Hallo Mina,
jetzt hat es wieder lange gedauert... Ich hab auch die ganze Zeit an dieser Antwort geschrieben.
5. Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus deiner direkten Erfahrung.
Mir scheint, dass diese fünf "Begriffe", "Ideen" oder "Prinzipien" in dem, was sie für uns Menschen als Gesellschaft und individuell bedeuten, zumindest teilweise von illusionärem Charakter sind. Das liegt vermutlich daran, dass sie eng mit der Vorstellung von "ich", bzw. "wir" vebunden sind. Diese fünf hängen (auch dadurch) eng miteinander zusammen. Man kann das eine nicht sinnvoll betrachten, ohne dass andere wesentlich mit hineinspielen.
Ein Versuch sie einzeln und vielleicht in ihrer Verbindung zu beschreiben:
Entscheidung
Bei der Übung aus dem Dialog "Entscheidung zwischen zwei Getränken" hat sich gezeigt dass nicht klar erkennbar war, wodurch und an welchem Punkt die "Entscheidung" für ein Getränk fiel oder getroffen wurde. Von wem denn? Sie ergab sich situativ irgendwie von selbst aus der genauen Betrachtung des Für und Wieder.
Bei der Entscheidung wie ich meine Altersvorsorge planen, bzw. absichern und anpassen möchte erscheint das konfliktreicher oder schwieriger. Da "ich die Absicht habe" mit meinen bescheidenen Möglichkeiten nur noch in nachhaltige, grüne Projekte zu investieren, muss ich wohl meine langjährige Einzahlung in einen klassischen Industriefond ändern und jetzt zur Verfügung stehendes Geld anders anlegen. "Habe ich" dabei einen freien Willen, die Wahl oder ist das überhaupt eine Entscheidung?
Nur theoretisch, gedacht. Es muss quasi einfach getan werden weil es sich richtig und wichtig anfühlt.
Verantwortung gibt es dabei sehr wohl - für "mich" und die Hoffnung, auch im Alter wohnen und Essen/Kleidung kaufen zu können (möglicherweise eher eine Beruhigung von Ängsten als wirkliche Sicherheit) - und für "meinen"/einen Beitrag, die Welt etwas sauberer und gesünder zu machen.
Absicht
Wodurch ensteht diese "meine" Absicht, "mein" Leben so gut wie machbar umweltverträglich, ressourcenschonend, in Verbindung und im Einklang mit der Natur und den Mitmenschen zu führen? Es ist (mir) einfach völlig unmöglich und unerträglich, angesichts der eingefahrenen Gewohnheiten unserer blind und rücksichtslos konsum- und wachstumsorientierten Gesellschaften nicht die unbegingte Notwendigkeit einer solchen "guten Absicht" zu sehen und zu fühlen - und auch mich bestens um Realisierung zu bemühen!
Verantwortung darin? Ein bisschen für "mich" und "mein gutes Gewissen". Das wohl nicht mehr als mein möglicher Beitrag eigentlich nutzlos gering ist im Vergleich zur Wucht unserer kollektiven Zerstörung und "ich mein" Leiden an der Misere damit auch kaum lindern kann. Vor allen Dingen doch aber weil einfach getan werden muss was geht!
Im übertragbaren Sinne: sollen Kinder heutzutage weiterhin täglich geschlagen werden nur weil man es schon immer so gemacht hat und die meisten anderen es auch noch gewohnheitsmäßig tun? Es geht um Verständnis, Liebe, Mitgefühl. Darum ein wacher und eben verantwortungsvoller Teil des Ganzen zu sein.
Es sieht so aus, als ob "Absicht" unter diesen fünf am ehesten nicht nur ein gedankliches Konstrukt und damit illusionär ist, sondern substanzielle Ausrichtung von Lebenskraft und -energie bedeuten/bewirken kann, die sehr real ist und Realität schafft. Aber das obige Beispiel zeigt: "ich" kann und muss mir hier meine Absicht eigentlich nicht aussuchen, das Leben bringt das einfach mit sich.
Freier Wille
Der ist wie es aussieht genauso wie die Vorstellung vom "Ich" einfach nur eine Illusion. Wer soll denn einen freien Willen "haben und benutzen" und wo soll er sein? An diesen Fragen wird sichtbar - ohne den festgehaltenen und geglaubten Gedanken vom "Ich" macht die Idee vom "freien Willen" keinen Sinn. Ausgedacht... keine Realität.
Wahl
Die Idee der Wahl gehört auch zur Vorstellung des freien Willens.
Stehe "ich" frei vor der Wahl, heute Nudeln oder Reis zum Gemüse zu kochen? So kann ich das sehen/denken und mir dabei so wichtig, unabhängig, selbstbewusst und mein Leben bestimmend vorkommen wie bei der gravierenderen Frage/Entscheidung ob ich meine Freundin bitten soll, mich zu heiraten. Aber in beiden Fällen geschieht letztlich das, was aus vielen sich gegenseitig bedingenden Einflüssen entsteht und sich schon längst anbahnte, das worauf "es hinausläuft". Nach meiner Erfahrung ist die Vorstellung von "ich muss eine Entscheidung treffen und wählen" eher hinderlich um in so einem Prozess klar zu sein, "sich nicht im Weg" zu sein.
Kontrolle
Wenn ich ein anspruchsvolles, technisch schwieriges Stück auf dem Klavier spiele - wie geschieht die "Kontrolle" und Koordination all der komplexen physiologischen, emotionalen und gedanklichen Vorgänge, die dabei gleichzeitig miteinander ablaufen? "Wer" macht das?
Wenn es gut und ungestört läuft ist die Erfahrung die, dass "es sich von selbst" reguliert. Das fühlt sich berauschend lebendig an und macht glücklich; noch mehr beim Improvisieren, wenn auch die Musik selbst intuitiv im Moment entsteht. Es geschieht einfach, niemand "tut" es. Kein Kontrolleur, obwohl Kontrolle offensichtlich stattfindet und mit dem Ganzen wahrgenommen wird.
...Ist leider nicht immer im gleichen Maße so ;-)
Denn wenn "ich" hingegen versuche, das Geschehen zu kontrollieren, Fehler zu vermeiden, es besonders gut zu machen, mir dabei große Mühe gebe und mir "meiner selbst" und dieses Wollens ganz bewusst bin - dann bin "ich" gehemmt, verspanne mich körperlich und in Überkonzentration, mache Fehler, verliere Lust und Freude, habe Angst.... das Ganze geht dann voll an der Musik vorbei und ist sehr frustrierend.
Kann kontrolliert werden, dass "Ich" mit "meinen" Absichten dem freien Spiel nicht im Weg bin?
Oder einfacher und treffender gesagt - dass nicht zu viel dabei gedacht wird? Na ja, geht eigentlich nicht... wozu auch?
Es passiert halt und ist immer wie es ist: mal läuft's besser, mal schlechter. Wie immer im Leben gibt es weder Sicherheit noch Perfektion - auch die sind nur Gedanken.
Nach dieser Betrachtung scheint es, dass Entscheidung, Absicht, Freier Wille, Wahl und Kontrolle als Vorstellungen (mehr sind sie offensichtlich nicht!) vor allem in der Beziehung und Kommunikation zwischen dem Individuum und der Gesellschaft von Bedeutung sind. Genau in dem Spannungsfeld, wo auch die Idee vom "Ich" als vielfältige Rolle im Zusammenspiel mit den Anderen sinnvoll und notwendig ist. An dem Punkt entsteht auch wahrscheinlich von früher Kindheit an und immer wieder neu der Gedanke von "Ich", "meins", "deins" usw. wie auch die Identifikation damit.
Wie schön und befreiend, bei genauem und ehrlichem Hinsehen klar erkennen zu können, dass all das "nur" Gedanken und der Glaube daran sind. Aber mitspielen und die Rollen bewusst gestalten und ausfüllen muss man schon! :)
6. Möchtest du noch etwas ergänzen?
Am schönsten und heilsamsten an unserem Dialog und dem damit verbundenen Prozess empfinde ich die Erfahrung, das Denken und seine Inhalte jetzt wirklich nicht mehr so wichtig zu nehmen. Das Leben ist einfach da und geschieht in jedem Moment von selbst, auf allen Ebenen... Es ist wundervoll und ganz lapidar gleichzeitig :)
Herzliche Grüße, Mina
von Roman