markieren, dann "Quote", danach grün gewünschten Bereich markieren und nochmals "Quote"

Andererseits sind solche Gedanken und Ideen oft das erste Auftreten/Erscheinen von "neuen" Dingen, die zuvor noch nicht erfahrbar, also real waren. Z.B. hatte vor einigen Tausend Jahren wohl irgendjemand die Idee, einen "Stuhl" zu bauen, um "besser" darauf zu sitzen als auf der Erde oder einem Stein. Vielleicht auch viele Individuen unabhängig voneinander an unterschiedlichen Orten der Welt.

Dazu vielleicht noch eine Übung:

Getränke / Entscheidung

Stelle zwei Getränke, die du magst, in einem Glas oder einer Tasse nebeneinander vor dich auf den Tisch.
Schaue das eine Getränk an und denke über alle Vorteile und Nachteile dieses Getränks nach.
Dann schaue das andere Getränk an und überlege dir wieder alle Vorteile und Nachteile.
Dann schließe die Augen für eine halbe Minute.
Öffne sie wieder und greife zu einem Getränk.
Wie ist die Entscheidung gefallen, welches Getränk du in die Hand nimmst?


Wie siehst du die "Stuhl-Geschichte" nach dieser Übung?

Was kann überhaupt mit letzter Sicherheit gesagt werden?


Liebe Grüße :)

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BrunoAbano
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby BrunoAbano » Fri Dec 17, 2021 8:52 am

Hallo Mina,
Getränke / Entscheidung ....
Ein Glas Wasser stand neben einem Glas frisch gepresstem Orangensaft.
Es gab viele Vor- und Nachteile bei beiden, die ich mir ausdenken konnte, einige davon rein situativ (z.B "die Säure vom O.saft mag ich jetzt nicht) . Letztendlich lief es schon während dieses abwägenden Bedenkens darauf hinaus, dass sich mehr Lust auf das Glas Wasser einstellte.
Halbe MInute Augen zu (kaum Gedanken, aber Gewissheit)..... auf, Wasser trinken.
Wie ist die Entscheidung gefallen, welches Getränk du in die Hand nimmst?
Sie hat sich einfach eingestellt, wäre vermutlich/vielleicht ohne das vorherige Bedenken aller Vor- und Nachteile von beiden Getränken genauso ausgefallen. Die Entscheidung (oder auch gefühlte Neigung) hat sich allerdings während des Erwägens der in diesem Moment als vor- oder nachteilig empfundenen Eigenschaften von Wasser und O-saft gebildet. Sie kann also schon daurch beeinflusst oder auch wesentlich bestimmt worden sein. Es ist nicht sicher zu sagen.
Wie siehst du die "Stuhl-Geschichte" nach dieser Übung?
Eigentlich nicht verändert. Natürlich auch hier: Ob das Ding "Stuhl" so in die Welt gekommen ist, weiß niemand sicher zu sagen. So war das Beispiel gar nicht gemeint. Ich wollte damit ausdrücken, dass "neue Dinge" im Sinne von "durch Menschen erfundene und gebaute Dinge" doch wahrscheinlich erst mal als Idee, Gedanke auftauchen.
Ich galube, ich verstehe nicht recht worauf du hinaus willst, bzw. hier hinweisen willst. Kannst du mir helfen?
Es ist anstrengend und kommt mir unnötig vor, darüber nachzudenken. Irgendwie unwesentlich, oder?
Was kann überhaupt mit letzter Sicherheit gesagt werden?
Wirklich nichts kann mit letzter Sicherheit gesagt werden. Alles ist ständig in Bewegung und andauernder Veränderung unterworfen. Sicherheit, egal in welchem Zusammenhang, kann es in einem "vollkommenen Wortsinne" nicht geben. Wo sie gedacht und diese Gedanken für wahr und norwendig gehalten werden (und "Ich" als wichtiger Manager all dessen noch dazu), fängt der Stress und das Leiden an. Jedenfalls vermeidbares Leiden hat da seinen Ursprung...

Viele liebe Grüße, Mina
von Bruno

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Mina7777
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby Mina7777 » Sat Dec 18, 2021 3:30 pm

Lieber Bruno,

ich werde dir morgen antworten.

Liebe Grüße Mina

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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby Mina7777 » Mon Dec 20, 2021 7:36 pm

Hallo Bruno,

jetzt hat sich meine Antwort doch noch mal um einen Tag verspätet, entschuldige.
Wie siehst du die "Stuhl-Geschichte" nach dieser Übung?
Eigentlich nicht verändert. Natürlich auch hier: Ob das Ding "Stuhl" so in die Welt gekommen ist, weiß niemand sicher zu sagen. So war das Beispiel gar nicht gemeint. Ich wollte damit ausdrücken, dass "neue Dinge" im Sinne von "durch Menschen erfundene und gebaute Dinge" doch wahrscheinlich erst mal als Idee, Gedanke auftauchen.
Ich galube, ich verstehe nicht recht worauf du hinaus willst, bzw. hier hinweisen willst. Kannst du mir helfen?
Es ist anstrengend und kommt mir unnötig vor, darüber nachzudenken. Irgendwie unwesentlich, oder?
Ja, es ist unwesentlich. Es ist eine Geschichte.
Wahrnehmung ist da, mehr kann nicht gesagt werden.
Was kann überhaupt mit letzter Sicherheit gesagt werden?
Wirklich nichts kann mit letzter Sicherheit gesagt werden. Alles ist ständig in Bewegung und andauernder Veränderung unterworfen. Sicherheit, egal in welchem Zusammenhang, kann es in einem "vollkommenen Wortsinne" nicht geben. Wo sie gedacht und diese Gedanken für wahr und norwendig gehalten werden (und "Ich" als wichtiger Manager all dessen noch dazu), fängt der Stress und das Leiden an. Jedenfalls vermeidbares Leiden hat da seinen Ursprung...
Genau :)

Wie sieht es inzwischen bei dir aus?
Ist es völlig klar, dass ein abgetrenntes Ich nie existiert hat?

Liebe Grüße
Mina

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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby BrunoAbano » Thu Dec 23, 2021 9:19 am

Hallo Mina,
Wie sieht es inzwischen bei dir aus?
Also diese 4-5 Wochen Dialog zwischen uns haben meine Wahrnehmung ganz allgemein und insbesondere die Art, wie ich mich und meine Lebenssituation in jedem Moment wahrnehme ziemlich stark verändert. Ich mache mir weniger Gedanken, bzw. lebe viel weniger in meinen Gedanken und Vorstellungen. Immer wieder tauchen jetzt so alte Vorstellungen und Meinungen über meine Person (und auch über andere Dinge, Menschen, Sachverhalte) gewohnheitsmäßig auf, die ich ja teils viele Jahrzehnte lang gepflegt und geglaubt habe. Aber ich erkenne sie jetzt immer ziemlich schnell entweder direkt als "einfach nur Gedanken", oder auch erst mal an ihrer "Nebelhaftigkeit", in die ich gerate wenn ich sie für wahr nehme.
Es gibt jetzt oft so ein erfreutes, erleichtertes Lächeln "ah ja, das auch... das kann jetzt abfallen". Und das tut es, irgendwie unspektakulär und dann ist da einfach das Leben, klar und direkt, schön. Auch nicht mal was Neues, denn es war schon immer so, hab es nur vor lauter Geschwurbel meistens nicht gesehen.
Ist es völlig klar, dass ein abgetrenntes Ich nie existiert hat?
Ja das ist mir völlig klar - ein abgetrenntes Ich kann nur als Gedanke existieren. Es hat keinerlei wirkliche Substanz, die zu finden wäre wenn man die Gedanken weglässt.
Manchmal hatte ich noch Zweifel in letzter Zeit. Da war oft so ein Gefühl, dass da doch irgendjemand wäre in mir, der all das wahrnimmt. Dies war oder ist dann so ein beklommenes, ängstlich beengendes Gefühl und wenn ich ihm nachgehe, erkenne ich es als "sehr alt". Es führt mich in meine frühen Kinderzeiten mit den starken Mangelerfahrungen an Nähe und offener Zuwendung. Und dann sehe ich: diese Ichgedanken dienten (auf hilflose Weise) dazu, mich zu schützen. Sie gaben mir die Illusion, auf die eigentlich sehr leidvolle Situation damals Einfluss zu haben, mächtig zu sein.
Nichts daran war je reel, alles nur Fantasien - aber sehr nachdrücklich und verzweifelt geglaubt. Daher auch die hartnäckige Gewohnheit, mit der der Ichgedanke immer wieder anspringt.
Aber es ist echt nicht mehr nötig, geholfen hat es ja eh nie :)
Die Gefühle habe ich schon damals überlebt und heute sind sie noch viel weniger in irgendeiner Weise bedrohlich.

Ja, von Herzen vielen Dank, Mina!
Ich wünsche dir schöne, freudvolle Feiertage
Viele liebe Grüße
Bruno

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Mina7777
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Re: Sehen was ist, tun was zu tun ist - eine große Sache?

Postby Mina7777 » Thu Dec 23, 2021 11:54 am

Hallo Bruno!

Es ist schön zu lesen, was du schreibst.
Ich danke dir auch für den Dialog und deine Offenheit. Es war mir eine Freude!

Überlege dir vielleicht noch, ob du die Abschlussfragen beantworten möchtest.
Danach gäbe es die Möglichkeit, sich mit anderen Leuten hier im Forum oder auch in diversen Facebook-Gruppen auszutauschen.
Vielleicht hast du auch Interesse daran, selbst als Guide tätig zu werden.

Wenn du unseren Dialog so stehen lassen möchtest, ist das natürlich auch ok.

Liebe Grüße
Mina :)


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