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Re: Hin und her

Posted: Sun Jan 29, 2012 7:43 pm
by Ingen
Ich habe gesehen, dass es eine Gewohnheit ist, an ein Selbst zu glauben.
Was ist denn das Selbst?

Re: Hin und her

Posted: Sun Jan 29, 2012 9:13 pm
by Iris
Was ist denn das Selbst?
So wie ich es jetzt sehe: Eine Fiktion.
Da sind Ich-Gedanken, aber kein Ich, das dazu gehört. Das wird einfach als existierend angenommen. Es wird quasi automatisch ergänzt. Aber es existiert gar nicht. So wie ein Trompe-l’oeil-Bild auf einer Hausfassade, das eine dreidimansionale Realität vorspiegelt, die abgesehen von der Farbe gar nicht existiert. Sobald man das erkannt hat, lässt man sich nicht mehr täuschen. Das Bild besteht weiterhin, aber man weiss, dass es einfach nur die bemalte Hausfassade ist. So kann man auch sagen, das Selbst ist eine Täuschung. Dass es nicht existiert, stellt aber keine Enttäuschung dar, sondern es ist einfach so, dass die Realität erkannt worden ist. Daraus ergibt sich ein feines Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit. Was geschieht, wird nicht mehr persönlich genommen, nicht mehr auf ein nicht existierendes Ich gebündelt/projiziert. Wenn ich also eine Arbeit herausschiebe (heute wieder geschehen), wird gesehen und erlebt, dass das geschieht/geschehen ist, aber es wird nicht mit dem Eindruck einer Person verknüpft, die das getan hat. Ich sage zwar, „ich habe die Arbeit hinausgeschoben“, aber ich weiss, dass hinter diesem Wort nichts steht, keine Persönlichkeit. Die Leichtigkeit kommt aus dieser „Leere“ oder diesem „Leersein“ heraus. Es ist nur ein zartes, leichtes Gefühl für mich, aber trotzdem habe ich den Eindruck, es sei auch wie ein solider Boden. Eigenartig. Jedenfalls hat sich etwas in meiner Sichtweise verändert.

Re: Hin und her

Posted: Sun Jan 29, 2012 9:31 pm
by Ingen
Wie ist es, mit diesem Wissen mit anderen Personen zusammenzusein? Wie fühlt es sich an, wenn jemand eine Überzeugung äußert, die dir zuwider ist? Was passiert dann?

Re: Hin und her

Posted: Sun Jan 29, 2012 9:59 pm
by Iris
Wie ist es, mit diesem Wissen mit anderen Personen zusammenzusein? Wie fühlt es sich an, wenn jemand eine Überzeugung äußert, die dir zuwider ist? Was passiert dann?
Diese Frage kann ich Dir erst später wirklich beantworten, bin gegenwärtig allein. Werde es gerne beobachten. Rein theoretisch kann ich nur sagen, dass "ich" ja nicht anders bin wegen diesem Wissen, denn "mich" gibt es ja nicht. Es wird also geschehen, was geschieht.

Hin und her

Posted: Sun Jan 29, 2012 10:38 pm
by Ingen
Das sowieso :)

Ich will darauf hinaus, daß du beobachten sollst, wie sich an direktes Erleben (Wahrnehmung, Gefühle...) *hinterher* eine Art Bestätigung der Geschichte "Iris ist so und so" dranhängt.

Re: Hin und her

Posted: Mon Jan 30, 2012 9:41 pm
by Iris
Wie ist es, mit diesem Wissen mit anderen Personen zusammenzusein? Wie fühlt es sich an, wenn jemand eine Überzeugung äußert, die dir zuwider ist? Was passiert dann?
Heute war ich nicht viel mit anderen Menschen zusammen, hatte aber immerhin ein vereinbartes Gespräch über ein für mich unbequemes Thema. Ich stelle im Nachhinein keinen Unterschied fest, wie ich mit diesem Mann interagiert habe. Oder doch, vielleicht schon: Es kann sein, dass ich in der Gesprächssituation gelassener war. Mein Reagieren und meine Art war einfach so, wie sie war. Da war kein bewusster Gedanke während des Gesprächs, dass es "mich" nicht gibt, aber es scheint, als ob dieses Wissen sich trotzdem auswirkte. Das Gespräch verlief unproblematisch und ganz natürlich.

Heute Morgen versuchte ich, die gestrige klare Einsicht über das Nichtvorhandenseins des Selbst wieder zu erreichen. Das ging merkwürdigerweise nicht. Da war einfach nicht dieselbe Klarheit und Stärke des Gefühls dem gegenüber wie gestern. Das vermisste ich, liess es aber sein. Es ist da kein grosses Aha mehr oder irgendein spezielles Gefühl oder eine spezielle Erkenntnis. Es ist sogar fast eher ein Desinteresse daran da. Rein vom Erleben her merkte ich heute immer wieder, dass eine Gelassenheit in Bezug auf „Ich“ da war. Wie ein ganz kurzes Checken und Wahrnehmen: Ah ja, da ist kein Ich. Im Moment ist es so, wie wenn die Gedanken nicht mehr in eine Tiefe hineinwurzeln, wie vorher. Komisches Bild, aber es fängt in etwa auf, wie die Gedanken zwar da sind, aber sich wie eine Oberflächenbewegung anfühlen.

Ich finde es nicht leicht, diese Wahrnehmungen in treffende Worte zu fassen. Das Erleben ist ephemer und doch wahrnehmbar.
Ich will darauf hinaus, daß du beobachten sollst, wie sich an direktes Erleben (Wahrnehmung, Gefühle...) *hinterher* eine Art Bestätigung der Geschichte "Iris ist so und so" dranhängt.
Davon habe ich heute nicht viel erlebt, jedenfalls nicht bewusst. Werde aber aufmerksam bleiben.

Re: Hin und her

Posted: Mon Jan 30, 2012 11:08 pm
by Ingen
Rein vom Erleben her merkte ich heute immer wieder, dass eine Gelassenheit in Bezug auf „Ich“ da war. Wie ein ganz kurzes Checken und Wahrnehmen: Ah ja, da ist kein Ich. Im Moment ist es so, wie wenn die Gedanken nicht mehr in eine Tiefe hineinwurzeln, wie vorher. Komisches Bild, aber es fängt in etwa auf, wie die Gedanken zwar da sind, aber sich wie eine Oberflächenbewegung anfühlen.
Wenn die Gedanken sich nicht mehr an einer Ich-Vorstellung festhaken können, rutschen sie einfach ab. Sie tauchen zwar auf, verschwinden dann aber auch wieder.
Der Großteil der Gedanken handelt ja davon, MICH zu definieren. Auch wenn ich über andere nachdenke.
Es ist da kein grosses Aha mehr oder irgendein spezielles Gefühl oder eine spezielle Erkenntnis.

Das Ich war ja nie da, deshalb ist die Veränderung auch nicht bombastisch... Es ist nur eine "kleine" Perspektivänderung.

Beobachte mal, was vor sich geht bei alltäglichen Handlungen. Wer beschließt, sich hinzusetzen aufzustehen, zu husten, zu sprechen, zu lächeln, traurig zu sein etc. ? Zu welchem Zeitpunkt kommt der Gedanke "ich wollte mich hinsetzen"?

Re: Hin und her

Posted: Tue Jan 31, 2012 9:07 pm
by Iris
Liebe Ingen, ich bin so froh um Deine sorgfältige Begleitung! Danke Dir sehr herzlich dafür.

Dein Hinweis, dass das Ich ja nie da war und die Veränderung daher auch nicht bombastisch ist, finde ich treffend und hilfreich.
Beobachte mal, was vor sich geht bei alltäglichen Handlungen. Wer beschließt, sich hinzusetzen aufzustehen, zu husten, zu sprechen, zu lächeln, traurig zu sein etc. ? Zu welchem Zeitpunkt kommt der Gedanke "ich wollte mich hinsetzen"?
Es ist sehr deutlich erkennbar, dass erst nach der Handlung der Gedanke kommt, dass „ich“ das gemacht, gehört, gedacht etc. habe. Das ist witzig zu bemerken. Es ist sowas wie ein laufender Kommentar, der eigentlich gar nicht nötig ist. Aber auch nicht unbedingt stört, solange er nicht geglaubt wird. Ohne einen Glauben an ein „ich“ ist dieser hinterherhoppelnde feststellende Kommentar eigentlich ganz süss...

Als ich heute Nachmittag am Eindösen war, gab’s da einen Moment, wo sich von alleine die verwunderte Frage stellte, der diese vorbeiziehenden Gedanken eigentlich denkt. Diese Frage hatte ich mir früher ja auch schon gestellt, aber da schaute ich quasi von aussen nach innen und versuchte zu ergründen, was da „innen“ war. Jetzt war es wie von innen nach aussen: Innen war ja nix, also wer denkt da draussen die Gedanken?! Die Frage hat mich echt belustigt. Die Verwunderung war so echt...

Hin und her

Posted: Tue Jan 31, 2012 11:29 pm
by Ingen
Das freut mich, Iris! Ist es nicht angenehm, nicht mehr mit all den Gedanken kämpfen zu müssen? Sondern sie statt dessen (meist) amüsiert zu beobachten, wie sie vor sich hin "ichen"? und wenn es mal nicht gelingt, heißt das ja nicht, dass da wieder ein Ich aufgetaucht ist sondern... (Kannst du das beantworten? Was passiert, wenn du dich identifizierst?)

Ich weiß noch nicht, ob ich morgen Gelegenheit habe, zu schreiben. Deshalb hier noch eine Hausaufgabe:

Wenn du mit andern zusammen bist, und du nimmst bewusst die ichlose Perspektive ein, wie fühlt sich das an? Ohne ein fiktives Ich verteidigen zu müssen... Zuhören als ob es nur den Standpunkt des Gesprächspartners gäbe. (gäbe?)

Re: Hin und her

Posted: Thu Feb 02, 2012 12:13 pm
by Iris
Vor sich hin "ichen" - das gefällt mir! Genau so ist es doch...

Was passiert, wenn ich mich identifiziere? Dass ich wieder schlafe bzw. träume? ;-)) Ich fand diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten. Wahrscheinlich habe ich zu weit gesucht. Das Leben lebt sich dann einfach auf diese Weise, das ist alles. Mit Identifikation oder ohne Identifikation, das ist nicht wesentlich. Schön, das von innen heraus zu wissen.
Wenn du mit andern zusammen bist, und du nimmst bewusst die ichlose Perspektive ein, wie fühlt sich das an? Ohne ein fiktives Ich verteidigen zu müssen... Zuhören als ob es nur den Standpunkt des Gesprächspartners gäbe. (gäbe?)
Du wirst lachen, ich bin zurzeit so wenig unter Menschen, dass ich Deine Hausaufgabe bis jetzt nicht machen konnte! Bzw. kam mir die Aufgabe während der paar Kontakte nicht in den Sinn. Unvertraut ist mir das, wonach Du fragst, allerdings nicht. Vor ca. einem Jahr begann ich damit, in Situationen, wo ich merkte, dass bei mit irgendwelche Konflikte auftauchten, während ich einen anderen Menschen wahrnahm (meist wertende Gedanken der anderen Person oder mir selbst gegenüber), die Haltung einzunehmen: "Ich will diesem Menschen begegnen". Es ist ganz frappant, was dann geschieht. In mir lösen sich sämtliche Grenzen auf, die ja durch Gedanken, Ängste, Konditionierungen entstehen, und dann gibt es "mich" nicht. In diesem freien Feld geschieht Begegnung furchtlos und ganz simpel. Ich kann dann wirklich hören, was der andere Mensch sagt (ohne meine üblichen Filter) und kann (angst)frei darauf reagieren. Es zeigen sich noch weitere Facetten der Situation, vor allem auch solche, die mein Verhalten und meine Haltung / Identifikation hell erleuchten. Sie werden in einem neutralen Licht sichtbar, was aber oft ein Schmunzeln auflöst, ein verständnisvolles Erkennen. Mir selber gegenüber und auch den anderen Personen gegenüber.

Also, dies meine bisherigen Erfahrungen. Ich werde Deine Hausaufgabe aber gerne noch ausführen. Ich bin wirklich froh, dass Du mir hilfst, sehr genau hinzuschauen. Das ist spannend. Ich stelle mir solche Fragen sonst nicht und bin sonst offenbar auch zu bequem, sie in aller Tiefe auszuloten. Wenn eine Antwort verlangt wird, gebe ich mir sehr viel mehr Mühe. Und es hilft auch, ein Gegenüber zu haben, damit das alles konkreter wird. Danke!

Re: Hin und her

Posted: Thu Feb 02, 2012 12:51 pm
by Ingen
Du hast die Hausaufgaben-Frage über die anderen Menschen schon beantwortet:)
Ich kann dann wirklich hören, was der andere Mensch sagt (ohne meine üblichen Filter) und kann (angst)frei darauf reagieren.


Das meinte ich.

Soweit ich sehe, ist dir sonnenklar, dass das Ich eine Illusion ist.

Wie sieht die Welt aus ohne Ich? Wie fühlt es sich z.B.an, spazierenzugehen? Was nimmst du wahr, wenn du spazierengehst? Kannst du überhaupt sagen "Ich nehme wahr?" , oder ist die Welt einfach "da"?

Was ist vorhanden und lebendig, wenn DU nur ein Gedanke bist?

Re: Hin und her

Posted: Thu Feb 02, 2012 12:54 pm
by Ingen
Wenn eine Antwort verlangt wird, gebe ich mir sehr viel mehr Mühe. Und es hilft auch, ein Gegenüber zu haben, damit das alles konkreter wird. Danke!
Darauf wollte ich ja auch noch antworten. Ja, im Dialog werden Dinge viel klarer, auch für mich. Das ist übrigens der Grund, dass ich das hier mache. Reiner Eigennutz!!! :)

Re: Hin und her

Posted: Fri Feb 03, 2012 7:28 pm
by Iris
Liebe Ingen, danke für Deine Antwort und Fragen. Und dass Du solche Begleitungen aus "Eigennutz" machst, verstehe ich zutiefst!
Wie sieht die Welt aus ohne Ich? Wie fühlt es sich z.B.an, spazierenzugehen? Was nimmst du wahr, wenn du spazierengehst? Kannst du überhaupt sagen "Ich nehme wahr?" , oder ist die Welt einfach "da"?

Was ist vorhanden und lebendig, wenn DU nur ein Gedanke bist?
Wenn ich spazierengehe, ist es wunderbar, wie der Körper läuft so ganz ohne Ich. Sagenhaft. Spannend auch, wenn ich das Geräusch der Schritte höre, aber weder die Schritte noch das Hören hat mit mir zu tun. Reaktionen laufen ganz spontan ab - ich sehe zum Beispiel etwas, das mich belustigt und merke, wie ich stehenbleibe und das für mich selbst laut kommentiere. Ich bin wie eine Zuschauerin dabei, aber ohne dass da ein "ich" ist. So habe ich wie doppeltes Vergnügen - einerseits das spontane, das als Reaktion auf etwas passiert, und dann dazu noch der Genuss des Bemerkens, dass das alles ohne mich geschehen und wahrgenommen worden ist. Wenn ich jemandem unterwegs begegne und ein paar Worte mit dieser Person austausche, staune ich über das, was ich eben gesagt habe. Das Verhalten hat sich gegenüber früher kaum geändert (ich habe auch früher spontan mit mir unbekannten Leuten unterwegs Worte gewechselt), aber das Staunen darüber war damals nicht dabei. Wenn schon höchstens eine Freude oder ein Stolz über "meinen" gelungenen Austausch. Jetzt ist so vieles einfach eine Überraschung. Und ich liebe die Leichtigkeit und völlige Anstrengungslosigkeit, mit dem solch spontaner Austausch passiert. "Ich" bin dabei, aber das ist auch alles.

Das führt mich zu Deiner weiteren Frage, was vorhanden und lebendig ist, wenn ich nur ein Gedanke bin. Ja, wenn ich das wüsste! Am nächsten kommen wohl Worte wie "Wahrnehmung" und "Bewusstsein". Oder "Alles, was ist." Irgendwie ist es insubstantiell und doch ganz da.

Ja, die Welt ist einfach "da". Und ohne ein "Ich" wird sie lustigerweise direkter und realer erlebt. Damit meine ich, dass ich eben über viel mehr staune, was da ist und wahrgenommen wird. Ah, das ist DA! Wie aus dem Nichts aufgetaucht. Das Staunen rührt vielleicht aus der Vertrautheit mit dem "Nichts", wo bisher "Ich" war.

Re: Hin und her

Posted: Fri Feb 03, 2012 9:32 pm
by Ingen
Liebe Iris, würdest du dir die Zeit nehmen, die folgenden Fragen ausführlich zu beantworten?

1. Gibt es ein Ich in irgendeiner Form oder Zustand?

2. Erkläre, wie das "ich" funktioniert, und wie es kam, dass du es durchschaut hast. Was hat dich überzeugt?

3. Wie fühlt es sich an, erwacht, d.h. von dieser Vorstellung befreit zu sein?

4. Wie würdest du das jemandem erklären, der noch nie die Existenz eines eigenständigen "Ichs" bezweifelt hat und nichts von alldem gehört hat?

Re: Hin und her

Posted: Sun Feb 05, 2012 9:24 pm
by Iris
Liebe Ingen, ich war überraschend das Wochenende weg und bin jetzt zu müde zum Antworten. Werde diese Fragen aber sehr gerne beantworten, freue mich schon darauf. Ev. wird es aber Dienstag, bis ich dazu komme. Nichts für ungut und herzliche Grüsse!