Postby Ikarus17 » Sun Feb 26, 2017 9:01 am
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die Ich-Illusion kann man so beschreiben, dass Gedanken entstehen, die eine mit dem Körper verbundene, von der Umgebung getrennte autonome Einheit erschaffen, die als "Ich" bezeichnet wird. Es sind eigentlich immer wiederkehrende Erinnerungen, die den Eindruck von Dauer und Stabilität erzeugen. Tatsächlich handelt es sich aber nur um Gedanken, die in der erlebten Gegenwart als eine Erscheinung neben anderen erfahren werden. Tatsächlich kann das durch Gedanken kreierte "Ich" mit den Sinnesorganen in der direkten Erfahrung nicht entdeckt werden. Es ist hierzu die gedankliche Ausrichtung auf die Vergangenheit erforderlich, die aber auch nur in Gedanken, also nicht real existiert.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Es ist eine totale Befreiung, nicht mehr suchen zu müssen, weil "ich" in Wirklichkeit niemals getrennt von der Antwort war. In den letzten Tagen war es ein hin und her. Ich habe den hilfreichen Rat meines Guides befolgt, immer wieder zu schauen, ohne zu wissen, wer schaut. Das hat den Verstand aus dem Konzept gebracht und es stellte sich eine gewisse "Orientierungslosigkeit" ein. Diese war wiederum gefolgt von Gedanken, die die Kontrolle übernehmen und vor allem versuchen wollten, die Eindrücke festzuhalten. Damit ging dann auch die Angst einher, das Erfahrene wieder zu verlieren. Es ließ sich über die Gedanken nicht reproduzieren, was Stress auslöste. Letztlich bin ich dann wieder zurück zur direkten Erfahrung, also zum Schauen und Fühlen, übergegangen. Dabei fiel mir auf, wie stark der konditionierte Verstand auf Differenzierung aufgerichtet ist. Auf einmal stellte etwas in mir diese Sichtweise in Frage. Gleichzeitig bemerkte ich, dass ich die Gedanken loslassen konnte und sie keine Macht mehr über mich hatten. Sie zogen einfach vorbei. Unmittelbar danach kam in mir die Frage auf, ob ich überhaupt von der Antwort auf die Fragen, die der Verstand produzierte, getrennt bin. Nur die Möglichkeit, dass ich bereits da bin bzw. immer da war, wonach ich die ganze Zeit suchte, löste eine starke Welle der Erleichterung aus, die mich tief berührt hat. In dieser Erfahrung der Verbundenheit war das "Ich" verschwunden. Es gab kein "Ich" mehr, das irgendwo ankommen muss. Es hat sich in Form von Gedanken natürlich danach wieder gemeldet, aber wenn ich in die direkte Erfahrung (Betrachten, Fühlen etc.) zurückgehe und sich ein Zustand von Gedankenlosigkeit einstellt, löst es sich auf.
Wie sich all dies jetzt auf mein praktisches Leben auswirken wird, vermag ich noch nicht zu sagen. Auch nicht, wie tief die Erkenntnis gegangen ist und ob sie "hält". Im Moment kann ich sagen, dass eine Last von mir gefallen und Frieden da ist. Auch ist weniger Angst da, weil ich weiß, dass ich mit den Dingen, die Angst erzeugen, letztlich auch verbunden bin (hört sich vielleicht etwas wirr an).
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Das ist eigentlich schon in Frage 3) beschrieben. Zusammengefasst würde ich sagen, es war das Schauen, ohne zu wissen, wer schaut, und die darauf folgende Erosion des Gedankengebäudes, insbesondere des Gedankens der Trennung respektive des "Ichs".
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Der freie Wille existiert nicht, weil es letztlich keinen Entscheider gibt. Es gibt verschiedene Ursachenketten, die zu einer Entscheidung bzw. einer Handlung führen können. Diese wird durch einen Impuls, z.B. ein äußeres Ereignis, hervorgerufen, ohne dass Kontrolle über diesen Impuls und die nachfolgende Reaktion hierauf bestehen würde. Der Verstand konstruiert erst im Nachhinein eine Erklärung für die Entscheidung bzw. die Handlung, um den Anschein zu erwecken, als sei sie bewusst durch einen "Entscheider" getroffen worden. Somit sind sowohl die Absicht, etwas zu tun, als auch die Wahlfreiheit eine Illusion. Aus diesem Grund kann auch niemand hierfür verantwortlich gemacht werden. Wenn "ich" z.B. (vermeintlich) die Entscheidung treffe, jetzt die rechte Hand zu heben, so ist dies auch nur aufgrund einer Ursachenkette einfach geschehen, die aufgrund eines äußeren Anreizes (Frage nach Beispiel) zu mehreren Gedanken und dann zu einer Handlung geführt hat. Als "ich" den Eindruck hatte, die Hand aufgrund einer autonomen Entscheidung zu heben, war der Prozess, der zu der Handlung "Handheben" geführt hat, längst ohne ein "ich" abgeschlossen.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Ich meine, von meiner Seite ist alles gesagt.