Schön, Du siehst, wie stark die Ich-Illusion mit dem Versuch eines Gefühlsmanagements verbunden ist.
Ich versuche gerade, aus den Gefühlen heraus zu schreiben, aber es gelingt mir nicht, weil ich dann einfach die Gefühle passieren lasse, aber überhaupt kein Impuls zu schreiben kommt. Um eine Antwort zu schreiben, muss ich in den Verstand gehen, dann kann ich aber nicht mehr die Gefühle so zulassen und befinde mich schnell wieder in den Geschichten.
Es ist eher so, dass ich fühle und dann hinterher versuche, zu beschreiben, wie es war, bzw. was ich damit anfangen kann.
Ich denke, ich verbringe wirklich zu viel Zeit mit dem Verstand und damit, mich immer mit allen Gedanken auseinanderzusetzen. Die Gefühle bringen mich sofort in die Gegenwart, in die Realität. Aber sobald ich darüber nachdenke, wie ich das am Besten beschreibe, bin ich wieder voll im Verstand gefangen und vollkommen abhängig von all den Geschichten.
Was meinst Du genauer mit Abarbeiten von Geschichten, wenn die Geschichten schon durch Erlauben des Gefühls ruhiger werden?
Bevor es ruhiger wird, wird es erst intensiver. Das passiert so: Ich entscheide, ein Gefühl zuzulassen. Es wird sehr intensiv an der Körperstelle, an der es sich befindet. Gleichtzeitig tauchen Geschichten auf. Bei normalen Gefühlen wird es dann gleich ruhiger und das Gefühl verblasst. Bei sehr intensiven Gefühlen, kann ich es dann erstmal nicht weiter zulassen. Dabei werde ich mir den zahlreichen Geschichten, die der Verstand mit dem Gefühl verbindet bewusst. Wenn ich dies ein paar Mal mache, werden die Geschichten auch ruhiger und das Gefühl verblasst. Aber bei sehr intensiven Gefühlen brauche ich absolute Ruhe und einige Minuten dafür.
Sind die Geschichten Auslöser des Widerstands gegen die Gefühle oder Ausdruck dieses Widerstands oder Folge dieses Widerstands? Welche Bedeutung hat der Inhalt der Geschichten - sind sie noch interessant, wenn das Gefühl dazu vollständig da sein darf?
Die Geschichten sind der Versuch, eine Lösung zu finden. Der Widerstand ist dabei eine Reaktion auf die Geschichten. Die Angst, dass die Geschichten nicht aufhören, verursacht den Widerstand. Der Widerstand ruft aber auch Geschichten hervor, denn es wird versucht, eine Geschichte zu finden, die alle Geschichten beendet. Ein Teufelskreis. Ich glaube, die einzige Möglichkeit, diesen Teufelskreis zu durchbrechen ist das Ausfühlen, sich auf das Gefühl total einzulassen, dann sind die Geschichten nicht mehr nötig. Es gibt zwar durchaus noch einige Situationen, in denen mir das Fühlen schwer fällt, aber es ist noch nicht passiert, dass irgendeine Geschichte mich gerettet hätte. Eher andersrum: das Ausfühlen hat unangenehme Situation sehr harmlos werden lassen. Insofern sind die Geschichten nicht wichtig und dann auch nicht mehr interessant.
Interessant sind sie für mich noch dann, wenn ich aus Gewohnheit den Geschichten verfalle und nicht daran denke, mich dem Gefühl hinzugeben.
Kann das Gefühl über eine Wendung der Geschichte nachhaltig gemanaged werden?
Geschichten verändern das Gefühl, aber meist nicht im positiven Sinn. Und wenn es klappt, dann nur kurzfristig. Denn schnell wird ein Haken an der Geschichte entdeckt und dann wird eine neue Geschichte notwendig. Ist ja aber auch nicht notwendig, ein Gefühl zu managen. Die einzige wirkliche "Managemöglichkeit" ist das Ausfühlen.
Auch für Alltagsentscheidungen sind die Geschichten nicht wirklich wichtig, denn die Entscheidungen werden auch so getroffen und eher besser als mit den Geschichten.
Macht es Sinn, das Leben an der Vermeidung von Situationen auszurichten, die mit schwierigen Gefühlen einhergehen?
Teilweise ja. Das Leben sollte so ausgerichtet sein, dass es genug Situationen gibt, die Ruhe zum Ausfühlen zu finden, die nötig ist. Wenn man die Möglichkeit hat, sollten auch zu schwierige Gefühle verhindert werden, die dann nicht mehr ausgefühlt werden können. Man braucht sich nicht allem auszusetzen, dann ist man sehr viel mit Aufräumen beschäftigt. Wenn man beispielsweise eine Arbeit mit blöden Kollegen hat und dann noch etwas tut, das man moralisch nicht vertreten kann, baut man mehr auf, als man bewältigen oder abbauen kann. Eine Anpassung ist dann sicher sinnvoll.
Oft reicht es aber, das Gefühl zuzulassen, anstatt sich in Ablenkungen zu flüchten. Damit ist schon sehr viel gewonnen.
Grundsätzlich ist es aber gar nicht möglich, schwierige Gefühle total zu verhindern, deshalb sollte man eine Möglichkeit finden, mit ihnen umzugehen. Wenn man die hat, gibt es in dem Maße ja gar keine Situationen mehr, die Gefühlsmäßig unbewältigbar sind.
lass Dich ganz vom Gefühl erfassen, so dass nur noch Gefühl und kein Ich mehr da ist: das ist weniger anfällig, mental zu werden, als die Frage, ob sich in direkter Erfahrung ein Ich findet.
Ja, definitiv. Das hilft mir sehr weiter. Das ist auch ein bisschen das Problem, dass ich als Erstes in diesem Beitrag angesprochen habe.
Liegt eine geringe Toleranzschwelle für Gefühlsintensität vor (z. B. durch Traumatisierung schon überreiztes Nervensystem), dann kann das Entlarven des Ich als illusorisch mittels direct pointing diese Toleranzschwelle anheben (da es niemand Wirklichen mehr zu verteidigen gibt)
Daran haben wir schon sehr viel erfolgreich gearbeitet. Ich erlebe immer wieder Situation, wo ich verwundert bemerke, dass es in Situationen, in denen ich früher sehr viele Kämpfe ausgetragen habe, gar nichts zu verteidigen gibt. Das ist sehr erleichternd.
Bleib also einfach am Ausfühlen dran und lass Dir dabei ganz von selbst den illusionären Charakter des Ich bestätigen.
Klingt für mich so, als ob es klappen könnte :).
Dieser Ansatz mit dem Ausfühlen entspannt mich und gibt mir das Gefühl, wirklich viel von dem zu erleichtern, an dem wir uns in den letzten Wochen ein bisschen die Zähne ausgebissen haben.