Ja, Luke, ich bin bereit.
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein. Kein Ich weit und breit. Kein Selbst, kein meins und kein mich. Das Ich ist ein Wort, eine Vorstellung, etwas Ausgedachtes. Es ist im realen Erleben, in der sinnlichen Wahrnehmung nicht da. Es gab niemals ein Ich.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die Vorstellung ein Ich zu sein, ein Ich zu haben, entsteht bereits früh im Leben, nach der Geburt. Das Baby lernt aus den Worten der Eltern, wie es heißt (Babette), dass es ein Mädchen ist und dass das sein Körper ist (Zapple nicht so rum, sitz still). Das kleine Kind wird als du angesprochen und so behandelt, als wäre da ein selbstständiges Ich. (Du musst besser aufpassen. Wie alt bist du? Was willst du mal werden? Du bist frech.) Irgendwann beginnt das Denken des Kindes von sich aus, das Wort ich zu denken. (Ich muss besser aufpassen. Ich bin vier Jahre alt.) Damit beginnt die Ich-Vorstellung zu wachsen. Es wird nie ein echtes Ich daraus. Es bleibt immer nur eine Einbildung, etwas Ausgedachtes. Aber diese Ich-Illusion wird dichter. Immer mehr Ich-Behauptungen kommen hinzu. (z.B.: Das gehört mir. Ich bin schüchtern. Ich werde das nie lernen. Keiner mag mich. Ich bin erfolgreich. Ich weiß, wo es lang geht.) Am Ende war es bei mir so, dass ich dachte und sogar fühlte: Doch, hier ist ein echtes Ich. Hier ist Babette.
beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst
In der puren sinnlichen Wahrnehmung suche ich nach diesem Ich. Das habe ich in den letzten Tagen rauf und runter getan.
Das Ich ist ein Wort, das in Gedanken auftaucht, zum Beispiel: Mache ich das jetzt hier richtig?
Ich gehe dann in die sinnliche Wahrnehmung (sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken) und suche das Ich, dass das hier macht . Und da erkenne ich nur das, was jetzt gerade sinnlich wahrnehmbar ist: Buchstaben auf dem Computerbildschirm, das leise Klickgeräusch der Tastatur, Verspannungen weiter oben (im Nacken), der Druck weiter unten (übereinandergeschlagene Beine) und der Geschmack von dem letzten Schluck Tee. Da ist kein Ich. Nur das Wort ich, der Gedanke.
Das alles wird von einer ich-freien Perspektive aus bemerkt. Da ist niemand. Niemand, der es richtig machen könnte oder der es falsch machen könnte. Aus dieser ich-freien Sicht heraus, gehören alle Ich-Gedanken einfach zum Erleben. Sie sind nicht wichtiger oder unwichtiger als das Muster der Strickjacke. Von dort aus, von diesem ich-freien Gesamterleben aus, dürfen alle Ich-Gedanken da sein. Nichts ist zu viel, nichts zu wenig, alles ist okay, so wie es ist.
Diese ich-freie Perspektive wird durch die Ich-Gedanken weder gestört, noch beeinträchtigt. Der Ich-Gedanke muss sich nicht ändern. Der Ich-Gedanke muss nicht aufgelöst oder dekonstruiert werden. Und da ist niemand, der das Ich auflösen könnte. Das Ich ist nur eine Täuschung, ein unschuldiger, naiver Irrtum.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Ich bin immer noch dabei, mehrmals am Tag das Ich zu suchen. Es tauchen Gedanken auf, in denen eine Ich-Vorstellung vorhanden ist. Zum Beispiel heute Morgen: Der Typ hat mich mit seinem Auto zugeparkt. Ich brauch ewig, bis mich da rausgewühlt hab. Ich bin total angepisst.
Solche Gedanken toben herum und dann gibt es den Impuls: Geh in die sinnliche Wahrnehmung und such das Ich, dass zugeparkt wurde, das total angepisst ist. Und alles, was ich finde sind aufgeregte Empfindungen in der Magengrube, Anspannungen im Gesicht, ein Auto das dicht neben einem anderen Auto steht. Und die Gedanken, die von einem Ich berichten, das angepisst ist. Das wird aus einer ich-freien Perspektive gesehen und da ist kein echtes Ich vorhanden, das von all dem betroffen ist. Ich musste lachen.
Was für ein Drama, die Gedanken aufführen!
Übrigens habe ich mein Auto aus der Parklücke rausbekommen. Es ging einfacher als ich dachte.
Wie ist es die Illusion durchschaut zu haben?
Darauf habe ich zwei Antworten.
Die erste: Es ist, wie vorher. Babette funktioniert so, wie zu vor. Ich hatte Angst, das Funktionieren könnte abhandenkommen. Nö, das ist noch da. Neu ist allerdings, dass ich mehrmals am Tag das Ich suche. Und es gibt Überraschungen. Kein Ich da – das ist immer noch erstaunlich.
Ich mag meine Leute von ganzem Herzen. Das ist mir aufgefallen.
Diese befangene Selbstkontrolle geht etwas zurück. Die Frage, blamiere ich mich jetzt? wird mit dem Impuls beantwortet: Kein ich, dass sich blamieren könnte, also rein ins Getümmel.
Die zweite Antwort: Ich kann etwas nicht finden, von dem ich anfangs dachte, dass es jetzt da wäre. Ich kann nicht sagen, dass ich es geschafft habe und die Ich-Illusion für immer durchschaut habe. Ehrlich, in der direkten sinnlichen Wahrnehmung ist kein Ich, das es geschafft hat oder es nicht geschafft hat. Da ist niemand, der sich etwas Dauerhaftes in die Taschen stecken kann. Da ist kein Landeplatz für eine Ich-Errungenschaft. Was ich vermute: Wahrscheinlich kann ich diese ich freie Perspektive nicht mehr vergessen. Und ich weiß jetzt, wie ich dahin komme.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Genau das, was ich jetzt mehrmals am Tag tue: Die Aufforderung zur direkten sinnlichen Wahrnehmung. Und dann die Übung, überall nach einem Ich zu suchen. Immer wieder. Das hat es gebracht.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Wofür bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Ich kenne diese Worte und ich weiß, was sie bedeuten.
Nur aus der direkten sinnlichen Wahrnehmung heraus: Ich kann hier keine Absicht erkennen. Da ist niemand, der einen Plan hat. Niemand der etwas erreichen oder vermeiden will. Da keine Absicht, kein Wille –nur Gedanken, die sagen: An diesem Wochenende will ich unbedingt meinen Kleiderschrank aufräumen.
Entweder das passiert dann - oder - wie so oft - es passiert nicht. Es gibt die Worte: ich will und die entschlossene Muskelspannung, die damit einhergeht. Aber da ist niemand, der das alles hat oder durchführt.
Wahl ist lustig. Das sinnliche Gesamterleben wählt nicht. Es wabert herum, verändert sich dauernd und da ist keine Instanz, die wählt. Nur Gedanken können sagen: Ich nehm heute mal den grünen Tee. Scheinbar fiel die Wahl auf den grünen Tee. Aber in der ich-freien Perspektive ist niemand da, der den grünen Tee gewählt hat. Der Tee ist trotzdem lecker.
Kontrolle. Nein, die habe auch nicht gefunden.
Und das ist wirklich erstaunlich.
Niemand da, der die Kontrolle hat oder der etwas kontrollieren könnte. Und trotzdem funktioniert das allermeiste einwandfrei. Ich merke, wenn der Tee zu heiß ist, beim Trinken klappt das Herunterschlucken ganz von allein, ich gehe zur richtigen Zeit zur Toilette und der Wind draußen weht, ohne dass er reguliert wird. Keine Kontrolle, trotzdem passt im Gesamterleben alles perfekt zueinander. Niemand da, der das alles kontrolliert. Niemand da, der die Verantwortung hat.
Ich habe auch andere heilige Kühe nicht gefunden:
Ich kann in dem sinnlichen Gesamterleben keine Schuld finden, keine Gnade, keine Erleuchtung.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Oh, ja.
Luke, ich weiß nicht, wie ich meine große Dankbarkeit ausdrücken kann.
Ich umarme dich jetzt einfach. Danke.
Und ich danke auch Douglas Harding, der mich auf die richtige Spur geführt hat. Ruhe in Frieden.
Ein dickes Dankeschön und meinen tiefen Respekt für die Leute von Liberation Unleashed. Danke, dass ihr diese Kostbarkeit so großzügig anbietet.
Tut mir leid Luke, das ist wieder so lang geworden.
Liebe Grüße
B.