LIebe Ghata,
nun möchte ich gerne auf Deine Fragen antworten:
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein, das gab es noch nie.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die Ich-Illusion entsteht dadurch, dass allen Handlungen, Gefühlen und Gedanken im Nachhinein bzw. in jenem Moment das Attribut „Ich“ zugesprochen werden: ICH handele, denke, entscheide, fühle. Tatsächlich gibt es nur einen Fluss von Handlungen, Gedanken etc., der durch die individuelle Biographie und unzählige Umstände bestimmt wird.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Insgesamt sind es lediglich subtile Veränderungen, die ich wahrnehme. Gefühle und Gedanken werden intensiver und klarer wahrgenommen. Wenn ich achtsam bin, merke ich, wie ich Dinge tue, ohne dass ein Ich steuert oder eingreift. Dann kann auch Achtsamkeit mühelos von alleine entstehen. Gleichzeitig nehme ich vieles einfacher hin, möglicherweise, weil da kein Ich ist, das für etwas verantwortlich ist oder was geschützt werden müsste. Wenn beispielsweise körperliches Unwohlsein da ist, gibt es nicht noch den Gedanken, dass MIR unwohl ist, gleichwohl ist aber ein unangenehmes Gefühl vorhanden. Ein Beispiel: das Bein schmerzt, und ein unangenehmes Gefühl entsteht, aber nicht Gedanken wie: „Oh jetzt auch noch das Bein“ oder „nein, nicht schon wieder“.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Dies wurde mir im Laufe Deiner Begleitung schrittweise klar: Zuerst hatte ich festgestellt, dass Gefühle und Gedanken autonom sind, d. h. sie kommen einfach, man hat keine Kontrolle darüber, wann was erscheint. Viele Monate später erkannte ich dann bei einfachen manuellen Tätigkeiten für kurze Momente, dass diese ohne die Steuerung eines Ichs geschehen. Allerdings war da noch eine starke Blockade, die es verhindert hatte, dies klar zu erkennen. Diese bestand zum großen Teil aus der Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren, wenn da kein Ich mehr ist, dass alles steuert. Ich hatte Dir vor ca. einem Monat dann eher beiläufig von den Momenten ohne Ich-Steuerung berichtet und erwähnt, dass diese Beobachtung zu einem späteren Zeitpunkt doch ganz hilfreich sein könnte. Der letzte Schubs kam dann durch Deine Antwort, in der Du darauf hingewiesen hattest, dass ich das Erkennen des Handelns ohne das Zutun des Ichs doch schon erkannt und somit auch die Ich-Illusion durchschaut hätte.
Diese Aussage traf mich mit voller Wucht. Ich fürchtete, mich falsch ausgedrückt zu haben und war der Meinung, noch lange nicht so weit zu sein. Ich war ziemlich verwirrt und konnte meine Gedanken nicht ordnen, alles schwirrte im Kopf herum. Plötzlich realisiert ich, dass das Ich gelöscht war. Da, wo vorher das Gefühl von Ich herrschte, war Leere. Ich glaube, dass sich diese Erkenntnis gegen die immer noch bestehende Angst Bahn brechen musste. Von daher war es notwendig, einmal kräftig zu schubsen :-)
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Wofür bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Dies war für mich während des Dialogs ein heikles Thema, was mich eher bei der Suche behindert hat, weil ich es verstandesmäßig angegangen bin und ziemliche Widerstände gegen das Konzept von Determiniertheit entwickelt hatte. Nun sehe ich es wie folgt: Ich kann keinen freien Willen erkennen, die Dinge passieren alle nacheinander (eine Handlung/Gedanke folgt der nächsten) und sind von unzähligen Bedingungen aus Gegenwart und Vergangenheit abhängig. Ich fühle mich unter diesen Bedingungen wohl, allerdings wird mich dieser Perspektivwechsel gewiss noch weiter beschäftigen. Wofür ich verantwortlich bin, ist schwer zu sagen. Einerseits kann ich wohl nicht anders handeln, andererseits gibt es sowas wie eine Ausrichtung, ein Ziel im Leben, das man mit mehr oder weniger Ausdauer verfolgen kann. Natürlich ist auch dieses nicht frei wählbar….
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
In der Rückschau fand ich am hilfreichsten festzustellen, wie Gedanken und Gefühle ohne ein Selbst entstehen. Dies konnte ich klar erkennen und hat mir letztlich geholfen, auch die Ichlosigkeit bei Handlungen zu erkennen.
Liebe Grüße
Nordmann