1.) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein - kein "ich", kein mein, kein dein, auch wenn ich mir das lange eingebildet habe - der Platz ist jetzt leer.
Irgendwie ist alles leer in mir - fühlt sich ein bisschen an, als wäre ich hohl - aber angenehm hohl - nichts mehr, das mir einen Druck auf der Brust verursacht oder sonstwie an mir zerrt...
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Das ist ein bisschen schwierig für mich, weil ich es eben jetzt grade nicht erlebe und es sich anfühlt, als hätte ich keinen Zugriff darauf. Aber ich versuchs. Wie sie wirklich entsteht, kann ich nur vermuten, das entzieht sich ja meinem momentanen Erleben – aber ich stelle mir vor, dass man als Kind irgendwann anfängt, die direkte Erfahrung, die man über den Körper macht, an eine gedachte Entität zu knüpfen, von der einem ständig erzählt wird, das bist du. Und dann fängt man an, dieses gedachte Wesen mit mehr Gedanken und gedanklichen Rückschlüssen aufzuladen. Und man fängt an, sich als was Eigenes zu empfinden, das verschieden und getrennt von anderen ist. Ich weiß nicht, ob sich jemand von Euch schon mal mit abendländischer Magie befasst hat, aber dort gibt es Techniken, die sich genau das zunutze machen – man schafft eine Form und lädt sie mit Gedankenenergie auf – immer wieder und immer wieder – und das macht diese Form irgendwann zur Entität, die dann – natürlich nur in sehr kleiner, klar begrenzter Form, Veränderungen in der Realität anderer Menschen hervorrufen kann. (ein Vorgang, den ich mittlerweile auch mit ganz andern Augen sehe, denn auch diese Realität ist ja nur gedacht – also spricht ja eigentlich nichts dagegen, dass die durch Gedanken beeinflussbar ist)
Und wenn man sich irgendwann als eigenständiges Wesen empfindet, wird das irgendwie ein Selbstläufer, denn ein eigenständiges gedachtes Wesen kann sich nur erhalten durch Abgrenzung, Vergleich, Bezug.
Und so ist der Selbstläufer gedachtes Wesen ständig damit beschäftigt, seiner eigenen Identifikation Nahrung zu geben, indem er Dingen, die einfach passieren, einen Bezug zu sich selbst hinzufügt und sich damit immer wieder rückbestätigt. Aber im Prinzip ist all das nur ein riesiges Gedankengebäude, das sich selber mit immer noch mehr Gedanken erhält.
Besser kann ichs nicht erklären…
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen. .
Die letzten paar Tage bin ich eigentlich ständig durchs Leben gelaufen und habe jeden Gedanken und jede Wahrnehmung überprüft, ob ein ich enthalten oder irgendwo zu finden ist und das war sehr anstrengend – aber ich hatte irgendwie keine Wahl, das ist einfach passiert. Unterbrochen von Momenten, wo sich unvermittelt großer Friede breitgemacht hat – oder große Heiterkeit.
Dann hatte ich Anfang der Woche eine Situation, in der ich unvermittelt und ohne Vorwarnung völlig aus allem rausgefallen bin – in einer vermutlich eher unpassenden Situation, in der ich im Büro meines Chefs eine Besprechung hatte. Und auf einmal stand ich da und war irgendwie nicht mehr in mir drin, obwohl ich ganz normal übers Geschäft gesprochen habe. Ich war drin und draußen gleichzeitig und es hat sich ein Raum geöffnet, in dem alles gleichzeitig da war und alles hat gelb geflimmer t und ein umfassendes Wissen war auf einmal da und ich musste mit großer Anstrengung an mich (an wen?) halten, um nicht laut loszulachen, weil alles in mir gegluckst und gegackert hat.
Dieser Zustand hielt ungefähr eine halbe Stunde an, dann wurde er schwächer. Aber seitdem geht er nie mehr ganz weg – er ist immer da – mal stärker, mal schwächer.
Und noch 2 Dinge sind mir aufgefallen:
1. Wenn ich mein Gesicht im Spiegel sehe, ist es, als würde ich durch meine Augen durchschauen und es ist kein Bezug mehr da. Es ist auch keine Resonanz in mir mehr da, wenn ich das Wort ich ausspreche oder denke. Das fühlt sich sehr frei und heiter an.
2. Gestern habe ich einen Bekannten auf der Straße getroffen, wir haben uns unterhalten und er hat mir in die Augen geschaut während des Gesprächs. Und es hat sich angefühlt, als würde er dort etwas suchen – irgendwie forschend. Und gleichzeitig war bei mir das Wissen, er findet für seinen Blick nichts mehr zum einhaken – hört sich komisch an, aber das war meine Empfindung. Hat sich bei mir sehr ruhig angefühlt und gleichzeitig konnte ich seine Irritation spüren, dass da irgendwie kein Ziel ist, das er mit dem Blick erreichen kann.
Und schlussendlich hatte ich vorhin – ungefähr eine Stunde, nachdem Joram mir geschrieben hatte, ja, so ist es, dann hab ich keine Fragen mehr – zuhause sowas wie eine Panikattacke. So mit hyperventilieren und Kreislauf in den Keller rutschen und dem Gefühl zu fallen.
Dann war da der Beschluss, auch das einfach passieren zu lassen, auch wenns nicht angenehm war, und mich dem sozusagen bewusst in der Meditation zur Verfügung zu stellen – und seidem ist da wieder dieser offene leere Raum.
Und im Vergleich zu vorher ist da eine große grundsätzliche Ruhe und keine innere Bewegung – und Heiterkeit – viel Heiterkeit :)
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Ich hatte heute nachmittag eine ziemlich anstrengende Arbeit zu tun, die viel Konzentration erfordert hat. Nachdem ich 2 Stunden voll konzentriert in den Rechner gestarrt hatte, hab ich irgendwann hochgeschaut und dann war auch wieder dieser Raum da und das Flimmern – und ansonsten nicht nur kein Ich , sondern eigentlich auch sonst nichts mehr. Kann glaub ich nicht wirklich erklärt werden – aber das Erleben dessen und die Erkenntnis war so klar und unumstößlich, dass kein Raum für Zweifel mehr da ist.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Das sind alles Dinge, an die ich schon ganz lange nicht mehr glaube. Ich war und bin schon ganz lange der Auffassung, dass alles, was im Außen auftaucht, nur ein Spielfeld ist, das jedem Wesen gemäß seiner Prägungen ständig die Bälle zuspielt, die diesem Wesen die besten Chancen zur Erkenntnis bieten. Komisch eigentlich, wie ich es jahrelang geschafft habe, in dieser Vorstellung noch ein „ich“ unterzubringen…
Jedenfalls ist eigentlich schon seit Jahren einer meiner Lieblingssätze „es passiert eh wie es passiert und da machst du gar nichts – weder dagegen, noch dafür“
Und das ist eine selbst erfahrene Erkenntnis. Besonders in Situationen, in denen in meinem Leben große Umbrüche passiert sind, hatte ich schon immer das Gefühl, keine Wahl zu haben und nicht die zu sein, die Entscheidungen trifft. Es ist das Leben, das sich ausdrückt. Oft bastelt man sich hinterher gedanklich eine Absicht oder eine Entscheidung zurecht, die aber in Wirklichkeit nie da war.
Um das wahrzunehmen, brauchte ich eignentlich noch nicht mal das Wegfallen der Ich-Illusion.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Ein Muster, das sich in meinem Leben immer wieder zeigt, ist“ schnell und heftig“. Dass sich das durch ganz lange Phasen meines Lebens immer und immer wiederholt hat, hat vermutlich erheblich dazu beigetragen, mich so lange in der Ich-Illusion zu halten – weil ich das immer „mir“ zugeschrieben habe,“ ich“ bin einfach schnell und „mein“ Naturell ist heftig – das liegt an „mir“.
So ganz krieg ich den Zusammenhang noch nicht gebacken, wieso sich das Leben hier schnell und heftig ausdrückt und woanders scheinbar langsam – hat das vielleicht mit den Prägungen zu tun, mit denen man als Form in dieser Welt auftaucht?