Ich komme allein nicht weiter

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Nordmann
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Nordmann » Fri Jun 10, 2016 8:23 pm

Liebe Ghata,
Was wäre, wenn "du" nicht autonom wärest?
Ich finde die Vorstellung, dass sich alle Gedanken, Gefühle und Handlungen außerhalb jeglicher Kontrolle befinden, beklemmend. Im Zuge unseres Dialogs habe ich bisher nicht das Gegenteil erkannt und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dies auch künftig nicht erkennen werde. Ich sehe auch, dass ich nichts verliere sondern etwas gewinne, wenn ich die Illusion von Autonomie und Kontrollfähigkeit aufgebe. Im Alltag sehe ich immer wieder viele Situationen, wo ich keine Entscheidung getroffen habe und somit meine eigenen Ansichten widerlege. Vielleicht brauche ich noch mehr Zeit, um diese Idee von Kontrollvermögen loszulassen.
Viele Grüße
Nordmann

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Ghata
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Ghata » Fri Jun 10, 2016 8:26 pm

Lieber Nordmann,

was könnte passieren? Wie würde es sich anfühlen, nicht autonom zu sein.

Schreibe alles auf, was dir einfällt. Schreibe alle Gefühle auf. Wenn dir nichts mehr einfällt, warte. Und dann schreibe noch mehr.

Liebe Grüße,
Ghata
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Nordmann » Sat Jun 11, 2016 6:26 pm

Liebe Ghata,
was könnte passieren? Wie würde es sich anfühlen, nicht autonom zu sein.
Schreibe alles auf, was dir einfällt. Schreibe alle Gefühle auf. Wenn dir nichts mehr einfällt, warte. Und dann schreibe noch mehr.
Außer einem Perspektivwechsel würde nichts passieren. Ich glaube, man wäre dann mehr in einer Zuschauerperspektive in Bezug auf das eigene Erleben. Ansatzweise ist mir dies bekannt, und es fühlt sich natürlich an.
Die Vorstellung von Ich-Losigkeit und die damit verbundenen Konsequenzen sind radikal und mit folgenden Gefühlen und Gedanken verbunden: Bin ich (oder sind andere) für meine/ihre Handlungen verantwortlich? Antwort: nein. Dies erzeugt Irritation, Widerstand, Angst, Kontrollverlust. Mein Dilemma ist, dass ich die Ich-Illusion rational verstehe und begrüße, es ansatzweise erlebe, mich aber emotional dagegen sträube. Es zeigt sich ein flaues Gefühl in der Magengegend, ein Aufbegehren, die Hoffnung, dass ich es bald verstehe. Also ein Hin-und-Hergerissensein.
Noch eine Anmerkung: Gestern sah ich bei einer Gelegenheit einen Mann den Raum betreten, in dem ich mich aufhielt. Er war so gekleidet wie ich manchmal auch und sah mir auf den ersten Blick etwas ähnlich. Für einen kurzen Moment übernahm mein „Ich“ diesen Körper und war in meinem Körper nicht mehr gegenwärtig. Auch dies zeigt mir, wie relativ das Ich-Empfinden sein kann.
Viele Grüße
Nordmann

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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Ghata » Sat Jun 11, 2016 6:47 pm

Lieber Nordmann,

Dein Beispiel wie relativ das Ich-Gefühl ist, ist wirklich spannend :-).
Die Vorstellung von Ich-Losigkeit und die damit verbundenen Konsequenzen sind radikal und mit folgenden Gefühlen und Gedanken verbunden: Bin ich (oder sind andere) für meine/ihre Handlungen verantwortlich? Antwort: nein. Dies erzeugt Irritation, Widerstand, Angst, Kontrollverlust. Mein Dilemma ist, dass ich die Ich-Illusion rational verstehe und begrüße, es ansatzweise erlebe, mich aber emotional dagegen sträube. Es zeigt sich ein flaues Gefühl in der Magengegend, ein Aufbegehren, die Hoffnung, dass ich es bald verstehe. Also ein Hin-und-Hergerissensein.
Kann es sein, dass das Gefühl vorhanden ist, du könntest tatsächlich etwas verlieren, etwas was wirklich da ist?

Auch wenn es sich so anfühlt - es stimmt nicht. Das Ich ist eine Illusion. Es ist schon jetzt nicht vorhanden, während du diese Zeilen liest.

Wenn gesehen wird, dass es das Ich tatsächlich nicht gibt, heißt das, es wird erkannt, dass es kein getrenntes "Männchen" irgendwo gibt, das die Fäden zieht, denkt, wählt, entscheidet, handelt, kontrolliert.

Trotzdem wird weiterhin gedacht, gewählt, entschieden, gehandelt und kontrolliert. Wie? Warum? Ich kann es nicht sagen. Hier beginnt das Land des Nichtwissens.

Kannst du nachvollziehen, dass nichts Wirkliches verlorengeht?

Liebe Grüße,
Ghata
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Nordmann » Sun Jun 12, 2016 7:51 pm

Liebe Ghata,
Kann es sein, dass das Gefühl vorhanden ist, du könntest tatsächlich etwas verlieren, etwas was wirklich da ist?
Vielleicht ist da tief im Unbewussten eine Stimme, die das sagt, aber auch wenn ich intensiv in mich reinhorche, kann ich ein solches Gefühl nicht wahrnehmen.
Kannst du nachvollziehen, dass nichts Wirkliches verlorengeht?
Ja, das kann ich sehr gut!
Herzliche GRüße
Nordmann

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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Ghata » Mon Jun 13, 2016 11:10 am

Lieber Nordmann,

Finde den, der Angst hat die Kontrolle zu verlieren.

Liebe Grüße,
Ghata
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Nordmann » Mon Jun 13, 2016 8:55 pm

Liebe Ghata,
im ersten Moment war ich über diesen Satz überrascht:
Finde den, der Angst hat die Kontrolle zu verlieren.
Kurz danach stellte sich ein Druckgefühl im Magen ein. Dies ist bei längerer Betrachtung deutlich spürbar, wenn die Gedanken auf einen möglichen Kontroll- und Ichverlust gerichtet sind. Dies mag ein bedeutender Hemmschuh für mich sein, danke, dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast. So kann ich mich weiter um dieses Gefühl kümmern und es untersuchen. Ich sehe auch eine zweite Ebene in Deiner Aufforderung. Sie deutet auf die Unmöglichkeit, jemanden zu finden, der Angst hat. Letztlich gibt es ihn nicht, aber das Gefühl für Kontrollverlust schon.
Viele Grüße
Nordmann

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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Ghata » Mon Jun 13, 2016 9:07 pm

Lieber Nordmann,

du hast über die Frage nachgedacht.
Finde den, der Angst hat die Kontrolle zu verlieren.
Schau hin!
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Nordmann » Tue Jun 14, 2016 6:37 pm

Liebe Ghata,
das ist eine harte Nuss für mich. Wie erwartet, habe ich keinen gefunden, der Angst hat, die Kontrolle zu verlieren. Es gibt lediglich die entsprechenden Gedanken. In der Hoffnung, mit Deiner Frage weiterzukommen, sind im Laufe des Tages die Gedanken immer wieder um diesen Satz gekreist. Letztendlich ist es absurd: Ein Ich, das nicht existiert, sucht ein Ich, das Angst hat, die Kontrolle zu verlieren - ein schönes Koan. Leider hat es bisher nicht funktioniert.
Liebe Grüße
Nordmann

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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Ghata » Tue Jun 14, 2016 7:17 pm

Lieber Nordmann,

ja, es ist dein Koan.

Mit einem Koan geht man so um:

Sage den Satz leise oder laut, wiederhole ihn mehrfach. Denke nicht nach, schaue nicht nach. Bleibe bei diesem Satz und fühle ihn. Lass ihn wirken. Nutze die Konzentrationsfähigkeit, die du in der Meditation erlernt hast.

Sitze für längere Zeit mit jeden Satz, erst mit dem einen, dann mit dem anderen.

Wer hat Angst die Kontrolle zu verlieren?

Was hat Angst die Kontrolle zu verlieren?


Was ist zu beobachten?

Liebe Grüße,
Ghata
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Nordmann » Wed Jun 15, 2016 9:57 pm

Liebe Ghata,
ich hatte bisher zweimal die Gelegenheit, längere Zeit mit dem Koan zu meditieren. Einen direkteren Bezug spüre ich bei
Wer hat Angst die Kontrolle zu verlieren?
Körperlich lag zuerst die Aufmerksamkeit im Kopfbereich und im Bereich des oberen Brustkorbs, die Atmung war eher flach und schnell, der Bereich des Bauchnabels angespannt. MIt der Zeit kam mehr Ruhe auf, es wurde der obere Brust-/Bauchraum spürbar, die Atmung wurde tiefer und gleichmäßig, der Bauch entspannte sich. Gedanken gingen in Schleifen um das "wer", Angst oder Beklemmung war nicht zu spüren.
Bei
Was hat Angst die Kontrolle zu verlieren?
war weniger ein Bezug zu "mir" erfahrbar, es fühlte ich etwas fade und neutral an. Die körperlichen Empfindungen waren ebenfalls im oberen Bauch-/Brustraum spürbar.
Viele Grüße
Nordmann

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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Ghata » Thu Jun 16, 2016 3:37 pm

Lieber Nodmann,

sehr gut! Lass die Empfindungen und Gedanken wie sie gerade sind.

Jetzt nimm beide Sätze mit ins Alltagsleben. Wenn du gehst, im Bus sitzt, in der Schlange an der Kasse stehst,

Wer hat Angst die Kontrolle zu verlieren?
Was hat Angst die Kontrolle zu verlieren.

Benutze in "einer Sitzung" im Alltag nur jeweils einen Satz.

Liebe Grüße,
Ghata
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Nordmann » Fri Jun 17, 2016 8:27 pm

Liebe Ghata,
ich greife gerne Deinen Vorschlag auf und übe im Alltag wie in der Meditation, so wie Du es vorschlägst. Es fühlt sich gut an, mehr kann ich heute nicht berichten. Ich bin sehr gespannt, ob es funktioniert.
Herzliche Grüße
Nordmann

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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Ghata » Fri Jun 17, 2016 8:38 pm

Lieber Nordmann,

Gut!

Noch ein Tipp: Ein Koan ist kein Mantra. Stelle die Frage und dann lausche auf die Antwort.

Was bekommst du als Antwort? Alle Empfindungen können eine Antwort sein. Auch keine Empfindungen sind eine Antwort.

Liebe Grüße ,
Ghata
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Re: Ich komme allein nicht weiter

Postby Nordmann » Sat Jun 18, 2016 9:13 pm

LIebe Ghata,
der Tipp ist hilfreich. Die Reaktion auf das Koan ändert sich. Ich spüre bei den Sätzen nun häufig ein Druckgefühl im Solarplexus. Ein neutrales Gefühl erscheint nicht mehr.
Viele Grüße
Nordmann


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