Hallo Verandanda,
war ne arbeitsreiche Woche... hier nun die Antworten.
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Es gab nie ein eigenständiges Ich, es gibt jetzt keins und es wird nie eins geben.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Ich-Gedanken und Ich-Gefühle sind Etiketten und Zuschreibungen, die im Laufe des Lebens durch Wiederholung und Konventionen als Realität erscheinen und an die geglaubt wird. Wenn genau hingesehen wird, gibt es sinnliche Wahrnehmungen, wie Riechen, Schmecken, Sehen, Fühlen und es gibt Gedanken. Aber es gibt keinen der das tut, kontrolliert oder beeinflussen kann. Ich-Gedanken schaffen immer Jemanden auf der einen Seite, dem etwas passiert, der leidet, der glücklich ist und die Welt da draußen, die mal feindlich ist, mal freundlich, aber immer getrennt von einem angenommen Ich. Und daran wird geglaubt.
Ich Gedanken erscheinen "mir" nach wie vor, aber wenn ich genau hinschaue, sind es eben nur Gedanken, wie andere auch. Sie sind ihrem Wesen nach nicht verschieden von anderen Gedanken.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Erleichterung, da wird nichts hinzugefügt, es fällt eher etwas ab. Diese ganzen meins und ichs, mein Leben, mein Weg, was mache Ich falsch, was richtig usw. - Gedanken, sonst nichts ;-)
Manchmal wird der Fluss an Gedanken unterbrochen, dann wird nur geschaut. Nichts ist dann je passiert, Leben lebt sich so wie es erscheint, nichts ist zuviel oder zuwenig. Es ist wirklich unbeschreiblich, dass dieser Friede an nichts gebunden ist, keine Voraussetzungen kennt und selbst wenn er nicht "gesehen" oder "gespürt" wird nicht nicht sein kann.
Genauso wie ich keine Wahl habe, wie ich erscheine, so ist das bei anderen genauso. Da mag Ärger aufkommen, Diskussionen oder gar Streit. Aber es wird gesehen, dass da niemand ist, der das tut oder verantwortlich ist und nach kurzer Intensität ist es meist wieder weg. Wie ein kurzes Sommergewitter ;-)
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Ich glaube, es waren viele kleine Schubse ;-), einen genauen Punkt kann ich nicht ausmachen. Die direkte Kommunikation mit einem Coach (danke Verananda) und der mal sanfte, mal nachdrückliche Verweis "Schau hin" ist sicher ein heftiger Schubs gewesen. Gedanken erzählen immer Geschichten, daran ist auch nichts falsch. Aber Gedanken geben vor, dass da jemand ist, der etwas erreichen kann, der etwas falsch und richtig machen kann. Und so ist es kein Wunder, dass zahllose Bücher gelesen, Satsangs angeschaut und immer wieder "neue" Wege versucht wurden. Bloß nicht hinschauen, die "Erlösung" ist da draußen. Sie muss erreicht werden. An den Büchern und Satsangs ist nichts falsch, genau genommen hatte "ich" gar keine Wahl, das war eben der scheinbare Weg. Der Schubs hier ist so einfach wie effektiv: SCHAU HIN.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle setzen immer zwei voraus, Jemanden der eine Entscheidung fällt, der die freie Wahl hat und Gedanken oder Gefühle kontrollieren kann. Den gibt es nicht. Wenn man genau hinsieht, ist dies alles schon passiert, die Gedanken dazu kommen immer danach. Wie bei den Ich-Gedanken auch, erscheint es durch Konvention und Wiederholung völlig normal zu sein, dass da jemand Entscheidungen trifft, Absichten, Wahl und Kontrolle hat. Dieser Jemand kann jedoch nicht gefunden werden, letztlich sind es auch wieder alles nur Gedanken, an die geglaubt wird.
Dass alles bedeutet nicht, dass es keine Verantwortung gibt, dass keine Entscheidungen gefällt werden und dass keine Kontrolle vorhanden ist. Der entscheidende Punkt ist, dass da niemand ist, der das macht, entscheidet oder hat. Wenn ich über die Straße laufe, dann schaue ich nach rechts oder links. Das passiert, da sitzt kein Männchen namens Christian hinter den Augen, der das kontrolliert.
Es gibt ja neben den vielen kleinen Entscheidungen manchmal welche, denen sorgfältige argumentative Abwägung vorausgeht und man am Ende der Überzeugung ist, ein Ich hätte diese Entscheidung "ganz bewusst" gefällt. Auch hier, wenn man hinsieht, gibt es einfach niemanden. Es tauchen Gedanken auf für das Für und Wider, es gibt Stimmungen und Gefühle, die ausschlaggebend sein können, vielleicht spielt auch das Wetter eine Rolle oder die Mondphase, was auch immer, aber eins ist sicher, keiner ist da der das kontrolliert oder entscheidet. Es passiert einfach.
6. tja, Verananda, an dieser Stelle könnte ich von Gedanken berichten, die das alles in Zweifel ziehen, die versuchen zu verunsichern, die einen Weg suchen, das Leben und den Frieden zu vereinnahmen. Aber wen kümmert es? Und wer weiß darauf eine Antwort und wer soll mit einer Antwort etwas anfangen? Es sind immer wieder nur Gedanken, die halt da sind und wieder gehen. Wenn ich hinschaue, ist da nichts weiter. Die Suche ist das Gesuchte. Und das ist schön.
Viele Grüße