Morgenstund hat Gold im Mund.

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Barbarossa
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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby Barbarossa » Fri May 28, 2021 2:16 pm

Dann gibt es eben keine Entscheidung, sich zu kratzen oder etwas zu Essen zu organisieren. Es geschieht einfach. Ist natürlich der Hammer für ein Ich, das „glaubt“ alles „im Griff“ zu haben.
Das klingt etwas unsicher, fast wie eine Frage.?

Was bedeutet das für den freien Willen?

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby wer » Sat May 29, 2021 11:34 pm

Am 24.05. schrieb ich: „Verantwortlich bin ich für jede Entscheidung, so oder so zu handeln, beispielsweise, bei LU mitzumachen. Mit jeder Handlung verbindet sich eine Absicht, also eine Richtung, in der gehandelt werden möchte … und sei es, diesem Ich-Gefühl auf den Grund zu gehen. Dem freien Willen gegenüber bin ich misstrauisch geworden: Wie frei ist Mensch, wenn sie oder er im Ich-Gefühl gefangen ist, dieses als die Grundlage allen Seins annimmt? Selbst mit dieser großartigen Erkenntnis ist jenes Ich-Gefühl so eingewöhnt, dass ich es noch oft durchschauen muss, bis ich ihm nie wieder zu Liebe so oder so handele.“
Unsicher bin ich noch ordentlich auf ichlosen Beinen …
So, jetzt noch weiter zurück:
Da ist die Erkenntnis, dass Gedanken etwas sehr sprunghaft, assoziatives haben. Auf sie ist kein Verlass. Wenn freier Wille ausschließlich auf Gedanken beruht, muss er also in „zufälliger Wille“ umbenannt werden. Dennoch gibt es Entscheidungen: Möglichst keinem Menschen Gewalt anzutun, Kinder in die Welt zu setzen und sie möglichst gut in diese Welt hineinzuführen. Nicht zu lügen. Meiner Wahrnehmung von der Welt möglichst weit auf den Grund zu gehen … es gibt also Entscheidungen. Wenn ich aber keine Entscheidungsmöglichkeit sehe, kann ich nicht entscheiden. Dann ist jeder freie Wille hier nutzlos. Es hängt also von der Sicht …, der Perspektive auf eine Situation ab. Sind Entscheidungsmöglichkeiten sichtbar, ist mein Wille gefragt. Ich ahne, dass in sehr ichlastigen Momenten ein freier Wille deshalb nicht da ist, weil der Ich-Blick nur eine oder wenige Perspektiven eröffnet, dann also von einem freien Willen kaum gesprochen werden kann.

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby Barbarossa » Sun May 30, 2021 10:30 am

Dennoch gibt es Entscheidungen: Möglichst keinem Menschen Gewalt anzutun, Kinder in die Welt zu setzen und sie möglichst gut in diese Welt hineinzuführen. Nicht zu lügen. Meiner Wahrnehmung von der Welt möglichst weit auf den Grund zu gehen … es gibt also Entscheidungen.
Ja, es gibt Entscheidungen.
Die Frage ist aber:
Ist da ein Ich, welches diese Fällt?

Kannst du ein Ich finden, welches Entscheidungen fällt, oder nur einen Prozess der schlussendlich zu einer Entscheidung führt?

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby wer » Sun May 30, 2021 5:35 pm

Danke für das Stichwort :-) Genau das fiel mir bei den Gedanken an diverse Entscheidungen auf: Eine Entscheidung wird immer im Laufe eines Prozesses gefällt, also eines Denkprozesses, der mindestens einen Mitmenschen beteiligt. Es ist ein kommunikativer Denkprozess, in dem der Wunsch mitschwingt eine Entscheidung in Harmonie mit mir wichtigen Menschen zu fällen. Bei allen „kleinen“ (Wie kleide ich mich? Wann esse ich was?) oder „großen“ Entscheidungen (Kinder ja oder nein? Ausbildungs- und Berufswunsch?) ist dieser „soziale Aspekt“ immer vorhanden. Zu glauben, dass irgendeine Entscheidung komplett von einem „isolierten“ Ich gefällt wird, ist eine Illusion.
Also: Zu dem strömenden Wahrnehmungsprozess gehören Entscheidungssituationenen, in denen unterschiedliche Entscheidungskriterien miteinander konkurrieren („technisch-pragmatische“, soziale, eigene Vorlieben und Talente, …). Das gefühlte Ich versucht ständig eine möglichst große Schnittmenge dieser Entscheidungskriterien zu erfüllen. Geht das nicht, ist hier oder da Verzicht angesagt um auf anderem Gebiet Gewinn zu erzielen. Tragisch wird’s, wenn verschiedene Entscheidungskriterien einander widersprechen … die Literatur ist voll davon. Ein unabhängiges, aus sich selbst heraus existierendes Ich gibt es nicht.

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby Barbarossa » Sun May 30, 2021 7:33 pm

Eine Entscheidung wird immer im Laufe eines Prozesses gefällt, also eines Denkprozesses, der mindestens einen Mitmenschen beteiligt.
Was ist mit z.b. der Entscheidung jetzt auf die Toilette zu gehen - dafür wird es wohl keine Mitmenschen brauchen.
Wird diese Entscheidung von einem Ich getroffen?

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby Barbarossa » Sun May 30, 2021 8:00 pm

Und:
Wenn eine Entscheidung mit der Beteiligung eines Mitmenschens getroffen wird, ist dann da ein Ich welches auf die Bedürfnisse anderer eingeht?

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby wer » Sun May 30, 2021 11:36 pm

O.k., Klogang, der Wunsch die Uhrzeit zu wissen und einige andere Wünsche sind nicht unbedingt einem sozialen Entscheidungskriterium unterworfen. Vielleicht bin ich aber anderweitig beschäftigt, so dass ich dem Wunsch nicht sofort nachkommen kann. Dann ist da ein Abwägungsprozess denkerischer Art oder es läuft so „unbewusst“, dass ich erst mit dem Blick auf die Uhr bemerke, dass da der Wunsch gewesen sein muss … oder manchmal ist so viel los, dass erst das ruhige Sitzen auf dem Klo mir klarmacht, „ups, ich musste wohl mal.“ Damit wären wir wieder beim unbemerkten Juckreiz oder Mückenstich … Also: Ob ober- oder unterbewusst, ein Ich ist nicht nötig.
Wer geht auf die Bedürfnisse der Mitmenschen ein? Das erinnert mich an „wer wird wiedergeboren?“ Wenn ich in der Ichperspektive gefangen bin, sehe ich letztendlich nur mich im anderen und bin fürchterlich alleine … oft ohne es zu bemerken. Gebe ich „meinen“ Standpunkt (vorübergehend) auf und höre dem anderen weitestgehend zu, fühle mich ein, öffne mich, passiert etwas ganz anderes. Dies ist ja ein relativ „bekannter“ Weg der Ich-Überwindung. … Aufgeben von eigenen Standpunkten, Verändern bis dahin scheinbar fester Denk- und Handlungsmuster … Ich denke, die Frage nach dem, „wer oder was“ sich da ändert, ist falsch. Das impliziert immer ein Subjekt, was irgendwie losgelöst betrachtet wird von der sozialen Umgebung. Sobald ich aber in einem sozialen Kontext handele, bin ich immer weniger ich als im Vergleich zu einem Blick auf die Uhr.
Also 2: Aus reinem Selbsterhaltungstrieb (Überleben des Körpers) taucht im Wahrnehmungsprozess die Abstimmung mit Mitmenschen auf, dazu ist kein Ich notwendig. Im Gegenteil. Ein aus sich heraus selbständig existierendes Ich hätte es wahrscheinlich garnicht nötig in einen sozialen Kontext eingebettet zu sein …

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby Barbarossa » Mon May 31, 2021 6:24 am

Mit Ich meine ich keine Ichperspektive oder dergleichen.
Mit Ich meine ich ein festes greifbares Ich, welches entscheidet, handelt und kontrolliert.

Wenn abgewogen und entschieden wird, ist dann ein Ich (welches diese Entscheidung vornimmt) mit den Sinnesorganen wahrnehmbar?

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby wer » Mon May 31, 2021 5:24 pm

Genau so ein Ich gibt es nicht. So ein mit Hilfe der Sinnesorgane fest greifbares Ich, das entscheidet, handelt und kontrolliert ist nicht auffindbar.

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby Barbarossa » Mon May 31, 2021 6:47 pm

Gibt es eine Möglichkeit, in welcher Form auch immer, eine Entscheidung zu beeinflussen?

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby wer » Tue Jun 01, 2021 4:05 pm

Habe tagsüber möglichst oft auf „Entscheidungen“ geachtet. Der gesamte Wahrnehmungsprozess ist eine einzige Abfolge von Entscheidungen. Beginnend mit kleinen alltäglichen Schritten, wie ich wo welche Tür durchschreite, mir Essen mache, abräume, Zähne putze, …, bis zu „geplanten Tagesaufgaben“, wie ich sie durchdenke, in die Tat umsetze, usw. Bestimmte Wahrnehmungen verfolge ich nicht weiter, andere intensiviere ich. Je nach Ziel, dass es umzusetzen gilt … und diese „Ziele“ sind die beeinflussenden Faktoren. Eine zeitlang ignoriere ich Hunger oder den Klogang, weil anderes erledigt werden soll. Nach einigem „Durchsteuern“ diverser Wünsche kommen dann die Ziele „Essen“ und „auf Klo gehen“ dran. Ein Gefühl der Dringlichkeit ist jeweils der entscheidende Einfluss darauf, welche Wahrnehmung angesteuert wird. Interessant: Es fühlt sich an wie das Navigieren eines Bootes.

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby Barbarossa » Tue Jun 01, 2021 5:32 pm

Was macht eine Entscheidung zu "meine Entscheidung"?

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby wer » Tue Jun 01, 2021 8:48 pm

Es gibt ja nur diese Perspektive der Wahrnehmung, insofern „meine“.

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby Barbarossa » Tue Jun 01, 2021 8:54 pm

Navigierst du das Boot?
Wenn Entscheidungen getroffen werden, bist du es der sie trifft?

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Re: Morgenstund hat Gold im Mund.

Postby wer » Tue Jun 01, 2021 9:48 pm

Wer oder was auch immer da navigiert, tut es im Gewebe der strömenden Wahrnehmung, wobei jenes Wahrnehmen situativ immer neue und andere Anforderungen offenbart, die wiederum ein „Entscheidungszentrum“ (den Kapitän) selbst fortwährend verändern. Natürlich bin ich es … aber eben KEIN „unabhängiges Ding“ außerhalb eines Wahrnehmungsprozesses. Die „Rückkopplungen“ zwischen „Kapitän“ und „Strömung“ sind so schnell und vielfältig, dass sie sich wechselseitig verändern, sie sind eins. Auch wenn ich radfahrend eine Geräuschkulisse hinter mir höre, daraufhin nur kurz meinen Kopf wende, nach hinten schaue und dann schnell wieder den Blick nach vorne in Fahrtrichtung wende, ist dieses Ich komplett in alle Wahrnehmungskanäle eingebettet. Ich empfinde mich da nicht „herausgehoben“, wie es eventuell das Bild eines Kapitäns oben auf der Kommandobrücke suggeriert.


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