Es ist nicht im Geringsten nervig, auf Deine Fragen zu antworten, eher frage ich mich immer, wie Du es aushältst, bei allen "Klienten" dieselbe Beharrlichkeit an den Tag zu legen mit immer wieder genauem Nachhaken. Deine Fragen berühren die kritischen Punkte und das ist gut so. Wie soll es sonst gehen? Ich will oder besser gesagt, muss ja nun mal endlich "der Sache" auf den Grund gehen, was ich seit Teenagertagen bereits wusste, dass es das ist. Aber nach so langer Zeit und Erfahrungen mit meinem Leben, ist klar: Es taugt alles nichts, wenn man nicht weiß, wer man eigentlich ist. Immer wieder vor die gleichen Wände zu rennen, man könnte Mitleid mit den Wänden haben. Es ist ein unwürdiges Spektakel, was da in der Dunkelkammer des Lebens abläuft. Gut, aber schreiben und reden darüber und machen sind völlig verschiedene Dinge. Wie gesagt, der Tod hat mir zu denken gegeben, mich so sehr erschüttert und tut es noch immer jede Sekunde, ich kann und will es nicht mehr vergessen.
Wenn vollkommene Akzeptanz für die Schmerzen bestehen würde, gäbe es dann "etwas" außerhalb des Schmerzes?
Nein, vielleicht kann man das Verschmelzung mit dem Schmerz nennen, dann liebt man sogar den Schmerz, es gibt nichts zu fürchten, keine Angst mehr vor Leiden. Nur Aufgehoben-Sein und Dein-Wille-geschehe.
Gibt es etwas außerhalb Deines künstlerischen Agierens?
Nein, gibt nichts außerhalb des Prozesses in der Arbeit, totaler Fokus darauf, keine Ablenkung, es ist das Wichtigste überhaupt, muss unbedingt gemacht werden. Voll Überraschungen und Leben.
Wann taucht etwas außerhalb der Schmerzen oder außerhalb des künstlerischen Agierens auf?
Bezüglich künstlerischer Arbeit fällt mir die Antwort leicht: Sobald der schöpferische Prozess zu Ende ist oder unterbrochen wird, reißt der Kontakt ab und das Gehirn, also totes Wissen, tausendmal durchgekaute Kriterien/Vergleiche/Meinungen/ spulen sich ab -und das "Leid" beginnt: Ist das gut genug, reicht das schon, gibt es das schon, wie kann das noch besser werden, hoffentlich klappt das weiter so gut, hoffentlich krieg ich das weiter so gut zu Ende, usw. Also Herausfallen aus dem einfachen Tun, wo es um nichts Besonderes geht, was eigentlich nur SPIEL und vor Allem frei von Zwängen ist. Es geht erst Mal um gar nichts, weil, wenn ich anfange, ist ja auch noch gar nichts da. Also, ich kann ja nix kaputt machen oder schlechter. Die Schwierigkeit ist, etwas Angefangenes, was einem schon recht interessant erscheint, nach einer Unterbrechung weiter zu machen ohne Angst. Wenn der Faden in völliger Frische, Unabhängigkeit und Angstlosigkeit nicht wieder aufgenommen werden kann, ist Holland in Not, wird es nichts und das merke ich recht bald, das Leid beginnt. Nun ist es so, dass ich unter sehr hohem Druck stehe seit dem Tod meines Freundes, aber eigentlich schon das gesamte Leben lang. Und diese Arbeit wollte ich machen, seit ich "denken" kann. Ich habe den Eindruck, dass der hohe Druck mich zwingt, alles Zweifeln und Zaudern sein zu lassen und einfach zu machen. Als ginge es um´s Leben. Als ob etwas in der Arbeit ans Licht befördert werden könnte, was wert ist, sichtbar gemacht zu werden. Aber, um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht genau. Vielleicht bin ich ja auch schlicht und ergreifend auf Anerkennung erpicht. Aber zumindest will ich dann dafür eine Gegenleistung erbringen. Puh, das war aber jetzt ein langer Sermon.
Wann taucht etwas außerhalb der Schmerzen (...) auf ?
Das ist schwieriger zu beantworten: Eigentlich taucht nichts auf, ich wünsche nur inständig, dass der Schmerz nachlässt und aufhört. Es ist ein einziges Aushalten und Warten auf das Einsetzen des Schmerzmittels, ich spreche jetzt nur von physischen Schmerzen. Es ist schwierig im Nachhinein, also wenn man nicht den Schmerz gerade voll fühlt, darüber etwas zu sagen. Man kann es nicht mehr fühlen, nur noch vage erinnern, auch wenn es so oft passiert, wie bei z.B. den Migräne-Attacken. Also ich glaube, ich bin dann nur noch Kopfschmerz, nichts anderes mehr und es wär mir recht, dann zu sterben, damit es endlich aufhört. Aber hört es dann auf oder kommt man vom Regen in die Traufe? Man weiß nichts.
Habe ich die Frage(n) beantwortet? Ich weiß es nicht.
Lieben Gruß
Klaus