Lieber Daniel,
meine Antworten kommen manchmal in größeren Abständen, aber meine Sehnsucht die Realität wirklich zu erkennen nimmt nie ab. Im Gegenteil, aber wahrscheinlich brauch ich das gar nicht erwähnen. Herzliche Dank für Deine Begleitung, sie ist unendlich wertvoll und eine wunderbare Bereicherung an jedem Tag!
Heute gab es wieder Gelegenheit im Wald zu laufen. In der Natur wird anders wahrgenommen als in einem geschlossenen Raum und das kann hilfreich sein, wenn man genauer erkennen möchte. Während des Laufens versuchte ich auf alles zu achten was ist. Alles was zu sehen und zu hören ist, aber auch die Gefühle die kommen und gehen. Ich nahm mir diesmal nicht vor, still zu sein und zu sehen, sondern mehr auf das Fühlen zu achten. Dabei erschien im Vordergrund, über einen längeren Zeitraum, das Gefühl einer Last, dass sich deutlich im Körper verortete. Diese Wahrnehmung wechselte in verschiedene Bereichen, vor allem im Leib, also nicht in Kopf, Arme oder Beine. Das ging dann so eine Weile und verschwand auch wieder. Von dem Augenblick an, versuchte ich die gefühlte Wahrnehmung auch über den Körper hinaus zu richten und damit auch mit Hilfe der Augen in die Weite. Das fing recht vielversprechend an, aber die Fokussierung in die räumliche Welt, entpuppte sich als ein punktuelles herumstochern. Erst gegen Ende des Laufes wuchs die Einsicht, dass dieser räumliche Wahrnehmungsversuch lediglich in einer visuell geprägten „Jäger und Sammler“ Aktivität mündete. Es kann also nur so sein, dass die visuelle Welt, so wie sie ist, wahrgenommen werden sollte, also ohne die Räumlichkeit zu interpretieren. Ganz am Ende folgte der Versuch, dem Augenblick ohne positiven oder negativen Erwartungen entgegenzutreten. Es gelang noch nicht wie erhofft, aber einen Lerneffekt würde ich nicht ausschließen, denn im Bewusstsein ist hängengeblieben, dass die räumliche Verortung, von einem inneren in einen kontinuierlich nach außen reichenden dreidimensionalen Raum, belanglos ist. Das Bewusstsein einfach im Geschehen zu belassen, ist das Wesentlich; und vielleicht eher in der Vorstellung einer zweidimensionalen Kinoleinwand, aber auch nur, um den Verzicht auf Räumlichkeit zu betonen.
Der kleine Bericht zuvor steht selbstverständlich unter dem Eindruck der Fragen, die Du mir zuletzt gestellt hattest. Sie fließen stets in mein Bewusstsein und Handeln.
Nach Deiner eigenen momentanen Erfahrung, nicht nach Erinnerung, Hörensagen oder Vorstellung…
Wie groß bist Du?
Die Frage würde ich auf die Körpergröße beziehen. Größe ist relativ. Relativ zu etwas Anderem, zum Beispiel zu dem Raum in dem ich mich befinde. Wechsel ich in einen größeren Raum werde ich im Vergleich zum vorhergehenden Raum kleiner und gehe ich in die Natur so scheine ich unendlich klein in Bezug auf das Universum. Hinzu kommt, dass ich meine Zentimetergröße nicht spüre.
Wenn ich nur im Augenblick bin erfahre ich all diese Relationen nicht. Ich erfahre beim Achten, eine „gewisse Form“, aber definitiv keine Größe.
Welche Form hast Du?
Diese Frage erscheint mir im ersten Augenblick schwieriger. Ich bin keine Kugel, keine Pyramide, kein Zylinder oder Würfel. Damit ich die Form erfahre, muss ich mein Bewusstsein in meinen Körpern richten. Dabei erscheint es mir, dass es ein stetiges Ganzkörperbewusstsein so nicht gibt. Entweder spüre ich sehr konkret meine Finger, weil ich in die Tastatur tippe oder ich achte auf einen anderen Körperteil. Beim Versuch den gesamten Körper wahrzunehmen wird die Vorstellung ungenauer. Damit ändert sich die Form je nach Betrachtungsweise.
Hast Du Grenzen?
Es gibt ein gewisses Grenzgefühl. Es ist aber definitiv nicht exakt. Versucht man immer genauer hineinzutauchen, kann die genaue Grenze nicht beschrieben werden.
Gibt es einen Ort, an dem Du aufhörst und die Welt beginnt? Oder gibt es nichts, was Dich von der Welt trennt?
Es gibt weder eine physikalische noch eine prozessuale Trennung. Der Mensch der ich bin, ist eine augenblickliche Erscheinung der Welt.
Du erlebst Sinnesempfindungen wie Wärme, Unbehagen, Vergnügen, spürst Deinen Atem und vieles mehr. Machen Dich diese Empfindungen zu einem Etwas im Zentrum, zu etwas Festem und Begrenztem – einem Ding, das von der Welt um Dich herum getrennt ist? Gibt es irgendetwas Festes und Unveränderliches in "Deinem" Zentrum?
Nein. Immer wieder schaue ich nach und finde kein Zentrum. Da ist nichts.
Werde mich gleich dieser Übung widmen und genauer spüren, denn noch ist da viel Unbeholfenheit und Konditionierung. 1.000 Dank für Deine wunderbaren Hinweise und Übungen.
Dein One