Vielen Dank für deine so offene Antwort. Mit Pernille’s Material zur 2.Fessel (second fetter) bist du genau an der richtigen Stelle, wenn es um die Arbeit mit Emotionen geht. Andere nennen dies auch „shadow work“ - Schattenarbeit. Du kannst sicher gut nachvollziehen, warum.
Es ist ein natürlicher Prozess, dass nach dem Durchschauen der Ich-Illusion Emotionen an die Oberfläche kommen können, die vorher stärker verdrängt wurden. Es ist die nächste Schicht, die nun angeschaut werden kann. Pernille nennt die erste Fessel ja treffenderweise oft „Identifikation mit Gedanken“ und die zweite „Identifikation mit Emotionen“.
Pernille und Todd haben übrigens eine sehr aktive und hilfreiche Online-Community auf „Discord“. Sag mir Bescheid, wenn du Interesse hast, dort einzutreten, dann schicke ich dir mehr Information.
Du fragst:
Reicht es denn tatsächlich aus, sich in diesen Situationen auf die Empfindungen im Körper zu konzentrieren? Ist es nicht erforderlich zu erfahren, wann und in welcher Situation dieses Gefühl von Wut, Zweifel, Angst….entstanden ist?
Ich würde nicht pauschal behaupten, dass es in einzelnen Fällen nicht auch hilfreich sein kann, z.B. in einem therapeutischen Prozess vergangene Ereignisse zu analysieren und aufzuarbeiten. In meiner eigenen Erfahrung bestätigt sich jedoch immer wieder, was ich von Pernille und anderen gelernt habe: dass es nicht nötig ist, zu wissen, wo das, was im Alltag immer wieder getriggert wird, ursprünglich „herkam“.
Mir springt vielmehr dieses hier ins Auge:
Um dieses endgültig auflösen zu können.
Auf mich wirkt das, als wäre da ein Wunsch, dass diese Emotionen möglichst bald verschwinden mögen. Als würdest du im Moment versuchen, das Fühlen der Emotionen als eine Methode zu ihrer Beseitigung anzuwenden. Als wäre da ein Widerstand gegen das, was gerade ist…
Stell dir einmal vor, ein völlig aufgelöstes und verzweifeltes Kind käme zu dir gelaufen und wollte deine Aufmerksamkeit.
Nun stell dir vor, du würdest es ignorieren oder wegschicken.
Das ist, wie wir oft mit Emotionen umgehen, bevor wir uns auf diesen Weg begeben.
Als nächstes stell dir vor, du würdest es vertrösten, damit es schnell aufhört zu weinen und nicht mehr stört.
Könnte es sein, dass du gerade versuchst, dies mit den aufkommenden Emotionen zu tun?
Und nun stell dir vor, du würdest es in den Arm nehmen, es Geborgenheit und Sicherheit fühlen lassen, und es so lange in deinen Armen weinen lassen, bis es sich vollkommen beruhigt hat - ohne darauf zu achten, wie lange das dauert, und mit der Haltung, dass es sogar in Ordnung wäre, wenn es Stunden bräuchte.
Kannst du die aufkommenden Emotionen und Empfindungen auf dieselbe Weise genauso bedingungslos annehmen?
Kannst du ihnen Erlaubnis geben, für immer zu bleiben?
Das ist es, was sie zu brauchen scheinen.
Und wenn ja…
Ist es für dieses bedingungslose Annehmen nötig, die Entstehungsgeschichte der Emotion zu kennen?
Beim Lesen deiner Nachricht sind hier noch ein paar weitere Anregungen zum Hinschauen aufgekommen:
Immer wieder falle ich im Alltag in ein Wirrwarr aus Gedanken- so schade, eigentlich weiß ich es ja besser.
Kann das Wirrwarr aus Gedanken genauso angenommen werden?
Und… wer ist da eigentlich, der es besser weiß? Ist da jemand, der scheitert? Oder entsteht ein Wirrwarr aus Gedanken, dann das Gewahrwerden, dass dies der Fall war, und dann ein weiterer Gedanke „Das sollte doch langsam mal anders laufen!“?
Insgesamt fühle ich oft eine starke Unruhe und Verzweiflung.
Woraus setzt sich die Verzweiflung zusammen? Aus welchen Empfindungen und welchen Gedanken?
Wenn du möchtest, können wir mit den Fragen arbeiten wie bisher im Dialog, indem du sie einzeln beantwortest. Oder du nimmst sie einfach als Anregungen zum Schauen im Alltag und berichtest mir von deinen Erfahrungen, wann immer es stimmig für dich ist. Oder beides :) Ich bin hier.
Auffällig empfinde ich mein Hinterfragen einiger Wörter. Immer öfters hinterfrage ich deren Bedeutung. Gehört das zu diesem Prozess dazu?
Ich kann nicht sagen, ob es bei jedem mit zum Prozess gehört, aber es überrascht mich überhaupt nicht, dass das jetzt geschieht: Wörter sind Etiketten für Erfahrungen und Ideen. Und je genauer wir auf die direkte Erfahrung schauen, desto häufiger kann die Frage aufkommen, ob die Etiketten eigentlich wirklich passen. Aus Neugier, falls du erzählen magst: Welche Wörter sind es denn zum Beispiel, die du hinterfragst?
Alles Liebe und viel Mitgefühl 🤍🌱