Was meinst Du damit, dass bei "Dir" mehr dahinter steckt? Ist das wieder die Idee, Präsenz zu sein? Welche real erfahrbaren Eigenschaften hat sie?
Es ist ein Gefühl, dass da mehr ist, bzw. sein müsste. Seitdem wir kommunizieren ist es schon viel viel kleiner geworden. Es ist sehr abstrakt und geht in die Richtung, dass da ein Gefühl ist, das Recht auf Existenz zu haben und das Gefühl, dass mein Sein einen höheren Sinn hat. Auch die Vorstellung, dass ich seit meiner Geburt existiere und bis zu meine Tod existieren werde, gehört dazu. Ich befürchte, das sind aber nur ein paar der unbewussten Vorstellungen.
Wenn ich mir anschaue, was davon real erfahrbar ist, kommt erstmal der Gedanke, dass ich ja noch immer da bin. Das bezieht sich auf die Erwartung, dass ich irgendwann sterben werde, bisher aber noch nicht gestorben bin. Es ist unbestreitbar, dass sich diese Vorstellungen auf Gedanken und innere Bilder bezieht. Ich habe lange gedacht, dass ich, wenn ich genau in mich hineinhöre, irgendwelche feinstofflichen Geheimnisse über mich herausfinden kann, z.B., wie alt ich werde, oder was meine wirklich wahre Bestimmung ist. Das ist auch immer noch in mir und spielt seine Streiche mit mir. Ui, ich lasse mich ganz schön leicht von den real erfahrbaren Eigenschaften ablenken...
Ich versuche nochmal meinen Fokus darauf zu lenken. Ich frage mich, ob das wirklich sein kann, dass das wirklich alles nur Einbildung ist und schon immer war. In der wirklichen Erfahrung ist davon wirklich nichts. Nicht einmal ein Ich... Gleich überlege ich wieder, welche Sinneseindrücke die wirkliche Erfahrung ohne Ich sind. Allein die Sortierung in Sehen, Fühlen, Hören ist eine gedankliche Einordnung. Dabei ist es doch bekannt, was wirklich wahr ist, abseits der Gedanken. Es wird nur vom Schleier so stark verdeckt. Ok, gut, die Annahme, immer gleich in die Gedanken springen zu müssen, ist gerade etwas weniger geworden.Ganz kurz wirkt es gar nicht mehr so langweilig, was wohl hinter dem Schleier ist, sondern unheimlich schön.
Ist der Ich-Gedanke wirklich unabhängig von irgendwelchen anderen Gedanken, wenn Du scheinbar selbst einer Legofigur ein Wesen einhauchen kannst? Machst Du es mit Deiner Körpererscheinung nicht genau so?
Das ist schwierig zu sagen. Als ich das geschrieben habe, habe ich das so wahrgenommen. Nun ist der Ich-Gedanke überhaupt nicht mehr unabhängig, sondern springt die ganze Zeit herum von Idee zu Idee. Und ja, da ist das Ich auch nicht unabhängig von der Körpererscheinung.
Ich prüfe mal, ob ich dieser Körpererscheinung das Leben einhauche. Es tauchen Gedanken auf, die Sachen in dem Körper verorten, z.B. irgendwelche Organe. Ich sehe, die Finger können sich ohne meine Gedanken bewegen, der Körper lebt also unabhängig von meinen Gedanken. Hmm, die Gedanken sind in meinem Kopf, aber ich sehe meinen Kopf ja gar nicht. Sie gehen auch über die räumliche Grenze des Kopfes hinaus. Sie fühlen sich lebendig an, haben aber auch nichts mit dem Kopf zu tun. Der Körper lebt ziemlich unabhängig von mir, er hat die Position ohne mein Zutun gewechselt. Es ist eher so, als ob der Körper mir Leben einhaucht. Wenn der Körper sich bewegt, habe ich etwas zu tun, also mir Gedanken darüber zu machen. Nein, momentan ist der Ich-Gedanke überhaupt nicht unabhängig von den Gedanken, sondern er ist die Gedanken.
War ich das vorhin, der saugte? Es erscheint mir jetzt eher so, dass da die Erscheinung von dem allen war. Ein Wohnzimmer, mehrere Menschen, ein Körper in der Mitte der Erfahrung, der saugte, und Gedanken dazu. Das ist das Bild der Erinnerung.
Das sind klare Hinweise auf mangelnde Selbstliebe, dass Du unverstellt nicht liebenswürdig wärest und Dich deshalb ständig anstrengen musst, eine scheinbar liebenswerte Fassade zu pflegen und an Bedürfnissen anderer auszurichten und Dich selbst von außen ständig zu bewerten und korrigieren, als einfach von innen heraus zu leben. Glaubst Du, dass die Fassade wirklich durchträgt, andere überzeugend täuschen kann, oder bekommen die die Unstimmigkeiten nicht doch irgendwie subtil mit. Und möchtest Du die Freundschaft von Menschen, die Dich nur verstellt mögen? Wo ist Deine Schmerzgrenz, ab der Du Dich für andere nicht mehr zu verbiegen bereit bist? Und wie sind Deine ersten Erfahrungen mit Deiner Öffnung während unseres gemeinsamen Prozesses hier - sind Deine Veränderungen nach außen mit sozialen Nachteilen einhergegangen? Ist Dir der Kontakt zu anderen wichtiger als der Kontakt zu Dir selbst und kannst Du überhaupt ohne Kontakt zu Dir selbst in tiefen Kontakt zu anderen kommen?
Ja, das ist gut beschrieben mit der mangelnden Selbstliebe. Dass die Fassade nicht durchträgt, habe ich schon oft mitbekommen. Es war immer ein Thema, dass andere Menschen, Erwartungen an mich trugen, wie ich sein sollte und das beschäftigte mich immer sehr. Das verstärkte aber immer noch den Wunsch, die Fassade zu stärken, damit ich mich nicht mehr so damit beschäftigen müsste. Dabei versuchte ich ja auch mich zu täuschen, dass ich eigentlich den Erwartungen anderer Menschen entspreche. Ich bin nie auf die Idee gekommen, die Freundschaft von Menschen, die mich nur verstellt mögen, nicht zu möchten, weil ich Angst hatte, sonst gar keine Freunde zu haben. Interessant, so ist mir das nie aufgefallen. Ich würde sagen, dass ich froh wäre, wenn ich mir das aussuchen könnte, ob ich mich verstellen muss, oder nicht. Es ist schon weniger geworden. Vor vielen Jahren habe ich begonnen, mich weniger zu verbiegen, weil die Schmerzgrenze erreicht war. Das hat mein Leben sehr verändert. Dennoch habe ich weiterhin das Gefühl, nicht ich selbst sein zu dürfen. Es ist auch einsamer geworden, ich habe weniger Kontakte, weil ich zu oft das Gefühl hatte, mich verbiegen zu müssen. Dennoch, die Menschen, bei denen ich mich verbiegen musste, vermisse ich nicht. Ja stimmt, es ist ein starker Antrieb für mich, mein Leben so einzurichten, dass ich mich weniger verbiegen muss.
Die Erfahrung mit unserem Prozess hat da sehr vieles einfacher gemacht. Ich kann auch mehr verzeihen, bin dann weniger wütend. Soziale Nachteile habe ich da nicht bekommen. Enttäuschungen werden bewusster erlebt, weil der Verstand mir weniger vorgaukelt, dass ich doch geliebt werde, aber sie verpuffen auch schneller.
Ja stimmt, bisher war mir der Kontakt zu anderen wichtiger als der zu mir selbst. Auch wenn ich immer behauptet hätte, dass es andersrum wäre, war mir die Außenwirkung immer sehr wichtig und unbewusst ordnete ich mich dem unter. Dabei fehlt mir der Kontakt zu mir total. Wahrscheinlich halte ich auch deshalb so sehr an dem Ich fest, weil ich denke, wenn ich mich nach außen wende, bricht der Kontakt zu mir selbst ab.
Diese Fragen setzen noch auf der Ich-Idee auf, um die eigentliche Frage vorzubereiten, ob mit dem Durchschauen der Ich-Illusion etwas lebenswichtiges verloren gehen kann oder stattdessen sogar etwas lebenswichtiges aufblühen kann? Ist die Ich-Illusion ein sinnloser Energieverbraucher oder eine Bereicherung?
Da kommt die Angst auf, dass ich, wenn ich merke dass ich eine Illusion bin, genau diesen Kontakt zu mir selbst abbricht. Es ist sowas wie der letzte Strohalm. Wenn das mit dem Verbiegen nicht klappt, dann sollte es doch wenigstens ohne Verbiegen klappen, wenn ich das bin, was ich wirklich bin. Hmmm, komisch. Da ist wirklich die Vorstellung, dass ich da was machen muss, um den Kontakt zu mir zu finden. Aber da ist auch der Gedanke, dass ich doch so bin, wie ich bin, ohne irgendwas dafür machen zu müssen. Beide Vorstellungen konkurrieren gerade sehr stark miteinander. Da ist wohl die Erwartung, dass mit dem Durchschauen der Ich-Illusion mehr wegfällt als das wirklich der Fall ist. Die Ich-Illusion ist ein sehr großer Energieverbraucher, der mir allerdings nicht immer sinnlos vorkommt. Ah OK, da fällt mir auf, dass ja nur die Illusion wegfällt. Mein wahres Ich kann ja gar nicht wegfallen. Ich frage mich, wie ich den Kontakt zu mir selbst finden kann, wenn es das Ich gar nicht gibt. Das macht mir momentan etwas Angst. Das mit dem Aufblühen geht mir durch den Kopf. Das ganze Leben kann dann aufblühen. Ich brauche gar kein Selbst, weil das ganze Leben alles erledigt. Dann bräuchte ich mich auch nicht mehr zu verstellen. Aber da Angst ist immer noch da. Ich hatte gerade Gefallen daran gefunden, den Kontakt zu mir selbst zu finden, aber nach dem Durchschauen der Ich-Illusion wäre das ja nicht da. Ich glaube, das trifft es ganz gut, wo ich schon seit längerem hänge.
Wie kann die Körpererscheinung der Denker sein? Kann Sehen denken? Kann spüren denken?
Alles nicht möglich.