1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"?
Gab es das jemals?
Nein, gibt es nicht und gab es auch nie. Es gibt das mentale Konzept 'Ich', das den Gedanken als Referenzpunkt dient. Dies ist nicht eigenständig oder unabhängig von Gedanken, da es von ihnen ausgeht und im Zusammenspiel mit anderen Konzepten, Erinnerungen, Empfindungen, etc. ‚am Leben‘ erhalten wird.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu
nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Das Ich entsteht durch einen Wahrnehmungsreiz (Erinnerung, Körpergefühl, Emotion, etc.), der durch einen Gedanken als ein Ich oder zu einem Ich gehörig interpretiert wird (Etikett/Konzept wird draufgepappt). Oder es entsteht ein Ich Gedanke, der z.B. als aktiver Akteur eine Beziehung zu dem Reiz aufbaut.
Dies löst ein Ich-Gefühl aus, welches wiederum wahrgenommen wird und von weiteren Gedanken aufgegriffen wird, usw. Es bilden sich Ketten aus Wahrnehmung, Gedanken und Emotionen.
Das ‚Ich‘ ist ein Begriff - ein Konzept für das Zusammenspiel von Gedanken, Emotionen, Wahrnehmung, Körperempfindungen und anderen mentalen Konzepten (wie z.B. Besitz). Es fügt einen aktiven Beobachter ein, der Kontrolle hat. Es führt zur Trennung zwischen der Wahrnehmung und dem Wahrgenommenen.
Ebenso wie es kein ‚Auto‘ als etwas eigenständig Existierendes gibt, so gibt es kein eigenständig existierendes Ich.
Frage: Was muss man vom ‚Auto‘ wegnehmen, damit es kein Auto mehr ist?
Antwort: Man muss das Konzept wegnehmen, da es nie ein ‚Auto‘ gegeben hat. So bleibt nur noch das übrig was es ist: ein Zusammenspiel von Einzelteilen, die wiederum zusammengesetzt sind, usw.
Das Ich lebt in der Vergangenheit (Erinnerungen) oder Zukunft (Projektion). Je näher man an den Moment kommt (direkte
Wahrnehmung, Gedanken werden ruhig) desto weniger stark ist das Ich.
Wenn die Gedanken zur Ruhe kommen und die Wahrnehmung in den Vordergrund rückt, dann nimmt das Ich immer mehr ab. Stattdessen scheint etwas durch, das immer da ist, aber durch die Gedanken und das Ich verdeckt wird. Es ist etwas jenseits des Persönlichen/Getrennten, es ist meist sehr leise, es kann kraftvoll sein wenn es Raum bekommt.
Wieviel ‚Ichs‘ braucht man um eine Glühbirne zu wechseln?
Keines. Es geschieht einfach ;)
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem
Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen
Es ist ein gutes Gefühl - friedlicher und entspannter. Vieles wird klarer - ergibt mehr Sinn. Alltägliche Dinge bekommen teilweise feinere Nuancen. Es ist leichter zu leben, wenn das Ich kein so großes Gewicht mehr hat. Es ist niemand da, der durch die Monologe des Ichs beeindruckt werden kann. Der Verstand muss nicht ständig denken - es ist nicht mehr so wichtig wie vorher. Auch der Drang Antworten auf die Welt-bewegenden Fragen zu finden ist mehr in den Hintergrund getreten.
Vom Prinzip ist es wie ein Perspektivenwechsel, ähnlich wie diese 3D Bilder, die man auf eine bestimmte Art und Weise betrachten muss, um den verborgenen Inhalt zu sehen. Wenn man es einmal verstanden hat, dann kann man es immer wieder tun.
Daher ist das Durchschauen bei 'mir' ein Werkzeug, das immer wieder zur Hand genommen wird, wenn nötig. Es ist nicht so, dass die Ich Illusion ständig kraftlos ist oder gar nicht mehr vorhanden. Vor allem in Situationen der Unachtsamkeit, wenn bereits Emotionen hochkommen, die Gedanken alles einnehmen und das Ich sich breit gemacht hat.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Es ist die Summe aus eigenen Erfahrungen (u.a. durch Meditation und direkter Erfahrung), die Beschäftigung mit den Fragen hier im LU Forum und angelesenem Wissen. Es ist bei mir ein schrittweiser Prozess, bei dem sich nach und nach die Einzelteile einfügten, wie bei einem Puzzle.
Vorher beobachtete 'ich' während der Meditation 'meine' Gedanken. Obwohl ein 'Ich' sich auf den Atem fokussieren wollte, kamen immer wieder Gedanken. Gedanken, die dieses 'Ich' gar nicht denken wollte und teilweise auch Inhalte hatten, die das 'Ich' merkwürdig fand. Das 'Ich' schloss daraus, dass es zwei Sorten von Gedanken gibt: spontane (woher auch immer) und aktiv gewollt gedachte Gedanken.
Dann meldete ich mich bei LU an und startete die Unterhaltung mit meinem Guide.
Irgendwann am Abend lag 'ich' entspannt da und beobachtete wie ein spontaner Gedanke auftauchte. Es war klar ein spontaner Gedanke. Es folgten mehrere Momente der Unachtsamkeit. Der Gedanke bekam Aufmerksamkeit und plötzlich fühlte es sich so an als ob 'ich' diesen Gedanken dachte. Aus dem spontanen Gedanken ist ein Aktiver geworden. Es gab ein Verstehen: 'Moment, wenn das so ist, dann gibt es keinen Unterschied und somit auch keine zwei Sorten von Gedanken'.
Dies war der Moment des Widerspruchs der ursprünglichen intuitiven Vermutung. Der Fuß war in der Tür.
Die Beschäftigung mit den Fragen meines Guides (während zahlloser Spaziergänge) hat mir beim Prozess geholfen. Ich hatte viele Fragen und durch die Reaktion meines Guides konnte ich erkennen, welche Fragen wirklich wichtig sind.
Die letzte Hürde war bei mir die Frage: Wer/Was identifiziert sich mit dem Ich? Schließlich musste ja etwas die Gedanken wahrnehmen und davon beindruckt sein?
Die Realisation, dass die Wahrnehmung der Gedanken einfach geschieht, genauso wie das Sehen/Hören/Fühlen. Und dass es niemanden braucht, der sich mit dem Ich identifiziert – es genügen Gedankenketten und daraus resultierende Gefühle.
Und einfach logisch betrachtet: Wer sollte sich mit einem mentalen Konzept (es existiert ja nichts physisch) schon identifizieren, außer das begriffliche Denken? Die Gedanken sind es ja, die auf dieser Ebene arbeiten – nichts und niemand sonst.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie
funktionieren sie? Wofür bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten
Erfahrung.
Grundlagen dafür sind Erinnerungen, Konditionierungen, Erziehung, Gelerntes, etc. Gibt es etwas zu entscheiden, arbeiten Gedanken mit diesen Aspekten an einer Lösung. Dies funktioniert vollautomatisch und bei einfacheren Alltagsentscheidungen passiert es sehr schnell, teilweise sogar ohne Gedanken. Ist die Entscheidung schwieriger wird der Gedankenprozess deutlicher und es bilden sich Gedankenketten, die unter Einfluss der Aspekte Projektionen in die Zukunft erstellen. Dazu mischen sich Gefühle, die aus vergangenen Erfahrungen resultieren. Die Option mit dem besten Gefühl wird gewählt. Gibt es kein bestes Gefühl oder irgendein Kriterium für die beste Wahl, wird spontan eine beliebige Option gewählt. Es passiert einfach.
Es gibt kein ‚Ich‘ oder ‚Du‘, das für irgendwas verantwortlich ist. Moral oder richtiges Handeln ist erlernt und damit abhängig vom Umfeld. Dies ist die Konditionierung, die die Gedanken und letztendlich das Handeln beeinflusst.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Ich möchte mich hier ganz herzlich bei meinem Guide bedanken für seine Zeit und seine hilfreichen Beiträge. Das Bewusstsein, dass es jemanden gibt, der sich mit mir und meinen Antworten/Fragen auseinander setzt und seine Zeit dafür opfert, macht den Prozess für mich wertvoll und gibt mir viel Motivation.
Ebenso finde ich die Möglichkeit toll, völlig ohne irgendwelche Verpflichtungen (finanziell, persönliche Daten, Verträge, etc.) und für jeden zugänglich das Ganze durchzuführen. Dies hat die Einstiegshürde für mich sehr niedrig gesetzt. Dies ist auch das erste Mal, dass ich mich bei einem Forum angemeldet habe.
Letztendlich möchte ich allen danken, die das hier möglich machen.