Postby Daniela_Heinemann » Tue Jul 15, 2014 9:32 pm
Hallo Joram,
1) Gibt es irgendwo oder in irgendeiner Art und Weise ein eigenständiges "Ich", "mich" oder "Selbst"? Gab es das jemals?
Nein, da ist kein eigenständiges „Ich“, „mich“ oder „Selbst“.
Es gab es nie. Es ist eine Illusion die in der Kindheit anerzogen wurde.
Alle weiteren Gedanken haben der Illusion geglaubt und das „Ich“ als wahr angesehen.
Genauso wie es den Weihnachtsmann gab, oder das Bild des alten Mannes mit Rauschebart auf der Wolke.
2) Erkläre detailliert was die Ich-Illusion ist, wie sie entsteht und wie sie funktioniert. Benutze dazu nur Deine eigene unmittelbare Erfahrung und beschreibe es so, wie Du es jetzt gerade erlebst.
Die „Ich-Illusion“ entsteht durch Gedanken. Gedanken wie:“ Ich bin gut. Ich bin schlecht.
Das habe ich aber gut gemacht. Das habe ich schlecht gemacht.“
Jeder dieser Gedanke lässt ein Gefühl entstehen. Wird das Gefühl wahrgenommen, kommt der nächste Gedanke:
„Ja, wenn da Traurigkeit oder Fröhlichkeit ist, dann ……. Warst Du das, dann Bist Du!“
Nächstes Gefühl, nächster Gedanke….usw.
Momentan kommt z.B. eine SMS an. Die Finger bedienen das Handy-Display. Da ist sehen der Nachricht. Buchstaben werden identifiziert, ein Termin klappt nicht.
Ein Gedanke denkt: „Was liegt heute noch an? Kinder abholen, Autofahrt zu Oma. Abfahrt 13h.“ Ein Gefühl taucht auf: „Sehnsucht, Wunsch den Termin noch heute zu ermöglichen.“
Gedanke: „Was kann ich anbieten? Heute Abend vielleicht?“ Und Schwups entsteht das Gefühl: ICH BIN, ICH MACHE, ICH REGEL DAS.
Aber alles nur Gedanken und Gefühle. Wann der Körper sich dem Handy wieder zuwendet, wann die Finger eine Antwort tippen, ist ohne Kontrolle. Sie tun es irgendwann, ohne ein ICH.
3) Wie fühlt es sich an die Illusion durchschaut zu haben? Was ist anders im Vergleich zu vor dem Dialog? Berichte aus den letzten paar Tagen.
Es fühlt sich freier und mehr in Ruhe an, die Illusion durchschaut zu haben.
Durch den Dialog ist die Entstehung der Ich-Illusion klar geworden.
Vorher waren unangenehme Gefühle, “ kleine Feinde.“ Das Gefühl: „unangenehm, nicht haben wollen“ , lies schnell einen Gedanken mit ICH Anhang aufsteigen.
Gedanke und Gefühl klebten eng aneinander und jetzt sind sie genauso da, wie angenehme Gefühle, sie kommen und gehen. Es ist ein liebevoller Umgang mit allem was auftaucht vorhanden.
In den letzten Tagen tauchten manchmal Sätze wie: „Du musst……. Z.B. den Kindern gegenüber eine klarerer Sprache entwickeln.“ Sofort stellten sich die Gefühle: traurig, enttäuscht, wütend… ein. Der Gedanke: “Du bist keine gute Mutter!“ tauchte auf. Schwups, da war sie die Ich-Illusion. Nächster Gedanke: „Da musst Du aber an Dir arbeiten!“ ……..
Und während die Gedanken und Gefühle auftauchen, ist eine Ruhe vorhanden, ein Gewahrsein das mit Gelassenheit alles kommen und gehen lässt. Mal mehr und mal weniger.
4) Was hat Dir den letzten Schubs gegeben, um die Illusion zu durchschauen?
Einen letzten Schubs, gab es in dem Sinne nicht. Das immer wieder hinschauen: Wo ist dieses ICH? Hat die Bestätigung gebracht. Nichts zu finden, außer Gedanken die ICH, ICH, ICH beinhalten.
Für „mich“ hat das Buch einen Prozess ausgelöst. Gefühle von: „Es entfaltet mich, es zieht mich“ waren ganz stark.
5) Beschreibe Entscheidung, Absicht, freier Wille, Wahl und Kontrolle. Wodurch entstehen sie? Wie funktionieren sie? Für was davon bist Du verantwortlich? Gib ein paar Beispiele aus Deiner direkten Erfahrung.
ICH mache keine Entscheidung, kann keine Absicht entstehen lassen, habe keinen freien Willen, keine Wahl und keine Kontrolle! Sie sind ein reiner Fluss von Gedanken- und Gefühlen-Ketten, schnell hintereinander auftauchend, abgleichend, abwägend. Wieso, weshalb es zu Entscheidungen kommt ist nicht zu ergründen. Irgendwann ist da ein stimmiges Gefühl zu einem vorherigen Gedanken, ein neuer Gedanke bestätigt: So stimmt‘s jetzt. 1sec. später kann die Entscheidung ganz anders ausfallen, da ein neuer Gedanke aufgetaucht ist und die Gefühls-Gedanken Abläufe alles wieder durchgehen.
Ein Beispiel sind die Kartoffelpuffer heute bei Oma, meiner Mutter. Grundsätzlich habe „Ich“ beschlossen (witzig), kein Essen mehr von meiner Mutter mir einpacken zu lassen.
Meine Mutter backt und kocht immer reichlich, so dass es auch immer etwas zum Mitnehmen gibt.
Jedoch konnte ich feststellen wie mein Körper sich zum Schrank mit den Tupper-Dosen bewegte, ein passendes Objekt aussuchend. Der Gedanke kam: „Du willst wirklich Kartoffelpuffer mitnehmen? Warum? Du willst doch das nicht mehr machen!“, ein Gefühl von Irritation. Der Gedanke: „Und warum auch nicht?“ Ein Gefühl von Liebe, Wärme, Freude tauchte auf. Und somit stand die Entscheidung fest: Kartoffelpuffer werden eingepackt.
Heute Abend haben sie gut geschmeckt!!!
Oder beim Autofahren auf der Autobahn:
Wann der Fuß den Befehl bekommt die Geschwindigkeit zu steigern oder zu reduzieren, wann überholt wird, oder wieder eingefädelt wird ist keine Willentliche- Entscheidung.
Jedes Mal gibt es Gedanken, Gefühle, Gedanken, Gefühle…. und der Augenblick der Entscheidung, dann bedienen die Finger den Blinker und dann: das Lenkrad anpassen, die Geschwindigkeit anpassen.
Einmal fädelt ein LKW 200m vor mir wieder nach rechts ein. Binnen Bruchteilen von Sekunden ist eine neue Entscheidung gefällt, das angefangene Überholmanöver wird korrigiert. Ein erneuter Blick in den Rückspiegel lässt den Gedanken entstehen: Jau, der Wagen auf der Überholspur fährt schneller als erwartet. Gut wieder auf dieser Spur zu sein.
Interessant war über den Tag die Umgekehrte Behauptung zu prüfen:
ICH kann Entscheidung treffen, ICH kann eine Absicht ausführen, ICH habe einen freien Willen, ICH habe eine freie Wahl, ICH habe Kontrolle!
Der Gedanke kam auf: Und wieso funktioniert das alles im Zusammenleben mit den Kindern nicht? Viele Bilder von Situationen tauchten auf, und die Umkehr-Behauptung zerplatze wie eine Blase.
Für was davon bist Du verantwortlich?
Für nichts.
Wo kein ICH, da kein DU. Nur dich Ich-Illusion bedingt Gefühle wie Schuld, Scham,……
(Wow, das war bisher nicht so klar!)
6) Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Toll, Danke für die herausfordernden Fragen.
Diese 5 bzw. 6 Fragen waren noch einmal rüttelnd. Die logische Antwort war mir z.T. klar, jedoch das wirkliche hinschauen und erfühlen ist noch einmal etwas ganz anderes.
Joram, Dir noch einmal Tausend Dank!