Hola, Ichbin,
das hätte ich mir ja denken können, dass meine lapidare Nebenbemerkung nicht ignoriert wird, sondern direkt einer genauen Prüfung unterzogen wird. Super! Danke für die Anregung. Habe die heutigen Vorbereitungen fürs Mittagessen für die Übung genutzt.
Teil Eins:
Schreibe 10 Minuten lang, was du gerade erlebst und benutze dabei "ich" und "mein".
Ich hole einen kleinen Kürbis aus dem Kühlschrank und nehme ein Messer und ein Holzbrett. Ich steichle mit den Händen über die Oberfläche des Kürbis (eine Auswirkung der Frucht-Übung, ansonsten streichle ich nicht unbedingt das Mittagessen, bevor ich es zubereite. Grins.) Er fühlt sich angenehm an, etwas rauh. Ich schneide den Kürbis zunächst in Viertel, entferne die Kerne, und lasse diese in den sogenannten „Miss-Piggy-Eimer“ fallen. Die geschnittenen Viertel unterteile ich nochmal in Scheiben und sammle diese in einer Glasschüssel. Ich hole einen weiteren Kürbis. Der ist deutlich größer und ganz schön schwer. Und ich kann ihn überhaupt nicht gut schneiden. Also hole ich meinen größten Topf, lege den Kürbis hinein und bedecke ihn mit Wasser. Ich drehe das Gas an, „klicke“ mit dem Anzünder am Kocher und stelle den Topf auf die Flamme. Zwischendurch schweifen meine Gedanken ab zu der Mail, die ich gerade von einer ehemaligen Kollegin bekommen habe. Gleich zwei Kollegen in meinem Alter sind gestorben. Ich überlege, wie ich auf diese Nachricht reagieren könnte.
Dann hole ich die Zutaten und eine Schüssel, um eine Marinade für den Kürbis vorzubereiten.
Kurzer Exkurs: Komme mir vor, wie „früher“, wenn ich in Deutsch Klasse 6 oder 7 die Vorgangsbeschreibung durchnahm. Help!
Na, ja das ging halt noch 'ne Weile so weiter.
Spüre deinen Körper. Empfindest du so etwas wie Anspannung oder Entspannung?
Ich fühlte mich „ganz normal“, muss ich sagen. Ein Unterschied wurde mir erst beim zweiten Teil deutlich: Da schnitt ich mich nämlich in den Finger und das war „überhaupt kein Problem“ - Da wurde mir klar, wäre das „im Ich-Modus oder – Fokus“ passiert, hätte ich vermutlich ein bisschen „Trara“ drumherumgemacht, in Gedanken mit mir selbst geschimpft oder so. Genauso rutschte mir einmal was auf den Boden. Das habe ich dann ohne weiteren „inneren“ Kommentar oder Ärger einfach aufgewischt.
Dann schreibe 10 Min. lang, was du gerade lebst ohne "ich" und mein".
Mango liegt auf dem Holzbrett. Messer schneidet Frucht zunächst viermal ein, mithilfe des Messers wird Haut abgezogen, Fruchtfleisch vom Kern geschnitten, auf dem Brett in kleinere Stücke zerteilt, vom Brett in eine Schüssel gekippt. Gleiches Verfahren mit weiteren Mangos.
Hand mit Messer rutscht ab, Messerklinge schneidet in Finger der anderen Hand. Kurzes Brennen, Blut wird wahrgenommen, unter kaltem Wasser abgespült, Brennendes Gefühl lässt nach.
Weitere Zutaten werden auf Holzbrett geschält und kleingeschnitten: Zwiebel, Paprika, Knoblauch, Ingwer. Diese Zutaten rösten in eine wenig Öl in einem kleinen Topf auf der Gasflamme. Mango-Fruchtfleisch wird dazugegeben, gewürzt, alles köchelt vor sich hin.
Restlicher Kürbis wird aus Abtropfsieb in Topf geschüttet, ein Viertel fällt auf den Boden, wird aufgehoben, Matsch weggewischt.
Vergleiche jetzt die beiden Möglichkeiten, die Erfahrung zu beschreiben.
Also, in Teil 2 war ich definitiv konzentrierter bei der Sache. Das klingt fast nach einem Widerspruch, denn alles „geschah“ einfach, auch die beiden „Missgeschicke“ haben den Fluss der Tätigkeiten nicht negativ unterbrochen, es wurde einfach hingenommen und eine entsprechende Handlung (Wunde abwaschen, Sauerei wegputzen) erfolgte ohne weiteren inneren Monolog.
Ist eine wahrer als die andere? Wenn ja, welche?
Ich finde, sie sind beide auf ihre Art und Weise „wahr“. Aber die zweite Möglichkeit ist irgendwie „objektiver“, ohne den kommentierenden „Ich-Erzähler“
Was ist ohne die Benennung vorhanden?
Bin mir nicht sicher, wie die Frage gemeint ist. Ohne die Benennung ist mehr ein „Fließen“ der Handlungen da, eine Einheit von Handelndem und Handlungen, keine Trennung mehr in Subjekt und Objekte.
Wow! Beim Aufschreiben fällt mir auf, dass das ja geradezu grandios ist! Das ist doch genau das, wovon die sog. Meister immer sprechen und was ich mir so schwer vorstellen konnte!?!?! Das ist ja irre!
Beeinflussen Benennungen die Erfahrung oder beschreiben sie sie einfach?
Aufgrund der genannten Erfahrungen trifft das erste zu: die Benennungen beeinflussen die Erfahrung. Die Erfahrung wird häufig ge- und bewertet, verglichen, eingeordnet usw.
Dankeschön, das war wieder sehr aufschlussreich! Hätte ich die Übung in einem Buch gelesen, hätte ich sie vermutlich gar nicht gemacht! (Motto: Was soll'n das jetzt?) Das ist wirklich gut, an diesem System hier: Wenn ich weiß, dass eine Rückmeldung kommt und meine Erfahrung dann auch bestimmt, wie's weitergeht, was als nächstes ansteht.
Das konnte ich mir so vorher gar nicht vorstellen.
Ist wirklich gut! Dankeschön!
Suerte!
Sharifa