Hallo Barbarossa,
danke, dass Du jetzt mit mir kommunizieren magst. Mit meiner Antwort hat es etwas länger gedauert, einmal, weil Ostern dazwischen kam und zum anderen, weil ich Zeit brauche, meine Gedanken zu formulieren.
Vielleicht kann Liberation Unleashed mir in Bezug auf diese Themen Anregung geben, meine Realisation zu vertiefen.
Was meinst du mit "meine Realisation"?
Kannst du mir das etwas genauer schildern was du da realisiert hast?
Zum ersten bin ich überzeugt, dass "Realisierung" ein Prozess ist, der mein ganzes Leben andauern wird. Endgültiges und unumstößliches Wissen werde ich nie haben. Trotzdem gibt es eine Entwicklung, ich kann immer deutlicher erkennen, dass mein ICH ein Konstrukt ist, das in der sozialen Wechselwirkung entsteht und keine "eigene Substanz" hat. Das ICH als Konstrukt erkennen ist - glaube ich - der Kernpunkt der Spiritualität und liberationunleashed betont ja auch, dass es "bei Euch" vor allem darum geht.
Der Mensch ist ein soziales Wesen, das alleine gar nicht lebensfähig ist. (Ein fiktiver "Einzelmensch" auf der Welt hätte vermutlich auch gar kein Bewusstsein). Ich lebe dadurch, dass z.B. meine Eltern mich umsorgt haben und im Prozess der Erziehung mich belohnt oder bestraft haben dafür, dass ich bestimmte Dinge getan oder nicht getan haben. Und so habe ich die Erfahrung gemacht, dass ICH etwas tun kann, damit meine Eltern mich lieben, usw..
Ich vermute, Du wirst sagen, das weiß ich natürlich auch alles, ich möchte aber wissen, was genau Du erkannt hast und wie Du dazu gekommen bist. Und hier muss ich etwas weiter ausholen, um mein Anliegen erläutern, weshalb ich mich bei liberationunleashed angemeldet habe.
Seit etwa 20 Jahren besuche ich Satsangs und längere Retreats bei verschiedenen spirituellen Lehrern, bin in einer spirituellen Gruppe aktiv, habe viele spirituelle Bücher gelesen und meditiere regelmäßig mit meiner Frau. Diese lange Erfahrung hat mich immer sicherer gemacht, dass da etwas nicht stimmt. Ich weiß natürlich, dass alle sagen und schreiben, was Du auch Deinem Text angehängt hast:
If you use your mind to study reality, you won't understand either your mind or reality.
If you study reality without using your mind, you'll understand both.
-Bodhidharma
Dies war vor 2.500 Jahren richtig, heute aber nicht mehr. In dieser langen Zeit hat sich ein grundlegend anderes Verständnis von unserem Bewusstsein entwickelt, dass meiner Meinung nach in der "spirituellen Szene" zu wenig wahrgenommen wurde.
Unser Bewusstsein ist unmittelbar mit unserem Gehirn verbunden. Körperempfindungen, Stimmungen, Gefühle, Ahnungen, Befürchtungen, tiefe Erfahrungen, Erinnerung, Glaube, Gedanken usw., all das entsteht im Gehirn. Wir sehen nicht mit den Augen, sondern mit dem visuellen Kortex usw.. Was wir sehen, ist nicht die unmittelbare Wirklichkeit, sondern entsteht durch einen komplizierten Berechnungsprozess, all das ist gut erforscht und heute Lehrbuchweisheit.
In den letzten 30 Jahren ist das menschliche Bewusstsein und Gehirn zum Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung mit ihrem halbwegs exakten Methoden geworden. Die Forscher haben kein "ICH" gefunden und der angebliche "Freie Wille" hat sich als durch biochemische Prozesse bedingt herausgestellt. Darüber gibt es dicke Bücher, ich will und kann das hier nicht näher darstellen und bin auch kein Fachmann auf diesem Gebiet. Vielleicht weißt Du das auch alles.
Es gibt auch einige spirituelle Lehrer, die interessierten Anteil an dieser Entwicklung nehmen. Der Dalai Lama diskutiert gerne mit Hirnforschern (Z.B. mit Wolf Singer). Ein enger Mitarbeiter von ihm, Matthieu Ricard, hat mit Wolf Singer ein Buch geschrieben ("Jenseits des Selbst"). Der Dalai Lama hat gesagt, wenn die Wiedergeburt als unvereinbar mit wissenschaftlichen Ergebnissen ist, muss man diese Jahrtausend alte Tradition wohl aufgeben - ein mutiger Satz! Ich will dies hier nur anreißen, keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben.
Ich habe einen Satz gelesen: "Mit der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an". Wenn man statt "Seele" - "tiefe Erfahrungen" sagt, ist das genau das, was meine Erfahrung ist. Unsere unmittelbare Wahrnehmung ist, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Die Erkenntnis dass es sich umgekehrt verhält, ist erst 500 Jahre alt und wir lernen es in der Schule und es ist selbstverständlich für uns, es wird zu einer eigenen Überzeugung und Erfahrung. Vermittelt durch Gedanken.
Nun ist dies ein sehr einfaches Beispiel, mit unseren Gefühlen und unserem Glauben an alles mögliche ist es unendlich viel komplizierter und auch heutzutage noch rätzelhaft. Es ist jedoch schon seit Jahrtausenden so: Menschen hören Propheten zu, die ihnen immer dasselbe sagen und unter bestimmten Umständen wird es bei einigen von ihnen mit der Zeit auch ihre religiöse Überzeugung und Erfahrung. Spirituell Suchende lesen viele Bücher, hören in Retreats und Satsangs den Lehrern zu und mit der Zeit wird es auch ihre spirituelle Überzeugung und Erfahrung. Menschen werden von diktatorischen politischen Systemen mit immer denselben Lehren indoktriniert und bei einigen von ihnen wird das zu ihrer politischen Überzeugung, für die sie auch bereit sind zu sterben (Nazidiktatur, IS). Natürlich ist das ein komplizierter Prozess, der von tausenden Bedingungen abhängt, und manchmal auch ins Gegenteil umschlägt.
Es gibt auch Erfahrungen, die nicht durch Gedanken hervorgebracht werden, z.B. wenn ich Schwimmen oder Fahrrad fahren lerne (einfachste Beispiele). Auch "Lebenserfahrungen", Freude, Verliebtsein, Liebe, Glück, Niederlagen, Scham, Ekel, Schuldgefühle, Versagen, Trauer, Schmerz, wenn ein Mensch stirbt oder leidet usw. usw. prägen sich tief in uns ein, werden zu unserer ureigensten Erfahrung und können zur spirituellen Reife führen.
Der Grund, weshalb ich mich "auf den spirituellen Weg machte", waren u.a. schmerzvolle Erfahrungen in meiner ersten Ehe und der Entwicklung meiner Kinder, denen ich nicht genügend Liebe und Zuwendung in den ersten Lebensmonaten und Jahren geben konnte und die sich deshalb nicht so entwickeln konnten, wie es für sie gut gewesen wäre. Ich habe mich gequält damit zu ergründen, warum das alles so gekommen ist und warum ich so "versagt" habe und welche Schuld ich auf mich geladen habe.
Dabei habe ich doch immer versucht, mein bestes zu geben und alles "richtig" zu machen. Doch der "innere Richter" lies das nicht gelten und der quälende innere Prozess der Selbsterforschung hat mich zu spirituellen Erfahrungen geführt. Mir wurde immer klarer, dass ich unter den inneren (meine Konditionierung) und äußeren (DDR) Umständen in dem Moment nicht anders handeln konnte als ich gehandelt habe.
Die allermeisten Menschen, die ich auf spirituellen Zusammenkünften kennen gelernt habe, haben ähnliche Motivationen. Sie sind unglücklich, manchmal verzweifelt, unzufrieden mit ihrem bisherige Leben. Es geht um ganz praktische persönliche Konflikte und Erfahrungen.
Wenn ich versuche, zu erforschen, was da in meinem Bewusstsein vor sich geht, stelle ich interessante Dinge fest. Z.B. ich kann meine Gedanken nicht kontrollieren, sie machen was sie wollen. Wenn ich z.B. zähle 1,2,3,4,5,6,7,..... mit einem mal hört es auf zu zählen, und irgendwelche Gedanken tauchen auf. Ich habe das nicht willentlich gemacht!!! Wenn ich morgens im Bett liege und denke, Du müsstest aufstehen, passiert es nicht, doch plötzlich, ohne das ich etwas mache, steht mein Körper auf. Das alles ist "verrückt" und ich frage mich, ob ich mich täusche und einer Illusion aufsitze.
Als Physiker, der sein ganzes Berufsleben in der biologisch-medizinischen Forschung gearbeitet hat, war es für mich deshalb entscheidend, dass die moderne Hirnforschung ein Bild vom Menschen entwickelt, das der gesellschaftlich akzeptierten Norm total widerspricht, aber vieles mit dem gemein hat, was spirituelle Lehren seit Jahrtausenden behaupten. Der Mensch ist ein Naturwesen, das genauso wie alle anderen Bereiche der Natur von Naturgesetzen bestimmt wird, ein "ICH" findet man nicht, einen "freien Willen", der sich über die Gesetzmäßigkeiten unseres Universums hinweg setzt, gibt es nicht. Wir haben uns in der Evolution aus unseren äffischen Vorfahren entwickelt und sehr viele Eigenschaften mit ihnen gemeinsam.
Für mich bedeutet Realisation beides: unmittelbare Lebenserfahrung
und Erkenntnisse der Wissenschaft, die von Hunderttausenden von Menschen im Laufe der Jahrhunderte mit objektiven Methoden in mühseliger Kleinarbeit herausgefunden wurden. Für mich ist es wichtig, den "Berg von beiden Seiten anzubohren",
Ich weiß nicht, ob Du verstehst, was ich meine. Vielleicht wirst Du sagen: ich habe Dich doch nur gefragt, was Du realisiert hast, und Du schreibst einen Roman! Meine Antwort: nur wenn ich einigermaßen sicher bin, dass das, was ich erkenne und erfahre, auf einem soliden Fundament aufgebaut ist, lohnt es sich überhaupt darüber zu reden. Sonst kann ich gleich aus einem Märchenbuch vorlesen.
Ich will nochmal kurz zusammen fassen, was ich meine, in Ansätzen realisiert zu haben:
1) mein ICH ist ein Konstrukt, das in der sozialen Interaktion entsteht
2) die naive Vorstellung über einen angeblichen freien Willen ist eine Illusion
3) Nondualität: es gibt nur eine "Substanz", keine Trennung zwischen Körper und Geist, Bewusstsein und Materie oder wie man das auch immer nennen mag (Worte sind nur Wegweiser)
4) es gibt kein absolut sicheres Wissen, Realisieren ist ein Prozess, der niemals endet
5) wir leben in einem Universum, das Naturgesetzen unterliegt, die wir letztlich noch nicht verstanden haben; ob unser Verstand in der Lage ist, sie jemals umfassend zu begreifen, weiß ich nicht (für die Evolution war es nur wichtig, dass die Menschheit überlebt)
6) wenn ich mich mit diesen Naturgesetzen in Einklang erlebe, kann ich mein Leben als sinnvoll erfahren
Hiermit will ich erst mal enden. Ich hoffe, Du verzeihst mir, dass meine Antwort so lang geworden ist.
Liebe Grüße
Wolfgang