Hallo!
Ich möchte in diesem Forum andere Menschen begleiten, die Wahrheit über sich selbst herauszufinden. Damit ihr einen Eindruck bekommt, ob wir vom Gleichen sprechen, möchte ich ein paar Worte aneinander reihen, die so etwas wie "meine Geschichte" darstellen sollen.
Eigentlich bin ich in diese ganze Sache unfreiwillig geraten. Anfang 2011 hatte ich in einer persönlich sehr schwierigen Phase entdeckt, dass es in meiner Stadt ein Zendo gab. Ich hatte zwar vorher schon von Zen gehört, war aber der Meinung gewesen, dass man mindestens als Japaner geboren sein muss, um sich diese Nicht-Lehre aneignen zu können. Umso erstaunter war ich, dass dieses Zendo von einem Zen-Priester geleitet wurde, der von einem hundertjährigen, in Amerika lebenden Zen-Meister ordiniert wurde und von Zen-Adepten besucht wurde, die sich eifrig in der Ich-Losigkeit übten. Das musste ich ausprobieren! Leider musste ich erfahren, dass der Zen-Priester kurz vor meinem Eintritt verstorben war.
Als ich das erste Mal auf dem Kissen saß und in diese würdevolle Stille eintauchte, umgeben von schwarz berobten Zen-Praktizierenden, hatte ich das Gefühl, nach Jahren der Suche Zuhause angekommen zu sein. Es begann eine Zeit der intensiven Praxis. Ich ließ keine Woche aus, in der ich nicht mindestens einmal in Zendo war. Sesshins und Zazenkais waren Zonen der intensiven Praxis, in denen ich schmerzhaft meine Fixierungen und über die Jahre antrainierten mentalen Barrieren kennen lernte.
Die Zen-Praxis und die Meditation in der Gruppe waren eine unglaubliche Erfahrung für mich und ließen die Welt in neuem Schimmer erscheinen. In den Zen-Büchern las immer von "Kensho", "Satori" und vom "Ich-Sterben", ohne mit diesen Begriffen konkret etwas anfangen zu können. Ich wollte jedoch unbedingt wissen, was es damit auf sich hatte. Inzwischen war ein neuer, jüngerer Zen-Lehrer gekommen, der zwar viel erklärte, dessen Erklärungen aber mehr verdunkelten als erhellten. Irgendwie stand der Begriff "Erleuchtung" immer im Raum, aber niemand hatte eine klare Vorstellung, was damit gemeint war. Und vor allem hatte ich den Eindruck, dass niemand es selbst erlebt hatte.
In dieser Zeit schickte mir ein Zen-Kollege einen Link zu einem Video von Francis Lucille. Es war ein Sonntagnachmittag im Frühling und ich schaute das Video, während ich Wäsche bügelte. Francis sprach davon, dass Bewusstsein nicht lokal oder personal begrenzt war. Und er argumentierte unter Verwendung von logischen Beweisführungen, mit der er die Common-Sense-Annahme als unbewiesenen Glauben offen legte. Ich war fasziniert. Irgendwie sprach er vom selben, auf das die Zen-Meister hinweisen, aber seine Worte waren andere und er benutzte Vernunft und Schlussfolgerungen, um auf etwas hinzuführen, das auch im Zen Ziel der Übung war.
Ich beschloss etwas spazieren zu gehen, um den restlichen Tag noch zu genießen. Und während ich spazierte, hallten seine Worte noch in meinem Kopf nach und ich sank langsam immer tiefer in seine Gedanken. Was, wenn die Existenz eines ungeteilten, nicht-lokalen Bewusstseins nicht bloß eine Idee, sondern WIRKLICHKEIT war? Was, wenn nicht lokale, persönliche Bewusstseine in die Welt schauen, sondern die Welt in diesem einen Bewusstsein erscheint? Und je mehr ich in diese Überlegungen hinein sank, desto mehr veränderte sich meine Wahrnehmung. Plötzlich hatte ich nicht mehr das Gefühl, in der Stadt spazieren zu gehen, sondern ich war in Ruhe und die Stadt bewegte sich in mir. Und die Menschen, die mir entgegenkamen, waren nicht mehr getrennte Entitäten, sondern Ausdruck desselben Bewusstseins.
Es war, als hätte sich in mir eine Schleuse geöffnet, durch die heißes Glück meinen Körper durchströmte. Mein Körper entspannte sich und ich hatte das Gefühl, als würde das, was ich glaubte zu sein, zu etwas Nebensächlichem zusammenzuschmelzen. Dieser Zustand dauerte bis zum nächsten Tag. Ich wusste, dass etwas Wesentliches passiert war und falls dieser Zustand darauf hindeute, was einem in der "Erleuchtung" erwartet, dann gab es nichts, was mich davon abhalten könnte, dorthin zu kommen. Ich wusste nun, dass das, was in den Büchern beschrieben war, tatsächlich existierte, und dass es in Reichweite war.
Später lernte ich, dass Francis ein "Advaita Vedanta" Lehrer war. Ramana Maharshi war dazu schnell gefunden. Und in einer einschlägigen Buchhandlung fiel mir ein Buch mit dem pragmatischen Titel "Abschied vom Ich" in die Hände. Der Autor des Buches gab in Deutschland und Österreich Seminare, die andernorts auch "Satsangs" genannt wurden. Wie auch immer, den musste ich mir einmal aus der Nähe ansehen und befragen, was es mit der "Ichlosigkeit" auf sich hat. War es wirklich ein Zustand, den man permanent erreichen konnte?
Das Seminar entsprach nicht dem, was ich bisher unter "spirituell" eingeordnet hatte. Es wurde gescherzt und gelacht, niemand machte sich die Mühe, eine -- wie ich es aus dem Zen kannte -- korrekt-konzentrierte Sitzhaltung einzunehmen. Und der ichlose Mann gab mehr den Zoten reißenden Entertainer als den weihevollen Guru. Ich war amüsiert, aber unbeeindruckt.
Am Nachmittag des ersten Seminartages gab uns der Seminarleiter in einer harmlos erscheinenden Übung die Aufgabe, zu prüfen, ob wir selbst Urheber einer Handlung sind, oder ob es nicht eher so ist, dass jede Handlung zwangsläufig aus der vorhergehenden erwächst.
Diese Frage erwischte mich kalt. Und noch mehr die Antwort. Denn mir wurde unter den auf mich niederprasselnden Worten des Seminarleiters völlig und unzweifelhaft klar, dass jeder Augenblick notwendigerweise aus dem vorangegangenen entsteht, ohne dass ein Akteur darauf Einfluss nehmen könnte. Und während diese Einsicht immer klarer aufleuchtete, fiel wie ein Kartenhaus meine "persönliche" Geschichte in sich zusammen.
Und nicht nur meine Geschichte, sondern die meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, ja bis zurück zum ersten Menschen stürzte die Vorstellung von "Täterschaft" in mir ein. Die gesamte Menschheitsgeschichte wurde ausradiert. Nicht ich war es, der entschieden hatte, zu meditieren und Zen zu praktizieren, sondern es passierte einfach, ohne irgendjemandes Wollen.
Die Einsicht traf mich wie ein Faustschlag, denn sie war völlig klar und jeder Zweifel ausgeschlossen. Und wenn es keine Personen waren, die handelten, wer war es dann, der das alles hervorgebracht hatte? Wer lenkte die Züge? Wer baute die Häuser? Wer teerte die Straßen? Und wer erzeugte die Gedanken in meinem Kopf?
Am Heimweg wusste ich, dass sich alles im Nichts vollzieht, das gleichzeitig das Absolute ist. Zuhause nahm ich noch ein paar spirituelle Bücher in die Hand, blätterte sie durch und wo sich vorher nur Unterschiede auftaten, las ich das Gleiche in immer neuen Worten ausgedrückt. Alles war klar geworden.
Die nächsten Monate waren eine Achterbahnfahrt zwischen unbeschreiblichen Glücksmomenten und Phasen tiefster Trauer und schmerzvollen Loslassens. Ich war nicht der, der ich zu sein glaubte. Ich war kein Mann, war weder klug, noch dumm, hatte keine Mutter und keinen Vater, keine Geschwister und keine Freundin. Ich war auch nicht "spirituell", ja es gab "Spiritualität" nicht einmal. Es gab weder Zen, noch Advaita, da niemand existierte, der belehrt oder geschult werden konnte, niemand war erleuchtet oder nicht erleuchtet, ja nichts ist jemals geschehen oder wird irgendwann einmal passieren. Nichts ist da, außer das was je IST, und dieses Seiende ist in jedem Augenblick grundlos da.
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein. "Ich" ist ein Wort, ein Gedankeninhalt, der als solcher einfach auftaucht, aber auf nichts verweist. Das "Ich" speist sich aus dem Glauben, dass die damit assozierte "persönliche Geschichte" real ist und von einer Handlungsinstanz geschaffen wurde, die freien Willen besitzt und deshalb vom Rest des Universums getrennt ist. Niemals gab es diese Handlungsinstanz, noch wird es jemals eine geben.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die "Ich-Illusion" entsteht aus der Sprachfähigkeit des Menschen. Alle Bewusstseinsinhalte kann der Mensch benennen, für jedes Wort gibt es etwas, auf das es verweist. Das Wort "Baum" verweist auf ein wahrnehmbares Objekt, ebenso "Tisch" oder "Tastatur". Nur das Wort "Ich" verweist auf nichts. Es ist die Lücke im Universum. Die große Leerstelle, die in der frühkindlichen Phase mit der Idee befüllt wird, dass Handlungsfreiheit und damit Getrenntheit bestehen. Das Wort "Ich" wird mit der als persönlich erlebten Geschichte und dem aus der Innenperspektive wahrgenommenen Körper als "mein Körper" verknüpft. Diese Vorstellung, dass "Ich" existiere wird stabilisiert durch die Annahme, dass auch in den anderen Körpern "Iche" wohnen. Dieses "Ich" fühlt sich daher getrennt, bedroht und letztlich als sterblich, da es mit Vergänglichem, wie bspw. dem Körper, verbunden wurde.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Wo ich vorher glaubte zu fühlen, dass wäre ich, ist jetzt eine große Leerstelle. Ich bin nicht ein bestimmter Bewusstseinsinhalt, sondern ich bin die Summe aller Bewusstseinsinhalte. Ich bin die Leere und gleichzeitig das Universum, das in dieser Leere erscheint. Mittlerweile fühlt es sich aber nicht besonders an, es gibt keine großen Glücksgefühle mehr, aber auch kein Leiden mehr. Das Gefühl der Getrenntheit ist verschwunden und der Impuls der spirituellen Suche. Der Geist ist sehr ruhig. Es gibt nahezu keine Gedanken mehr, die sich um "mich" oder um "andere" drehen. Das Grübeln hat aufgehört. Es gibt nur mehr Gedanken zu praktischen Dingen. Essen einkaufen. Wohnung zusammenräumen. Spazieren gehen. Dies alles ist aber von einem sanften Grundton der Freude durchzogen. Wie ein leichtes Summen. Eine Freude, dass alles, was im Bewusstsein erscheint, grundlos erscheint. Dass jeder Augenblick ein Geschenk ist.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Der Schubs hat sich eher wie ein Faustschlag angefühlt. Es war die Einsicht, dass jeder Augenblick notwendigerweise aus dem vorangegangenen Augenblick erwächst und in dieser Verkettung der Augenblicke kein Platz für einen Agens wäre, der diese Verkettung steuern, ändern oder stoppen könnte.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
Es gibt das Gefühl des freien Willens. Denn ich habe weder den Eindruck, das ich fremdgesteuert wäre, noch dass, das was bspw. mein Körper tut, zwanghaft geschieht. Dieses Gefühl ist sehr intim und einnehmend, so ähnlich wie das Gefühl, dass es so etwas wie "meinen Körper" gibt. Nichtsdestotrotz wird dieses Gefühl künstlich vom Gehirn erzeugt. Entscheidungen tauchen einfach auf, es gibt keinen Akteur, der etwas tut, daher kann es auch keine Kontrolle geben. Das Leben in seiner Gesamtheit ist frei, einzelne Elemente darin sind es nicht. Gedanken tauchen einfach auf, niemand kontrolliert ihre Entstehung oder kann sie steuern, beeinflussen oder unterdrücken. Ähnlich verhält es sich mit Entscheidung, Absicht und Wahl. Es sind nur Konzepte, die sich das "Ich" ausgedacht hat, um seine Existenzberechtigung zu legitimieren. Wurde das "Ich" durchschaut, verlieren sie ihre Kraft.
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Nein.
Möchte Menschen begleiten
Re: Möchte Menschen begleiten
Lieber Wolfgang,
willkommen bei LU, und danke für deinen ausführlichen Bericht!
Ich finde, es hört sich stimmig an, was du schreibst. Ich werde mich mal umhören, ob die anderen guides noch Fragen haben.
Herzliche Grüße
Ingen
willkommen bei LU, und danke für deinen ausführlichen Bericht!
Ich finde, es hört sich stimmig an, was du schreibst. Ich werde mich mal umhören, ob die anderen guides noch Fragen haben.
Herzliche Grüße
Ingen
Re: Möchte Menschen begleiten
Es gab keine Fragen mehr :) Ich schicke dir eine PN.
Re: Möchte Menschen begleiten
Lieber Wolfgang,
Ich würde mich sehr freuen wenn du mich begleitest!
Liebe Grüße Klaus
Ich würde mich sehr freuen wenn du mich begleitest!
Liebe Grüße Klaus
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